Kunstvermittlung

„Egomania“

Der Deutsche Pavillon bei der Biennale von Venedig. Ein Kommentar der Kuratorin.

Der zweite Seitenflügel des Pavillons ist Schlingensiefs zuletzt wichtigstem Projekt, seiner Vision eines Operndorfs in Afrika, zugedacht. In der Nacht vor seiner Operation hat Schlingensief den Plan für dieses soziale Zukunftsprojekt gefasst und sich ihm bis zu seinem Tod mit aller Kraft und Hingabe gewidmet. In der Nähe von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, entsteht bereits seit 2010 Remdoogo, das Operndorf in Afrika mit einer Schule mit Film- und Musikklassen, Werkstätten und Lager, Wohn- und Gästehäusern, Kantine, Büros, Café, Siedlungen, Fußballplatz, Agrarflächen, Restaurant, Krankenstation, einer Theaterbühne mit einem Festsaal und Proberäumen, das Schlingensief gemeinsam mit Freunden und Partnern in Ouagadougou und mit dem afrikanischen Architekten Francis Kéré entworfen und in Teilen bereits umgesetzt hat. Das Operndorf soll ein Ort sein, an dem die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen der unmittelbaren Umgebung lernen, ihre musikalischen und künstlerischen Fähigkeiten zu entwickeln und gemeinsam zur Aufführung zu bringen; ein Ort, an dem die dort lebenden jungen Menschen aus Burkina Faso ihre Experimentierfreudigkeit und Neugier entfalten und aus ihrer eigenen Kraft heraus gestalten können. Ganz im Beuys’schen Sinne der sozialen Plastik und des erweiterten Kunstbegriffs sollen hier Kunst und Leben zusammenfließen, es soll ein Forschungslabor für die Aufhebung der Trennung von Kunst und Nichtkunst entstehen. Neben den Bild- und Dokumentationsmaterialien, die in Afrika bereits entstanden sind, und den Fotos, die die Kinder und Jugendlichen dort gemacht haben, wird dieser Bereich des Pavillons auch einen Teil der von Schlingensief bei einem afrikanischen Filmemacher bereits in Auftrag gegebenen Panoramaaufnahmen der Umgebung des Operndorfs zeigen. Außerdem werden wir hier auch einen Zusammenschnitt von Via Intolleranza II zeigen, dem Stück, in dem Christoph Schlingensief aufs Deutlichste sein Anliegen für Afrika einerseits und seine Fähigkeit zu Selbstbefragung und Selbstkritik andererseits demonstriert. In geradezu schmerzhaft eindringlicher Form werden hier die komplexe und komplizierte Vermischung von Vision und Scheitern, vom Mensch- und Künstlersein und der vielleicht nie aufzulösende Widerspruch zwischen westlicher Intoleranz und dem Versuch einer realen, gleichberechtigten Begegnung thematisiert. 

Auszug aus dem Katalogtext zum Deutschen Pavillon bei der 54. Biennale von Venedig 2011

Susanne Gaensheimer (1967, München)
ist Kunsthistorikerin und seit 2009 Leiterin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt a. M. Zuvor war sie Kuratorin und leitete die Sammlung moderner Kunst im Lenbachhaus, München. Sie kuratierte den Deutschen Pavillon auf der 54. Biennale von Venedig, der mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde.

Copyright: 2011 Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

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