Kunstvermittlung

Die Hornisse

Ein Verrückter genießt in der ganzen Welt späten Ruhm – außer in Deutschland. Zu Besuch beim Filmregisseur Werner Herzog in den Hollywood Hills.

Los Angeles. Die Fahrt vom Sunset Boulevard zu seinem Haus in den Hollywood Hills möchte Werner Herzog zuvor am Telefon erklären.

Man fährt danach nicht einfach los, sondern holt erst einmal tief Luft. Seine Beschreibung klingt nach einer heiklen Mission: „Sie schlängeln sich immer tiefer in den Canyon hinein! Suchen Sie nun den Lookout Mountain! An der Gabelung verirren sich alle! Kein Handyempfang!”

Als Herzog aus seiner hübschen Villa kommt, um das weiße Gartentor zu öffnen, berichtet er sogleich vom Sturzbach, in den sich die Straße beim endlosen Regen neulich verwandelt habe. Im Wohnzimmer geht es weiter: „Ja, also hier, unsere Katze. Meine Frau hat die neulich gerettet. Ein Kojote wollte sie reißen. Manchmal sitzen zwölf Kojoten auf dem Dach und schauen zu uns herunter.” Er deutet auf die Glasfenster in der Decke, auf denen jetzt gerade nasse Blätter unter kalifornischer Sonne trocknen.

Hier, an den steilen Hängen um den Laurel Canyon, wohnten mal berühmte Anti-Bürger wie Neil Young oder Frank Zappa. Heute zieht es Leute wie George Clooney her, denen Beverly Hills zu öde geworden ist. Werner Herzog wuchs im bayerischen Chiemgau auf, er liebt es hier am Canyon des alpinen Charmes wegen. Man muss sagen, dass Herzog eigentlich so lebt, wie man gerne selbst leben würde, wenn man auf die Siebzig zugeht: schönes Haus, Pool im Garten, ein paar ausgewählte DVDs im Regal, auf dem Couchtisch ein zweisprachiger Band der Historischen Bibliothek von Diodorus Siculus aus dem ersten Jahrhundert vor Christus: „Um mein Altgriechisch aufzufrischen.” Aus der Küche bringt er Orangensaft.

Das alles wirkt kalifornisch frei von Reibung, als mache Herzog hier Urlaub. Doch kaum beginnt der Mann zu sprechen, in seinem anheimelnden oberbayerischen Akzent, ist alles Kampf, Konflikt und Krieg. An vorderster Front in diesem Krieg steht er natürlich selbst. Und was für ein Soldat ist er? „Ein guter Soldat des Kinos.”

Der in Hollywood bis heute vergötterte Rainer Werner Fassbinder ist schon lange tot. Wim Wenders zehrt nur noch vom alten Ruhm. Werner Herzog ist Teil jener Generation der Anarchisten – und er ist heute der bedeutendste deutsche Filmregisseur im Ausland. 3000 Menschen kamen neulich in die Londoner Royal Festival Hall, um ihn auf der Bühne zu erleben. Als das Time Magazine im Dezember seine Liste mit den weltweit 100 bedeutendsten Menschen veröffentlichte, fanden sich nur zwei Deutsche darunter: Werner Herzog und Angela Merkel.

In Deutschland, das er vor rund 15 Jahren verlassen hat, nimmt man das alles kaum wahr. Nach Fitzcarraldo und Cobra Verde ist er aus dem öffentlichen Bewusstsein fast verschwunden. Einen seiner letzten großen Auftritte hatte er 1992, als er auf der Berlinale seinen Kuwait-Film Lektionen in Finsternis vorstellte. Man unterstellte Herzog eine Ästhetisierung des Golfkriegs, was, wenn man den Film heute betrachtet, kaum nachvollziehbar ist. Das Publikum brüllte ihn von der Bühne. Draußen spuckte man ihm nach. Herzog sagt: „Ein Erlebnis, das ich nicht missen will.”

Los Angeles: Ist das nicht der letzte Ort, an dem man ihn erwartet hätte? „Es war ein radikaler Neuanfang – und er hat mir sehr gut getan. Neue Leute, neue Themen. Los Angeles ist die Stadt mit der meisten Substanz in den USA. Alles, was im letzten halben Jahrhundert die Welt bewegt hat, hat in Kalifornien seinen Anfang genommen. Die Bürgerrechtsbewegung, die Schwulenbewegung, die Computer und die Träume, die Hollywood produziert hat. Ebenso natürlich die Dummheiten: Pseudophilosophie, New Age. In so einem Klima zu leben, ist aufregend.”

Was er für das Filmemachen wissen musste, hat Herzog mit 14 Jahren einem Lexikon entnommen. Mit einer Kamera, die er in der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film gestohlen hatte, und mit dem Geld, das er als Schweißer verdiente, begann er dann mit 19 zu drehen.

Für Lebenszeichen, seinen ersten Spielfilm, gewann er mit 25 den Silbernen Bären. Der weltweite Ruhm kam mit Aguirre, der Zorn Gottes, dem ersten von fünf Filmen mit dem Über-Schauspieler und „meinem liebsten Feind”: Klaus Kinski. Doch kein Film definierte Herzog so wie Fitzcarraldo (1982), das spektakuläre Epos vom Abenteurer und Opernnarr Brian Sweeney Fitzgerald, der im Urwald ein Schiff über einen Berg zieht. „Meine Aufgaben und die der Figur sind identisch geworden”, schreibt Herzog angesichts der Katastrophen, die die Dreharbeiten heimsuchten, in seinem Tagebuch Eroberung des Nutzlosen. Doch es ging ja noch weiter: Er selbst verschmolz schließlich in der öffentlichen Wahrnehmung mit seinem megalomanischen Helden.

Wie Fitzcarraldo, so stapfte Herzog immer weiter: zwei Flugzeugabstürze; der Krieg in der Grenzregion von Peru und Ecuador, wo Herzog ein großes Camp für Mitarbeiter und Statisten hatte bauen lassen; dann die Legende, Herzog habe Kinski mit gezogener Waffe dirigiert, weiter, weiter, immer weiter. Das sich in wilder Panik verbreitende Gerücht, Claudia Cardinale sei auf dem Weg zum Drehort von einem Lastwagen überfahren worden, räumte Werner Herzog schließlich gegenüber dem Filmteam aus der Welt, wie es sich für einen Übertreibungskünstler nun mal gehört: Er rief, die Cardinale sei nicht nur überfahren, sondern anschließend vom Fahrer des Lkws auch noch vergewaltigt worden.

All der wahre und erfundene Irrsinn rund um Fitzcarraldo ähnelte auf fatale Weise dem, was Herzog mit so vielen anderen Filmen erlebt hat: Mit Lebenszeichen geriet er in die Wirren des griechischen Militärputschs. Als er in Kamerun Fata Morgana drehte, warf man das Team ins Gefängnis und Herzog holte sich Malaria. Der bizarrste Zwischenfall ereignete sich 2006: Während er der BBC in der Nähe seines Hauses hier am Laurel Canyon ein Interview gab, schoss ihm ein Verrückter mit dem Luftgewehr in den Bauch. „Es war kein ernstzunehmendes Projektil”, winkte er lapidar ab und setzte das Interview fort. Doch als er später vor laufender Kamera seine Hose öffnete, waren seine Boxershorts blutgetränkt.

Herzog richtet sich jetzt auf dem Sofa auf, und dann wird es ein wenig tragikomisch: „Aber ich tue doch alles, um Katastrophen aus dem Weg zu gehen! Ich habe nie ein Menschenleben riskiert!” Und dann, etwas kleinlaut: „Höchstens ein Mal. Als ich 1976 auf dem Vulkan La Soufrière auf Guadeloupe gedreht habe, obwohl ich wusste, der wird im nächsten Moment explodieren. Aber ich bin nicht wegen des Berges hinaufgestiegen, sondern wegen des Mannes, der sich nicht evakuieren lassen wollte: Was ist das für einer? Was für ein Verhältnis zum Tod hat der?”

Mitunter denkt man, Herzog ist wie eine Zeichentrickfigur – plattgewalzt und durchlöchert erhebt sie sich und läuft weiter. In New York bricht er sich beim Sprung aus einem Fenster das Bein. Dann überwintert er in einem VW-Käfer mit einem gegen die Kälte in Zeitungspapier gewickelten Gipsbein. In Mexiko tritt er als Stierbändiger „El Alamein” beim Rodeo auf, obwohl er nicht einmal auf einem Pferd reiten kann. Und nichts macht er lieber, als in seinen Filmen solche Geschichten zu erzählen, seine eigenen und die der mit ihm verwandten Seelen.

In Grizzly Man rekonstruierte er die letzten Monate im Leben eines Mannes, der unter Bären lebte, bis ihn einer eines Tages zerfleischt. Für Lektionen in Finsternis besuchte er die Feuerwehrleute, die in Kuwait die von Saddams Truppen in Brand gesetzten Ölquellen löschten. In Encounters at the End of the World war er bei Tiefseetauchern in der Antarktis. „Neugier treibt mich halt dorthin”, sagt Herzog, und kühl fügt er an: „Leute, die auf der Couch Beziehungsprobleme wälzen, werden Sie bei mir nicht finden.”

Auch in den Filmen seiner Jünger wünscht er sich so etwas nicht. Sonst hätte er im Filmseminar, das er im Januar 2010 in Los Angeles zum ersten Mal abgehalten hat, seine Schüler nicht nur zum Lesen angehalten: „Lest, lest, lest, lest, lest! Wer nicht liest, wird nie ein guter Regisseur!” Sondern er hat ihnen auch beigebracht, wie man mit dem Dietrich Schlösser öffnet – eine Voraussetzung für Wanderungen, auf denen man mehr über das Filmemachen lerne als auf andere Weise.

Als er 1985 zu Fuß um West- und Ostdeutschland herumwanderte, hat er viele Nächte in unbewohnten Häuser verbracht: „Der Regen kommt auf Sie runter, die Dunkelheit bricht ein, und der nächste Ort ist zwölf Kilometer weg. So. Und dann finden Sie in den Bergen eine Skihütte, die nur einen Monat im Jahr benutzt wird. Es gibt dann ein Naturrecht, dort Unterschlupf zu suchen. Ich richte keinen Schaden an. Das Bett verlasse ich säuberlich gemacht, und das Geschirr spüle ich und trockne es ab.”

Doch Herzog reist nicht um des Reisens willen, und nichts läge ihm ferner als romantischer Eskapismus à la Jenseits von Afrika. Was er mit seinen Filmen sucht, ist eine Definition von Wahrheit, die er der Welt erst abringen muss.: „Wir sind heute begraben unter einer Lawine von erfundenen Realitäten. Erfundene Begegnungen bei Facebook; erfundene Bilder dank Photoshop; die erfundene Realität im Netz, im Reality-TV; erfundene Kämpfe bei Wrestlemania. Wir müssen uns dem stellen. Und wir müssen neu definieren, was Wahrheit im Kino heute ist.”

Deshalb kaufte Herzog schon vor 30 Jahren für Fitzcarraldo ein echtes Schiff und zog es über einen echten Berg, statt mit einem Plastikmodell zu drehen, wie es ihm die angsterfüllten Studiochefs nahelegten. Deshalb scheut er sich nicht davor, seine Dokumentarfilme mit Fiktion und Inszenierung zu durchsetzen. „Nicht um das Publikum zu betrügen, sondern um an eine tiefere Schicht von Wahrheit heranzukommen, die sonst verborgen bliebe.” Den Satz „Wenn jetzt ein Weltkrieg ausbräche, ich würde es nicht mitbekommen” hat die taubblinde Fini Straubinger, die er in Land des Schweigens und der Dunkelheit porträtiert, nie gesagt. Die Spezialisten in Kuwait zündeten die Ölquellen nach dem Löschen nicht wieder an, weil sie „nicht ohne Feuer leben können”, sondern um einen gefährlichen Ölsee kontrolliert abzufackeln.

Und Dieter Dengler, der aus Deutschland stammende, über Vietnam abgeschossene US-Pilot in Little Dieter Needs to Fly, litt nach seiner Haft in einem Vietcong-Lager keineswegs an dem Tick, ständig Türen auf- und zuzumachen: „Mir fiel auf, dass in seinem Wohnzimmer lauter Gemälde von offenen Türen hingen. Da sagte ich: ,Komm Dieter, wir drehen jetzt.’ Es ist erfunden und inszeniert von mir. Das ist jenseits der Buchhalterwahrheit: Es ist die ekstatische Wahrheit von Dieter Dengler!”

Mit der Verteidigung der „ekstatischen Wahrheit”, dem Schlüsselwort seines Werks, zieht er den Zorn der Kollegen auf sich, die sich der Tradition des Cinéma Verité verpflichtet fühlen, der Norm im Dokumentarfilm. Da kann er sich wunderbar aufregen: „Neulich war ich bei einer Podiumsdiskussion in Amsterdam. Eine Frau trötete da unter dem Beifall aller heraus, ein Dokumentarfilmer müsse sein wie eine Fliege an der Wand: nur beobachten, nicht eingreifen. Ich hielt’s nicht aus und rief: ,Ich will nicht diese Fliege sein! Sondern die Hornisse, die sticht – die die Kuhherde in Panik versetzt!’”

Die „neuen Bilder”, mit denen er den Realismus seiner Spielfilme immer wieder durchsetzt, haben einen ähnlichen Effekt. Er setzt einen Liliputaner auf den größten Baumstumpf der Welt; er filmt den Science-Fiction The Wild Blue Yonder unter dem Eis der Antarktis. Und er unterbricht die atemlose Handlung von Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans, ein fiebriges Cop-Drama mit Val Kilmer, Eva Mendes und einem Nicolas Cage mit einer denkwürdigen Borderline-Performance, mit schlierigen Videoaufnahmen von Leguanen. „Als der Produzent das sah, sagte er: ,Werner, die Leguane hauen wir raus, die haben ja mit der Geschichte nichts zu tun.’ Aber jeder, der den Film sah, sprach von den Leguanen. Also blieben sie drin.”

Als Künstler darf man ihn dabei nicht bezeichnen. „Die gibt es heute nur noch im Zirkus: Trapezkünstler, Zauberkünstler. Der André Heller hat ja sogar einen Kunstfurzer aufgetan. Wer das Wort ‚Künstler’ heute noch benutzt, steckt in der Zeit fest, als junge Fräuleins auf dem Sofa ohnmächtig wurden und Männer sich im Morgengrauen Pistolenduelle lieferten.”

Kaum ist der Ausbruch vorüber, hält er die Kunst mit einer Emphase hoch, die den meisten heute peinlich wäre: „Die Mayas und die Assyrer kannten menschliches Pathos. Doch erst Michelangelo hat es in der Sixtinischen Kapelle sichtbar gemacht. Ein Schiff über einem Berg, das ist ebenfalls ein Bild, das uns allen vertraut ist. Ich habe dieses Bild – wie einen lieben alten Bekannten in Ihnen! – wachgemacht. Ich kann das! Und das macht die Arbeit schön.”

Als ein Transportflugzeug Herzog in der Antarktis absetzte, wo er Encounters at the End of the World drehte, war Vergils Georgica dabei – ein Buch, das ihm Klarheit brachte. Der Klassiker ist in Los Angeles jetzt die Pflichtlektüre für seine Filmstudenten. „Ich wusste nichts und kannte keinen. Wie soll man einen ganzen Kontinent in sechs Wochen erklären?” Er entschied sich, es so zu machen wie Vergil: „Der erklärt nichts, der ist nicht didaktisch. Er benennt nur die Glorie der Apfelbäume und des Bienenstocks und den Schrecken der Pest. Ich dachte mir: Wir benennen jetzt hier im Eis die Glorie dieser Antarktis! Und Menschen, die uns nahegehen, erzählen uns etwas dazu.”

Einer war ein bulgarischer Baggerfahrer, der Philosophie und Literatur studiert hatte. „Ich fragte den, was ihn in die Antarktis geführt habe. Schon bevor er lesen und schreiben konnte, habe ihm seine Großmutter von Odysseus und von den Argonauten erzählt. Da sei es passiert: ‚I fell in love with the world.’”

„Mich traf da fast der Schlag”, sagt Herzog auf dem Sofa in seinem schönen Haus an den Hängen des Laurel Canyon: „Denn wissen Sie, ich dachte: Mensch, dieser Baggerfahrer, das bin ja ich.”

Der Text erschien zuerst in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 4. Februar 2010.
Jörg Häntzschel (1968)
studierte Literaturgeschichte und vergleichende Literaturgeschichte, Anglistik und Romanistik in Berlin und London. Seit 1995 ist er journalistisch tätig. 2003–2004 war er stellvertretender Direktor des Feuilletons der „Süddeutschen Zeitung“, für die er seit 2005 als Auslandskorrespondent arbeitet.

Copyright: Süddeutsche Zeitung, www.diz-muenchen.de

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