Die Kunst der Unabhängigkeit ... und einige Überlegungen zum Heldentum

Welcher Schatz unseren Körpern innewohnt …

Und wie viel Geschichten erzählt werden können, ohne daß ein Satz gesagt wird. Zur Erinnerung an Pina Bausch.


Aufstehen, hinfallen,
wanken, hinsinken,
entgleiten, auffangen, loslassen,
springen, emporschnellen, sich überschlagen,
in sich zusammenfallen,
abrollen, Schutz suchen,
sich verhärten, sich anspannen,
sich ineinanderkrallen, den Arm um jemanden legen,
sich berühren und wieder auseinandergehen,
sich hochheben lassen, sich tragen lassen, sich fallen lassen,
den Kopf senken, weinen, lachen, jauchzen, kichern,
jubeln, prusten, schluchzen,
gleiten, stolpern, hüpfen, purzeln, stürzen ...
gehen, schreiten, laufen, rennen, anhalten,
stehen bleiben ...
sich zum Narren machen,
einen Schuh verlieren und mit dem anderen weiterhumpeln,
stolzieren, geschmeidig flanieren,
sich wiegen, sich anschmiegen,
wippen, ungeduldig mit dem Fuß pochen,
stehen gelassen werden,
das Kinn hochheben,
die Augen senken,
kriechen,
gedemütigt werden,
angehimmelt werden ...
Der verschmierte Lippenstift!
Der verrutschte Rock!
Der hochgekrempelte Ärmel!
Das Hemd, das aus der Hose hängt.
Die hängende Zunge,
die fliegenden Haare,
der ausgestreckte Zeigefinger,
der gebogene Rücken,
das erhobene Haupt ...
Menschen bewegen sich,
und indem diese Gesten, Sprünge, Schritte, ...
von Pina ins Rampenlicht gesetzt, inszeniert, hervorgehoben
und bewußt gemacht werden,
oft spielerisch, aber immer leicht und nie „bedeutungsschwanger“,
sieht man sie auf einmal so,
als hätte man nie vorher auch nur im Entferntesten begriffen,
wie jede unserer inneren Bewegungen, unserer „emotions“,
sich nach außen hin bekunden, fortsetzen, ent-äußern,
zu motions werden.


Auszug aus der Laudatio auf Pina Bausch anlässlich der Verleihung des Goethe-Preises in der Frankfurter Paulskirche am 28. August 2008.
Wim Wenders
(1945, Düsseldorf)
ist einer der bekanntesten deutschen Regisseure. Zusammen mit anderen Vertretern des Neuen Deutschen Films gründete er 1971 den Filmverlag der Autoren. Die Liste seiner Auszeichnungen ist lang. 2006 wurde er als erster Filmschaffender überhaupt Träger des Ordens Pour le Mérite. Zu seinen preisgekrönten Filmen zählen Der Stand der Dinge, Paris, Texas, Der Himmel über Berlin, In weiter Ferne, so nah! und Buena Vista Social Club.

Copyright: Wim Wenders, Berlin / Verlag der Autoren, Frankfurt a. M., 2008