Kunstvermittlung

Bedrohte Landschaftsarchitektur in Mexiko

Die Bewahrung des einzigartigen landschaftlichen und architektonischen Erbes der Sierra Norte von Puebla ist in Zeiten der Globalisierung von existenzieller Bedeutung für die gesamte Region und ein Modell für andere mexikanische Bundesstaaten sowie ganz Lateinamerika.

Mexiko verfügt über faszinierende Kulturlandschaften, es wirbt mit präkolumbischen Ruinen und Kolonialstädten, berühmten Orten des Weltkulturerbes. Eine Vielfalt von Landschaften und Klimazonen hat darüber hinaus regionale Architekturen geprägt, die im Verlauf eines langen Prozesses entstanden sind. Dieses kulturelle Erbe ist bis heute wenig untersucht. Inzwischen droht es im Strudel der Modernisierung zerstört zu werden. Die Situation im mexikanischen Bundesstaat Puebla ist dafür symptomatisch: In der Stadt Puebla konzentrieren sich Forschung und Denkmalpflege. Ihr Zentrum ist als UNESCO-Weltkulturerbe berühmt. Die mittleren und kleineren Orte, meist in der Kolonialzeit aus Klostersiedlungen entstanden, sind kaum bekannt. Erst in jüngster Zeit rücken sie ins Blickfeld der Forschung, welche hier attraktive Aufgaben erkennt. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit: Auf neuen Verkehrswegen dringen die Modelle der städtischen Baukultur unaufhaltsam in bis vor Kurzem noch schwer zugängliche Regionen vor. Sie verändern traditionelle Ensembles auf drastische Weise.

Regionale Baukulturen

Zwischen der Halbinsel Baja California, dem zentralen Hochland und dem tropischen Chiapas haben sich neben der Architektur der Städte im ländlichen Raum zahlreiche traditionelle Bauformen erhalten. Ihr gemeinsames Charakteristikum sind die geschickte Einbindung der Bauten in die jeweilige Naturlandschaft und in ihr Klima sowie die Nutzung der örtlichen Ressourcen. Diese Architekturformen waren bereits nachhaltig, bevor dieser Begriff ein Modewort wurde. Ihre Wiederentdeckung erfolgt im Rahmen einer Besinnung auf die Bedeutung der Klein- und Mittelstädte als Alternative zu den Ballungszentren. In Mexiko lagen die Schwerpunkte der Architekturforschung auf der Kolonialzeit, dem Neoklassizismus des 19. Jahrhunderts, dem Eklektizismus und der klassischen Moderne der Metropolen. Die Bedeutung der traditionellen regionalen Architektur wurde lange unterschätzt. Erst gegen Mitte des 20. Jahrhunderts begannen parallel zu namhaften Architekten wie dem Mexikaner Luis Barragán auch Wissenschaftler mit regionalen Studien. Wegweisend wirkten die wissenschaftlichen Inventarisierungen der Architekturhistorikerin Esperanza Ramírez Romero in Bezug auf den Bundesstaat Michoacán. Sie dienten als Grundlage zur Aufnahme Pátzcuaros in die Welterbeliste der UNESCO. Dadurch rückte die „Architektur ohne Architekten“ zunehmend ins Blickfeld der Forschung.

Die Inventarisierung der Kunstdenkmäler in den mexikanischen Bundesstaaten, anfangs auf monumentale Bauwerke fixiert, begann erst allmählich historische Ensembles und Monumente des 19. Jahrhunderts einzubeziehen. Heute zählen auch Orte mit einem ausgeprägten Bestand an Volksarchitektur zum Weltkulturerbe, wie etwa Tlacotalpan im Bundesstaat Veracruz. Daran lässt sich ein Paradigmenwandel ablesen.

Regionale Studien

In den 70er-Jahren organisierte die Deutsche Forschungsgemeinschaft in Kooperation mit dem Instituto Nacional de Antropología e Historia im Raum Puebla-Tlaxcala interdisziplinäre Studien. Ein Gemeinschaftsprojekt dieser Art war damals außergewöhnlich. Systematische Studien über vernakulare Architektur blieben bislang eine Rarität, da sie aufwendige Forschungen vor Ort voraussetzen. Nach intensiven Diskussionen formulierte eine Gruppe von Wissenschaftlern der Universität Puebla ein interdisziplinäres Projekt zur Kulturgeschichte der Sierra Norte. Das Projekt wird von dem Kunsthistoriker Antonio Pérez Diestre (Puebla) koordiniert; und aus Stuttgart der Architekt und Stadtplaner Eckhart Ribbeck. Ein Kooperationsvertrag zwischen Mexiko (Asociación Nacional de Universidades e Instituciones de Educación Superior, ANUIES) und Deutschland (Deutscher Akademischer Austauschdienst, DAAD) fördert das Projekt.

In einer zentralen Zone der Sierra Norte wurden historische Orte mit besonderen Qualitäten als Ensembles ausgewählt: Ixtacamaxtitlán, Ahuaclatlán, Zapotitlán de Méndez, Xochitlán, Jonotla, Huehuetla. Diese Orte zeichnen sich durch eine perfekte Integration in die Landschaft aus und verfügen über Sichtachsen und kompakt gestaltete Ortskerne. Das Bodenrelief wird durch Terrassen, Treppen und Rampen akzentuiert. Ihre historischen Platzformen bilden symbolische Orte von besonderem ästhetischen Reiz.

Die Nachhaltigkeit der Orte am Wasser

Die Architektur der Sierra Norte basiert auf einem geringen Landschaftsverbrauch, einem schonenden Umgang mit Ressourcen, der Nutzung lokaler Materialien (Holz, Lehm, Bambus und Naturstein), der Integration der Vegetation, den geringen Wartungskosten und den Möglichkeiten des Selbstbaus. Motive totonakischer Bautraditionen gehen mit dem Patio-Modell eine Symbiose ein.

Entscheidend für die Wirkung der Ensembles sind die Lage an Flüssen und die Schaffung eines angenehmen Mikroklimas. Durch kreative Gestaltung des Ortsbilds wird die natürliche Ventilation nicht unterbrochen, sondern ausgenutzt. Die raffiniert geplante Vegetation und die Schaffung schattiger Zonen in den Orten wirken sich zusätzlich positiv aus.

Seit der Gründung der Siedlungen war die Präsenz der Wasserläufe entscheidend, ihre Gestaltung für das Ortsbild von prägender Bedeutung. Das Ökosystem der Sierra Norte ist durch tiefe Flusstäler gegliedert. Hierbei handelt es sich allerdings nicht um passierbare Wasserwege, sondern um trennende Schluchten, die durch Brücken überwunden werden müssen.

Die Brücken bestanden anfangs aus vegetalen Materialien. Während der Regierungszeit Porfirio Díaz‘ (1876-1911), also zur Zeit des sogenannten Porfiriato, wurden sie monumental aus Stein gestaltet und gerieten so zu Symbolen der Binnenkolonisation. Brücken verbinden Orte und Landschaften. Sie markieren Übergangszonen und Grenzen. Sie können ein Viertel aufwerten und einen bevorzugten Raum des Handels bilden. Gleichzeitig bestimmen sie das Raumerlebnis durch die Verbindung von Nähe und Ferne. Sie sind auch Orte des Innehaltens und ermöglichen das „Eintauchen des Menschen in ein sinnliches Universum“, wie der Architekt Bruno Stagno aus Costa Rica bemerkt. Brücken sind nicht zuletzt auch ein Leitmotiv historischer Landschaftsarchitektur. Sie bilden einen Schwerpunkt bei allen Rehabilitationsmaßnahmen. Das gilt auch für die Gestaltung der Uferzonen im öffentlichen Raum.

Die Pflege des architektonischen Erbes ist Voraussetzung für einen kulturell orientierten Tourismus. Diese Erkenntnis kann sich positiv auf die Bewahrung historischer Siedlungen auswirken. In Puebla widmet sich eine Gruppe engagierter Wissenschaftler der Vermeidung von Katastrophen, indem sie deren Ursachen erforscht. Überschwemmungen entstehen beispielsweise durch unsachgemäße Eingriffe in Flussläufe. Die Vermeidung von Schäden ist der kostspieligen Behebung derselben vorzuziehen. Ebenso ist die Bewahrung eines historischen Ortsbilds nachhaltiger als aufwendige denkmalpflegerische Maßnahmen.

Angesichts eines sozialen Problemdrucks entstehen in den Siedlungen der Sierra Norte inzwischen Konzepte einer kulturadäquaten Entwicklung: in Cuetzalan entschied sich der Stadtrat im Jahr 2011 einstimmig für die Realisierung des von den Wissenschaftlern aus Puebla entwickelten Plans einer Territorialordnung, der auf der Respektierung des historischen Ortszentrums und seiner einzigartigen Naturlandschaft beruht.

Historische Regionen – Gesellschaft – Baukulturelles Erbe

Historische Orte machen Geschichte erlebbar. Sie bieten Chancen der Orientierung, der Identifikation mit einem konkreten Territorium. Die Bewohner erleben harmonische Dimensionen der umbauten Räume, während sie in den Ballungsräumen von austauschbaren „Fortschrittsikonen“ (Eckhart Ribbeck) überrollt werden und nur schwer erkennen können, wo sie sich befinden und wohin sie reisen. Tropische Fantasien eurozentrischer Mythen oder ein mexikanischer Beitrag, der angesichts des Klimawandels eine neue Dimension eröffnet?

In Zeiten der Krise gewinnen die Territorien durch das Konzept nachhaltiger Entwicklung, an dem ihre Bewohner aktiv einbezogen sind, stark an Bedeutung. Moderne Konzepte der Territorialforschung eröffnen neue Perspektiven. Sozialwissenschaftler wie Eckhard Boege, Victor Toledo und Narciso Barrera verweisen auf das biokulturelle Erbe der indianischen Völker. Dieses biokulturelle Erbe basiert auf einer kollektiven Erfahrung, auf einer Weisheit, auf einem Festzyklus, auf lebendigen Ritualen, auf dem Hausbau und auf der traditionellen Nutzung des Territoriums. Dieser Schatz zählt zu den unverzichtbaren Elementen der Sierra.

Instrumente für die Rehabilitierung wertvoller Naturlandschaften entwickelten sich mit der Aufwertung der Naturparkkonzepte. Interessant ist ein Vergleich der Sierra Norte mit der Sierra Gorda in Querétaro. Auch hier werden die Rehabilitationsmaßnahmen der kolonialen Missionsorte und der Berglandschaft in einem Naturparkprojekt verbunden. Die nachhaltige Landschaftsplanung und die Bewahrung des baukulturellen Erbes werden von der UNESCO inzwischen als untrennbar gewertet. Daneben setzt der begehrte Eintrag in die Liste des Welterbes eine adäquate Forschung und eine Beteiligung der Bevölkerung voraus.

Eine Kulturlandschaft ist Ort der Vergegenwärtigung der eigenen Wurzeln, Raum der Erholung und Raum nachhaltigen Wirtschaftens. Die traditionelle Architektur hat immer als Quelle „akademischer“ Bauformen der Moderne gedient. Dem großen Meister Barragán sind jüngere Architekten gefolgt. Ein brillantes Beispiel aus der Gegenwart bietet das Gesamtwerk des Architekten Oscar Hagermann mit seinen Schulbauten in Chiapas, Oaxaca und Puebla. Sie alle verkörpern mit ihrem Bauen mit der Natur das, was die Grande Dame der mexikanischen Literatur, Elena Poniatowska, einen „Gesang an das Leben [...] und heiligen Ort der Begegnung“ genannt hat.


Der auf Terrassen errichtete Ort Olintla mit der Plaza mit Rathaus, Markt und Schule wird von einer weithin sichtbaren Kirche dominiert. Seit vorspanischer Zeit besiedelt, erinnert der Ort an das Raumschema der „pueblos de indios“, das bis heute eine Vielzahl historischer Kleinzentren Lateinamerikas prägt. Im Auftrag der spanischen Krone reorganisierten damit die großen religiösen Orden den Lebensbereich der indianischen Völker.
Hans Haufe,
Professor für Kunstgeschichte der Universität Heidelberg, ist auf Themen der Iberischen Halbinsel und Lateinamerikas, dort insbesondere Kolumbiens, Brasiliens, Mexikos und der Karibik, spezialisiert. Seine Schwerpunkte sind historischer Urbanismus, Landschaftsarchitektur und Kunst der Moderne.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2011

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