Protest 2.0

Hier sind wir

„Ohne Naivität gibt es keine Abenteuer.“ (Abbas Khider)
Wir sind jung, wir sind superconnected. Macht uns das superdemokratisch? Genau diese Frage beschäftigte uns während der letzten zwei Jahre, die wir an www.superdemokraticos.com arbeiteten.

Unser zweisprachiges Blog Los Superdemokraticos ist ein Modell des intellektuellen Fairtrade. Ein vielstimmiges Feuilleton des täglichen politischen Geschehens. Ein Kreuzworträtsel, das sich in den vergangenen Monaten auf über 16 Länder ausgedehnt hat und sich aus mehr als 50 Stimmen zusammensetzt. Junge AutorInnen, Intellektuelle, JournalistInnen, BloggerInnen und KünstlerInnen antworten jeden Monat auf Themen und Fragestellungen, die wir für allgemeingültig halten, für so offen formuliert, dass diejenigen Personen, die wir im Netz getroffen und kennengelernt haben, in der Lage sind, uns mit Polaroids der Subjektivität zu versorgen. Momentaufnahmen des Lebens. Schnittstellen, an denen wir uns als Individuen wiederfinden können.

Los Superdemokraticos wurde 2009 aus unzähligen Gesprächen zwischen der deutschen Schriftstellerin Nikola Richter und mir geboren und basiert auf der Prämisse – die wir beide vertreten –, dass die Ausübung der Demokratie nur durch freiheitliches Denken garantiert werden kann. Daher ist bei der Auswahl der Texte unserer Autoren die Vielfalt oberstes Kriterium. Die Worte sind die Ware, mit der wir handeln.

Die Rolle der lateinamerikanischen Länder

Ich persönlich glaube nicht, dass die Deutschen und die westlichen Lateinamerikaner unterschiedlichen Kulturen angehören, auch wenn die kulturellen Ausdrucksweisen verschieden sind. Der Westen charakterisiert sich dadurch, dass er eine hybride Kultur ist, ethnisch betrachtet, gespickt mit verschiedenen Sprachen, genau so, wie sich uns der europäische Kontinent präsentiert. Und der Begriff „Westen“ bezeichnet, im weitläufigsten Sinne des Wortes, die christliche Zivilisation und seit der Französischen Revolution auch die Werte der Aufklärung. Genau mit diesen Werten wurde den amerikanischen Staaten republikanisches Leben eingehaucht. Strukturell betrachtet wurden sie sogar noch vor den europäischen Ländern demokratisch, mit allen Fehlern und Stärken. Sprachlich gesehen wären weder die Moderne noch die Postmoderne ohne die freien spanischsprachigen Staaten in Lateinamerika möglich gewesen. Spanisch ist die zweithäufigste Sprache, die weltweit erlernt wird, auch wenn der tatsächliche Zugang zum geschriebenen Wort im Großteil der spanischsprachigen Länder eingeschränkt ist.

Uns in den lateinamerikanischen Länder vereint ein gemeinsames Schicksal: Während des gesamten 20. Jahrhunderts boten wir Asyl für Menschen unterschiedlichster Herkunft. Flüchtlinge des Ersten Weltkriegs, der Russischen Revolution, des Bürgerkriegs im Libanon, des Spanischen Bürgerkriegs, der chinesischen Kulturrevolution, Flüchtlinge vor Hiroshima und Nagasaki, dem Nationalsozialismus, der Franco-Diktatur, dem Faschismus, dem Realkommunismus. Palästinenser, Juden, Italiener, Koreaner, Perser, Deutsche, Russen. Onassis wurde in Buenos Aires reich, Trotzki starb in seinem mexikanischen Exil, Klaus Barbie wurde in Bolivien der Berater von General Banzer in dessen Diktatur während der 70er-Jahre. Inwiefern wäre es überhaupt möglich, das Europa des 21. Jahrhunderts zu betrachten, ohne die Millionen Migranten zu bedenken, die seit 1900 amerikanischen Boden betreten haben? Wann war der Beginn der Globalisierung? Was ist Globalisierung eigentlich?

Enthusiasmus für das demokratische Zusammenleben

In unserem Berliner Hauptquartier glaubten wir damals, wir könnten es uns erlauben, von einer einzigen Generation auf beiden Seiten des Atlantiks zu sprechen. Aber die Ironie, mit der wir 2009 in unserem Namen einen augenzwinkernden Verweis auf die beliebtest Ikone dieser Generation machten –das Konsolen-Videospiel „Super Mario Brothers“ –, ist nicht mehr zeitgemäß. Nach Monaten der Arbeit, vor allem aber nach der Frankfurter Buchmesse und der Reise, die wir 2011 (unterstützt durch das Goethe-Institut) unternehmen konnten und auf der wir unsere Autoren in Caracas, Bogotá, La Paz und Mexiko besuchten, wissen wir nun, dass wir es nicht unbedingt mit einer Generation, sondern eher mit einem Teil der Bevölkerung zu tun haben, und zwar mit dem Teil, der im Internet aktiv ist. Proportional betrachtet handelt es sich dabei um eine sehr geringe Anzahl an Personen, die das Netz dazu nutzen, Ideen, Nachrichten und Inhalte auszutauschen.

Eine Gemeinschaft, die die vorhandenen Werkzeuge benutzt, um über die Grenzen hinaus zu blicken oder innerhalb ihrer Grenzen kritische Perspektiven anzuwenden. Für den Rest der Welt ist das Netz eher ein großer Supermarkt. Anstatt von einer Generation zu sprechen, können wir von einem massiven Angriff des Internets sprechen. Von einem Vorher und einem Nachher, das historisch betrachtet mit dem Enthusiasmus zusammenfällt, der uns glauben machen wollte, dass sich mit dem Sieg der Freiheit – genau wie in den Märchen, die uns die USA in ihren Filmen seit dem Ende des Kalten Kriegs auftischen – das demokratische System ausbreiten und stärken würde. Es würde zur lebendigen Konstante unserer Gesellschaft werden. Auf beiden Seiten des Atlantiks begannen wir die letzte Dekade des vergangenen Jahrtausends im Internet, und zwar mit großen Träumen. Wir waren der Annahme, dass mit dem Untergang des historischen Erzfeinds das westliche Wirtschaftsmodell durchgesetzt und damit der Grundstein für all die versprochenen Vorteile des freien Marktes gelegt würde. Daraus würde eine gerechtere und offenere Gesellschaft erwachsen, in der stabile Institutionen für das demokratische Zusammenleben entstehen können.

Wir begannen damit, die Globalisierung einerseits als ein Phänomen zu betrachten, aber andererseits auch als eine kollektive Sehnsucht. Der Begriff des Weltenbürgers erreichte in einem theoretischen Rahmen eine neue Dimension, und wir in Europa wurden Zeugen des Zusammenwachsens der Europäischen Union. Einer Achse des kulturellen und produktiven Wachstums, die versprach, ein Gegengewicht zu den Vereinigten Staaten von Amerika zu werden, zu einer ethischen Alternative für die derzeitigen Mittel und Wege der Weltpolitik, der Weltwirtschaft.

Die Menschenrechte mit Füßen getreten

Der Jahrtausendwechsel war geprägt vom Anschlag auf die Twin Towers in New York und dem Beginn einer Epoche des Obskurantismus in der westlichen Zivilisation: In der Ersten Welt wurden Justiz und Bürgerrechte der Sicherheit unterworfen, und in Lateinamerika gerieten die Werte in eine derart starke Krise, dass die Demokratie, die wir vielerorts gerade erst wieder eingeführt hatten, erneut in Frage gestellt wurde. Für Südamerika begann damit der Massenexodus, und in Zentralamerika kam es zu einer Welle allgemeiner Gewalt, die bis heute Hunderttausende Opfer gefordert hat. Millionen Menschen verließen ihre Heimat auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen, noch viel mehr sind gestorben. Allein in Mexiko fanden in den letzten fünf Jahren 58000 Menschen den Tod, seit das Land dem Drogenhandel den Krieg erklärt hat. Jenseits der Propaganda, auf die sich der Sozialismus des 21. Jahrhunderts stützt, ist es eine unbestrittene Tatsache, dass die revolutionären Regierungen in Bolivien und Venezuela systematisch die demokratischen Strukturen ihrer jeweiligen Länder niederreißen. Der Regierung von Evo Morales sind über 300 politische Flüchtlinge zuzuschreiben, die von internationalen Organisationen als solche anerkannt wurden. Einige Intellektuelle dagegen, wie beispielsweise der Wirtschaftswissenschaftler Juan Antonio Morales, weigern sich, ihr Land zu verlassen, und wurden unter Hausarrest gestellt, ohne Aussicht auf ein gerechtes Gerichtsverfahren.

In Europa wurden Länder wie Italien und Griechenland aufgrund begangener Menschenrechtsverletzungen erneut von Amnesty International in ihrem Jahresbericht kritisiert, da sie systematisch die Genfer Konvention bezüglich der Kriegsflüchtlinge außer Acht lassen. Die europäische Reaktion auf die humanitäre Krise in Nordafrika, ausgelöst durch die Aufstände, die Facebook-Revolution (wie die westlichen Medien die massive Mobilisierung der Zivilbevölkerung in den arabischen Ländern für eine demokratische Öffnung auch bezeichnen), ist schlichtweg inakzeptabel.

Frontex, die europäische Agentur, deren Einheiten entlang der Mittelmeerküsten patrouillieren, ist auf ihre Art genauso unmenschlich wie Patrouillen an der Grenze zwischen den USA und Mexiko. An dieser beschämenden Grenze, die unsere Kultur errichtet hat, müssen jedes Jahr Tausende ihr Leben lassen. Auf beiden Seiten des Atlantiks waren wir lediglich damit beschäftigt, Gesetze zu entwerfen, die systematische Menschenrechtsverletzungen, das Nichterfüllen internationaler Abkommen, Lügen und Straffreiheit rechtfertigen, während wir uns die Zeit mit dem umweltschädlichen Konsumverhalten unserer Spaßgesellschaft vertreiben und fade Diskussionen über politische Korrektheit führen. Damit versucht der Westen seine hegemoniale Position in der Welt zu behaupten.

Praktisch gesehen bestehen nun keine unüberwindbaren physischen Grenzen mehr. Was wir unter „Welt“ verstehen, verkleinerte sich in diesem Jahrhundert – das ist korrekt –, aber vor allem verkleinerte es sich in Bezug auf den Handel. Das Phänomen der Globalisierung zeigt seine Auswirkungen hauptsächlich im Bereich des Konsums, eines Bereichs, der die krisengebeutelte Wirtschaft aufrechterhält und der die Lebensbedingungen der Menschen beeinflusst, der jedoch nicht zwingend deren politische Gewohnheiten verändert. China zum Beispiel zeigt uns, dass auch wirtschaftlich konkurrenzfähige Gesellschaften existieren können, in denen jedoch das Individuum an sich annulliert ist.

Die Ablehnung der zynischen Vernunft

Als Peter Sloterdijk seine Abhandlung über das Ende des Jahrhunderts schrieb, sprach er schon 1999 in seinem Buch Regeln für den Menschenpark über die posthumanistischen Verhältnisse unserer Kultur. Dreizehn Jahre später müssten wir uns eigentlich darüber einigen können, ob die demokratischen Werte, die uns in den westlichen Ländern beim Wählen leiten, der tatsächlichen Praxis der Politik und den Politikern, die uns repräsentieren, entsprechen oder auch in welchem Maße es Vorrang hat, dass die internationalen Institutionen, von denen die Transaktionen geregelt werden, weiterhin antidemokratisch und unabhängig von der UNO bleiben.

Das Jahr 2011 war weltweit von der massiven Mobilisierung der Zivilbevölkerung geprägt. Sie forderte neue Formen des Zusammenlebens, das die Werte, mit denen die Mehrheit der westlichen Welt weiterhin aufwächst, respektiert. Mit dem Aufruf „Echte Demokratie jetzt!“ zogen Millionen Menschen durch die Straßen der großen Städte. Ich denke, wir können weiterhin von Idealismus sprechen, denn ein repräsentativer Anteil der Gesellschaft hat sich entschieden, ihre Naivität nicht zu verlieren. Und das hat weniger mit dem Alter zu tun als mit der Eigenverantwortung, die wir in uns fühlen, mit der Ablehnung der zynischen Vernunft (Sloterdijk), die sich derjenigen Instanzen bemächtigt hat, die die Entscheidungen treffen.

Das Alter der Mehrheit der Weltbevölkerung liegt unter 40 Jahren, deshalb gehört auch der Großteil unserer Bewegung diesem demografischen Bereich an. Den Jungen gehört die Welt, denn sie sind es, die durch das Netz miteinander verbunden sind, die mit dem Netz aufwachsen – und das sollte auch im Interesse der Institutionen sein, eine staatsbürgerliche politische Bildung zu vermitteln. Das sollte zu unseren wichtigsten Zielen der Entwicklungszusammenarbeit gehören: die Stärkung des Stellenwerts des Individuums, der einzelnen Person, als zentrales Moment der Entwicklung.

Mit dem alternativen Modell von Los Superdemokraticos für eine gerechtere Umverteilung des Kulturfonds trugen wir zur Integration junger Berufstätiger bei –viele von ihnen sind Migranten. Wir bezahlten in Ländern, in denen dies nicht selbstverständlich ist, für intellektuelle Arbeit und förderten damit das Freidenkertum. Durch die Selbstdarstellung ermöglichten wir den Bruch mit Stereotypen und unterstützten – nebenbei erwähnt – auch die Verbreitung der deutschen Sprache. Wir sind ein Vorzeigemodell der offenen Gesellschaft, eines der wenigen, die online arbeiten und über die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) die Unterstützung der deutschen Regierung erhielten. Die bpb ist eine nachgeordnete Behörde des deutschen Bundesministeriums des Innern, die in ihrer Art einzigartig ist: Sie wurde 1952 gegründet, ist unabhängig von regierenden Parteien und hat zur Aufgabe, die Bevölkerung bezüglich ihrer Bürgerrechte zu informieren sowie deren demokratische Mitarbeit zu fördern. 2012 wurde ihr Etat um mehr als 20 Prozent gekürzt, eine Tendenz, die sich in vielen Bereichen zeigt.

Rery Maldonado (1976, Tarija, Bolivien)
lebt seit 1997 in Berlin-Kreuzberg. Sie arbeitet als Redakteurin und Übersetzerin, ist Dichterin und Bloggerin. Zuletzt erschien ihr Gedichtband „andar por casa“ (2009). Sie gab 2010 eine Sondernummer der mexikanischen Zeitschrift „Metrópolis“ mit Gedichten von Jörg Fauser heraus. Zusammen mit Nikola Richter publizierte sie 2011 das Buch „Los Superdemokraticos. Eine literarische politische Theorie“.

Übersetzung aus dem Spanischen: Barbara Buxbaum
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012
Links zum Thema

Humboldt als E-Paper

Lesen Sie das Humboldt Heft 157 „Protest 2.0“ auf Ihrem Smartphone, Blackberry oder eReader!
Zum Download ...

Jetzt bestellen

Jetzt bestellen

Interessierte Leser können Humboldt über den Goethe-Webshop bestellen.
8,50 € versandkostenfrei
Zum Goethe-Webshop ...