Kunstvermittlung

Das neue Museum der Unabhängigkeit Kolumbiens

Die Erneuerung des Museums begann mit einem pädagogischen Prozess und bezog neben Experten und Spezialisten auch die Museumsbesucher ein.

Museen werden immer bezichtigt, veraltete Institutionen zu sein, die dem Rhythmus des gesellschaftlichen Wandels nicht folgen. Wenn man das Publikum befragt, welchen Wandel es bei Museen erwarte, dann vertreten viele die Meinung, dass sich diese überhaupt nie verändern sollten beziehungsweise dass der Wandel oder Fortschritt eine kosmetische Sofortmaßnahme sein solle: einfache Entscheidungen, die sich auf den Vitrinenwechsel, ein neuartiges Design und den Einsatz neuer Materialien und Technologien beschränken. Das Publikum wünscht einen komfortablen und vor allem ästhetisch ansprechenden Ort, eine Mischung aus Vergnügungspark und Shopping-Center. Tiefgreifende und bedeutsame Umwandlungen hingegen benötigen einen langen Atem, denn im Allgemeinen betreffen diese eher eine neue Haltung als bloß neue Ausstellungstrends oder neue Räume zum Genießen.

Mit diesem Text möchte ich einige Elemente des umfassenden Erneuerungsprozesses aufzeigen, dem das „Museum 20. Juli 1810“ in Bogotá (Kolumbien) zwischen 2000 und 2010 unterzogen wurde, also bis zu den 200-Jahr-Gedenkfeierlichkeiten der nationalen Unabhängigkeit. Die Renovierung begann mit einem pädagogischen Prozess, der Expertenteams, Akademiker und Spezialisten verschiedener Fachrichtungen und zum Teil auch die Museumsbesucher mit einbezog. Der 20. Juli wurde 1873 zum Nationalfeiertag Kolumbiens bestimmt und erinnert an die Ereignisse des Volksaufstands in Bogotá, der damaligen Hauptstadt des Neuen Königreiches von Granada, einer Kolonie des spanischen Imperiums. Das Museum wurde im Zuge der Renovierung in „Museum der Unabhängigkeit” umbenannt.

Die ersten Schritte

Wenn irgendwo auf der Welt ein Museum erneuert wird, dann gibt es dafür mindestens zwei Wege: Der eine ist eine Einbahnstraße und geht vom Museum und seinen „Fachleuten“ aus; der andere bemüht sich um eine Außenperspektive und lädt meistens zu einer Publikumsbefragung ein, um zu gewährleisten, dass die Besucherwünsche in der Ausstellung gespiegelt werden (danach wird ein Profi-Team hinzugezogen, welches diese Wünsche in konkrete Handlungen umsetzt).
Seit dem Jahr 2000 dachte man über eine Neuorganisierung des Museums und über die Form nach, zu der es sich wandeln sollte. Der erste Vorschlag zur umfassenden Renovierung, der auftauchte, folgte dem ersten der beiden erwähnten Wege; grundlegender Bestandteil hierbei war die inhaltliche Erneuerung des Museums, die von fachkundigen Historikern genauer definiert wurde. Aber dieser Vorschlag fiel zeitlich mit dem Wechsel der Museumsleitung 2002 zusammen; die neue Leitung kam nach einer Analyse zu der Ansicht, dass eine Auswertung durch die Öffentlichkeit fehle. Auch wenn der Vorschlag nicht sofort verworfen wurde, begann doch ein pädagogischer Prozess des Dialogs mit dem Publikum und mit Experten unterschiedlicher Fachrichtungen, was dazu führte, den Vorschlag neu zu deuten.

Der Prozess

Besagter pädagogischer Prozess war komplex; Anstoß gaben Fragestellungen wie: Wie kann man die Besucher aktiv einbeziehen, anstatt sie nur nach ihren Wünsche zu fragen? Wie lassen sich die historischen Vorurteile zu den Geschehnissen vor 200 Jahren ändern? Wie kann man die Sicht des Publikums auf das Museum als eine Art Vaterlandstempel umformen? Das lag auf einer Linie mit der gleichen Sorge vieler Museen Lateinamerikas und der restlichen Welt; um die Herausforderung zu meistern, wirksame Handlungsträger des gesellschaftlichen Wandels zu sein, beginnen sie damit, eine enge Beziehung zu ihrem Umfeld aufzubauen. Dennoch muss man zugeben, dass es viel Zeit erfordert, um etwas über diese neue „Hörerschaft“ zu erfahren, und noch mehr Zeit, um sie anzuhören, diese Allianzen zu schmieden, die Ressourcen zur Stärkung dieser Verbindungen und der Möglichkeiten zu finden, diese Vorhaben nachhaltig zu lösen. Darin besteht eine der größten Herausforderungen der Museen unserer Breitengrade.

Die Aufgabe der Erneuerung eines historischen Museums in Kolumbien ist ein Beispiel dafür, dass eine solche Arbeit sehr wohl gelingen kann, eine Arbeit, die ihren Ausgangspunkt im kontinuierlichen Dialog nimmt und in der Einladung an das Publikum, Entscheidungen mit zu fällen, im konkreten Fall eben die Entscheidung für eine ganzheitliche Umgestaltung dieses historischen Ortes.

Außer den pädagogischen Aktionen trieb das Museum auch noch eine Reihe von Veranstaltungen akademischen Zuschnitts voran (Kolloquien, Workshops, Fachkonferenzen) und begann eine Reihe von Veranstaltungen mit dem Ziel der gemeinsamen Erörterung mit dem Publikum, um so bei diesem eine partizipative und kritische Haltung hervorzurufen. Die traditionellen Museumshallen wurden von Fragen, pädagogischen Aktivitäten und Überlegungen zur Sammlung, dem Patrimonium und der Unabhängigkeit als Konzept überschwemmt; das waren nicht die einzigen Strategien. Schließlich wurde im Laufe der Jahre 2007 und 2008 eine offene Publikumsbefragung an diversen Örtlichkeiten vorgelegt, welche die Grundlage für die Ausformulierung des neuen Projektes wurde. Gefragt wurde dort, welche Art von Museum man für das Gedenken der 200-Jahr-Feiern der Unabhängigkeit gerne hätte. Mit dieser Initiative kam der Zyklus zum Abschluss, der 2002 eröffnet worden war, weil man die aktive Teilhabe der Bürgerschaft als integralen Bestandteil des Renovierungsprozesses des Museums für unumgänglich erachtet hatte; so wurde auf das verfassungsmäßige Mandat geantwortet, mittels realer Partizipation eine Bewertung und Validierung durch die Bürgerschaft zu erreichen.

Die Auswirkungen

Das Ergebnis der akademischen Arbeit war die Erstellung eines langfristigen konzeptuellen Schemas, das seinerseits bei einer ganzen Reihe von Diskussionsrunden von Spezialisten, mit Architekten, Historikern und Museologen, auf Herz und Nieren geprüft wurde, um den Vorschlag zu perfektionieren. Das wichtigste Ergebnis des neuen Ansatzes war, dass dem Publikum zwei alternative Rundgänge angeboten werden: die „Route der Unabhängigkeit” und die „Route der Bürgerschaft (ciudadanía)”. Das soll die Spannung beim Besucher steigern, wenn er den Rundgang auswählen muss (Unabhängigkeit ist letztendlich eine Wahl, zu der eine Entscheidung nötig ist). Diese Rundgänge laufen in einem zentralen Raum zusammen. In diesem Saal erreicht die Erzählung mit der Präsentation des sinnbildlichen Objektes des „Florero“ ihren Spannungshöhepunkt [Der Zwischenfall mit der berühmten Blumenvase (florero) von Llorente, eigentlich ein Ständer mit dem Wappen der spanischen Krone, gilt als Auslöser der kolumbianischen Unabhängigkeitsbewegungen, Anm. d. Ü.)]. Im Anschluss an diesen Saal kann man dann in umgekehrter Richtung dem anfangs nicht ausgewählten Rundgang folgen und hat so das komplette Panorama der Erzählung im Museum. Am besten lässt sich diese Intention mit dem Möbiusband illustrieren; es hat bekanntlich nur eine Oberseite und nur eine Kante und bildet eine unendliche Schleife. Dieses Objekt, das seinen Namen dem deutschen Mathematiker August Ferdinand Möbius (1790–1868) verdankt, hat die mathematische Eigenschaft, richtungslos zu sein.

Die Entscheidung für dieses Ausstellungsmodell gehorchte andererseits der Notwendigkeit, den Besuchern ein „interaktives, dynamisches und modernes“ Museum zu bieten, das gleichzeitig lokale und universale Zusammenhänge der Unabhängigkeitsprozesse breit angelegt zeigen sollte. Dafür wurde eine Ausstellungsmontage entwickelt, die Videos, technische Interaktion und Räume zur sinnlichen Erfahrung zusammen mit den Sammlungen der sehr alten historischen Objekte in ihrer ganzen Vielfalt nutzt. Die Reaktionen des Publikums auf dieses „neue“ Museum sind höchst positiv, denn es bemerkt, wie notwendig die Beratungen und pädagogischen Übungen im Laufe eines siebenjährigen Dialogs und Austausches von Wahrnehmungen mit vielerlei gesellschaftlichen Gruppen waren.

Schlussfolgerungen

Die Definition von Museum als einer dauerhaften Einrichtung im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung bringt im Lichte dieser Ausführungen ein scheinbares Paradox zutage. Man könnte sagen, dass die Rede von der Renovierung einer musealen Institution doch ihrem Charakter des Dauerhaften widerspräche, denn dies scheint mit der von den meisten Menschen geteilten Vorstellung zu kollidieren, dass der Sinn einer kulturellen Bildungseinrichtung, wie sie ein Museum ist, eben die Unverrückbarkeit der Tradition sei.

Dennoch wollte man im Rahmen eines historischen Gedenkens wie der 200-Jahr-Feier der kolumbianischen Unabhängigkeit zeigen, wie notwendig die Arbeit an Veränderungen, Erneuerung und Wandel der Diskurse und den Vermittlungsformen historischer Inhalte ist – auch gegen Widrigkeiten wie gedrängte Zeitpläne, Forderungen externer Sachbearbeiter oder das langsame Tempo der staatlichen Bürokratie. Infolgedessen ist die wichtige Lehre, die wir aus dem Prozess der integralen Erneuerung des Museo de la Independencia ziehen können, folgende: Wenn sich ein Museum einer Gesellschaft verdankt und Teil von ihr ist und wenn sich diese Gesellschaft von Natur aus wandelt, dann ist das Museum verpflichtet, diese gesellschaftlichen Veränderungen in seine institutionelle Dynamik, in seine Inhalte und seine Kommunikationsformen zu integrieren. Nur so macht es Sinn, bei den Mitbürgern, auf die wir alle unsere Aufgaben und tagtäglichen Anstrengungen richten, Verständnis für historische Prozesse zu wecken und sie zur Teilnahme aufzurufen.
Daniel Castro Benítez (1960)
ist Künstler, Musiker und Pädagoge. Er arbeitete seit 1979 auf dem Feld der Kunstvermittlung in Kolumbien. Derzeit koordiniert er die Regionalgruppe Lateinamerika und Karibik der pädagogischen Vermittlungsarbeit des ICOM (International Council of Museums). Er ist Direktor des Museums Quinta de Bolívar und des Museo de la Independencia – Casa del Florero in Bogotá.

Übersetzung aus dem Spanischen: Isabel Rith-Magni
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2011

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