Protest 2.0

Subcomandante Marcos 2.0

Eine historische Untersuchung der Rolle des Internets und der Unterstützung des indigenen Aufstands in Chiapas durch die Netzwerke internationaler Aktivisten.

Die Idee der Vernetzung ist zentraler Bestandteil des Freiheitsgedankens des Aktivismus. Darauf beruhen seine horizontalen Strukturen. Eines der frühesten Beispiele für die enorme Bedeutung des Internets für soziale Bewegungen sind die Ereignisse im Kontext des Aufstands im mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Völlig unerwartet begannen Einzelpersonen und Gruppierungen auf der ganzen Welt damit, die digitale Technologie für ihre Koordination und die Organisation von Protestaktionen zu nutzen sowie insbesondere, um den Aufstand zu unterstützen, über die Militarisierung des Konflikts sowie die Menschenrechtsverletzungen zu informieren und diese öffentlichkeitswirksam zu verurteilen. Achtzehn Jahre nach dem ersten Auftritt der „Zapatistischen Armee zur Nationalen Befreiung“ (EZLN, Abkürzung für die spanische Bezeichnung) am 1. Januar 1994 sind die neuen Medien noch immer das bevorzugte Instrument für neue Zivilbewegungen weltweit, vom „Arabischen Frühling“ bis zu den Indignados in Spanien oder den Anhängern von Occupy, den Besetzern der Wall Street in den USA.

Das internationale Netzwerk, das sich in der Folge mit den Zapatisten solidarisierte, entstand spontan, wurde zu einem wichtigen Faktor im sozialen Konflikt von Chiapas und überraschte sowohl die Mitglieder der EZLN als auch die damalige mexikanische Regierung. Dies hielten D. Ronfeldt und J. Arquilla bereits 1998 in The Zapatista „Social Netwar“ in Mexico fest. Diejenigen, die sich an weit entfernten Orten für die Causa des zapatistischen Aufstands begeisterten, machten sich daran, die Situation in Chiapas in Mitteilungen und Berichten im Internet zu verurteilen und diese per E-Mail zu verschicken. Der Mythos des Subcomandante Marcos, der angeblich aus dem Unterholz der Selva Lacandona heraus über das Internet agierte, erwies sich als ebenso unzutreffend wie die Äußerungen des damaligen Außenministers José Angel Gurría, der den bewaffneten Konflikt der Öffentlichkeit gegenüber als „Krieg der Druckerschwärze und des Internets“ abzutun versuchte. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass das Internet 1994 erst seit einem knappen Jahr existierte und für Aktivisten noch absolutes Neuland war, gab es zu diesem Zeitpunkt doch weder offizielle Websites noch Werbung. Auch die mexikanische Regierung, seit jeher an die Rückendeckung durch Journalisten und Massenmedien gewöhnt, schenkte dem Internet lange Zeit keine Beachtung: Erst 1996 ging die erste Website der Regierung online.

Die Anhängerschaft der Zapatisten wurde zu einem Zusammenschluss technikaffiner Nutzer, ihre Bewegung ein großes Exempel für die verschiedenen Verwendungszwecke des Internets. Aktivisten und Zivilbewegungen überall auf der Welt erkannten die Bedeutung der günstigen und nahezu unverzögerten Kommunikation mit ihren Mitstreitern, sodass Computer und Modem gegen Ende der 1990er-Jahre zu unverzichtbaren Ressourcen des politischen Aktivismus wurden. Das Phänomen des Hacktivism (die Verbindung aus Aktivismus und der Hacker-Kultur der Informatikspezialisten) und völlig neue Formen des Protests wie der digitale zivile Ungehorsam oder der Netstrike entstanden. Das Internet wurde dabei nicht nur als kommunikative Waffe, sondern auch als Ort des Widerstands begriffen. Noch heute stehen Gruppierungen wie Anonymous für dieses Prinzip der aktiven Einflussnahme über den Cyberspace. Andere wie WikiLeaks, deren Arbeit eine wichtige Rolle für die Ereignisse während des „Arabischen Frühlings“ 2011 spielte, haben gezeigt, dass Informationen zu einer wirksamen Waffe zur Denunzierung der verdeckten Machenschaften der Mächtigen werden können, wenn sie für alle Menschen zugänglich sind.

Das internationale zapatistische Netzwerk setzte sich aus unterschiedlichen Agenden zusammen, wurde eigenständig aufgebaut und ging dabei dennoch wie ein Schwarm vor: eine große Menge von Individuen, die zwar geografisch voneinander getrennt und in ihrem jeweiligen Kontext nicht zwangsläufig einflussreich sind, aber mit vereinten Kräften sowie einem gemeinsamen Ziel vor Augen handeln und dadurch die Macht erlangen, die sie allein nicht hätten. Die vielen Einzelnen tun sich zu einem Kollektiv zusammen, ohne dass dabei zwingend eine übergreifende Identität konstruiert werden müsste, gründen ihr Handeln auf unterwegs getroffenen Vereinbarungen, ohne feste Struktur, aber mithilfe von Informationen, die, gemeinsam genutzt, die Etablierung und virale Verbreitung von Aufrufen und Symbolen ermöglichen.

Dieses transnationale zapatistische Netzwerk hat auf die politische und geistige Elite, zivile Organisationen, die Vereinten Nationen und diverse Institutionen weltweit Druck ausgeübt. Es hat die von Soldaten und paramilitärischen Gruppen begangenen Menschenrechtsverletzungen öffentlichkeitswirksam an den Pranger gestellt und in verschiedenen Städten Demonstrationen organisiert, um das Unrecht und die Situation in Chiapas in den Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung zu rücken. Es hat an die aufständischen Gemeinden und Lager appelliert, ihrerseits für den Frieden in der Region einzutreten, und den Aufbau des Autonomieprozesses und die Projekte zur Förderung der Produktivität der an der Rebellion beteiligten Gemeinden unterstützt. Letztlich ist vor allem der Einsatz dieses Netzwerks von Sympathisanten der Schlüssel zu einem umfassenden Verständnis der Entscheidungen sowohl der mexikanischen Regierung als auch der EZLN, die diese Unterstützung zu nutzen wusste.

Ab 1999 wurde das Internet dann in großem Stil für den politischen Aktivismus auf der ganzen Welt eingesetzt. Am 30. November 1999 Jahres formierte sich in Seattle massiver öffentlicher Protest gegen den Millenniumsgipfel der Welthandelsorganisation (WTO). Viele der Globalisierungskritiker von Seattle waren bereits dem Aufruf der EZLN zu den „Interkontinentalen Treffen für die Menschheit und gegen den Neoliberalismus“ in Chiapas (1996) und Spanien (1997) gefolgt, andere hatten am „Marsch der Farbe der Erde“ teilgenommen, der 2001 Mexiko durchquerte. Viele lasen irgendwann die Mitteilungen und Schriften des Subcomandante Marcos, hörten Lieder von Bands, deren Texte sich mit der Situation in Chiapas auseinandersetzen, erfuhren von der Kritik an den Menschenrechtsverletzungen im Südosten Mexikos oder begegneten dem Abbild der Sturmmasken oder dem von Zapata selbst, welche auf T-Shirts, Postern oder in Liedtexten zu finden und längst zu Symbolen geworden waren. Die Geschichte von Chiapas wurde Bestandteil der Biografie einer Generation von Aktivisten, die in den letzten Jahren des 20. und den ersten des 21. Jahrhunderts für soziale Gerechtigkeit gekämpft hat und kämpft.

Von der Unterstützung durch Netzwerke und Bewegungen angetrieben, mobilisierte das Netz aus Globalisierungskritikern insbesondere Widerstand gegen das neoliberale Wirtschaftssystem, die Wirtschaftspolitik der Weltbank, den Internationalen Währungsfonds, die Welthandelsorganisation, die G8 und die Weltwirtschaftsforen. Dabei wurden sowohl im Internet als auch auf der Straße neue Protestformen erprobt: Blockaden, Gegengipfel, Weltsozialforen, dezentrale weltweite Aktionstage, Hacktivism usw. Die Euphorie dieser Jahre verbreitete sich über E-Mails, Verteilerlisten, Webseiten, Foren, Chats und andere Kanäle des digitalen Aktivismus.

Ein Beispiel dafür ist der „Big Bang“ der Indymedias: Überall auf der Welt entstanden unabhängige Medienzentren (IMC, Independent Media Centers) nach dem Vorbild der ersten Indymedia von Seattle aus dem Jahr 1999. Die Aktivisten schufen ihre eigenen physischen und virtuellen Informationsplattformen und bedienten sich dafür diverser Formate und Technologien. Die US-amerikanische Medienaktivistin DeeDee Halleck sieht in der Gründung der IMC den Beginn einer neuen Epoche im Hinblick auf das öffentliche Handeln und dessen Dokumentation. Aktivisten aus den Bereichen Video und Radio, Hacker, Code-Entwickler, Fanzine-Autoren und Punkmusiker zogen gemeinsam an einem Strang. Eine flexible und offene Struktur, horizontale Entscheidungen, technologische Infrastruktur und freie Urheberrechte wurden zum Rückgrat der neuen Bewegung.

Es waren eben jene immer einflussreicheren globalisierungskritischen Netzwerke, die zu den weltweiten Protesten am 15. Februar 2003 aufriefen und zehn Millionen Menschen in Hunderten von Städten rund um den Globus gegen den Irakkrieg mobilisierten. Die Tatsache, dass die US-Regierung sich von der globalen öffentlichen Meinung nicht von ihren Plänen abbringen ließ, bedeutete jedoch einen Bruch in der Erfolgsgeschichte dieser Bewegungen sowie mit den Konzepten von Demokratie und Menschenrechten, in deren Kontext die Bemühungen der Aktivisten und ihrer Netzwerke bis zu diesem Zeitpunkt zu sehen waren.

Die Verwendung digitaler Technologien für den Protest nahm im Zuge der Ereignisse in Spanien im März 2004 eine neue Dimension an: Mithilfe von Mobiltelefonen und des Internets gelang es der Bevölkerung, die Informationssperre zu sprengen, die von der spanischen Regierung und den Massenmedien des Landes in den Tagen zwischen dem Terroranschlag auf die Nahverkehrszüge in Madrid am 11. März und den Parlamentswahlen am 14. März verhängt worden war. Immer häufiger wurde über Handy oder Internet zu Demonstrationen, Straßenfesten und Besetzungen aufgerufen, und immer häufiger kam es auch zu Protestformen wie Flashmobs und Mobidas, die der amerikanische Sozialwissenschaftler Howard Rheingold, Experte für die soziokulturellen Auswirkungen neuer Technologien, auch als Smart Mobs und damit als „intelligente Menschenaufläufe“ bezeichnet.

Ab 2004 brach die Entwicklung des Web 2.0 mit seinen Blogs, sozialen Netzwerken und der exponentiellen Verbreitung des „Volksjournalismus“ endgültig das Informationsmonopol der großen Massenprintmedien. Auch die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit wie der „Arabische Frühling“ oder die Bewegung des 15. Mai 2011 in Spanien belegen, dass die digitale Technologie ein nützliches Instrument für den sozialen und politischen Aktivismus ist.

Die neuen Netzwerke des Aktivismus bauen als politische Organisationsform vor allem auf Grundsätzen auf, die in all diesen Bewegungen zu finden sind und die sich auch in ihrer Technologienutzung widerspiegeln: Autonomie ihrer Mitglieder, horizontale Strukturen ohne Hierarchien, Schaffung gemeinsamer Inhalte und Bedeutungen ohne leitendes Organ. Diese Netzwerke erkennen in der neuen Technologie eine nützliche Ressource und finden in der medialen Infrastruktur die Möglichkeit zur freien Zirkulation ihrer Informationen. In diesem Bestreben, Einfluss und Macht auf so viele Mitglieder wie möglich zu verteilen, anstatt sie auf andere Zwecke zu konzentrieren, unterscheiden sie sich von den Netzwerken des globalen Kapitalismus, von großen multinationalen Unternehmen bis hin zum organisierten Verbrechen oder zu Kartellen. Für die sozialen Bewegungen ist die Vernetzung nicht länger Mittel, sondern Zweck und eigentliches Ziel.

Der Aufbau des solidarischen Netzwerks zur Unterstützung der indigenen Rebellion in Chiapas verdeutlichte den sozialen Bewegungen weltweit erstmals die Notwendigkeit, ihre Werte und Ziele auf transnationaler Ebene zu artikulieren und damit die örtliche Begrenzung sozialer Konflikte zu überwinden und vom Austausch der Erfahrungen an anderen Orten der Welt zu profitieren.

Das Jahr 2001 sollte jedoch einen bitteren Rückschlag für die sozialen Bewegungen weltweit bedeuten. Nicht nur, weil die mexikanische Politik bei der Verfassungsreform die zwischen der Regierung und der EZLN in San Andrés vereinbarten Beschlüsse gänzlich ignorierte und der Bewegung der Zapatisten damit keine andere Wahl ließ, als sich erneut in lokale Autonomiebestrebungen zurückzuziehen und das Vertrauen in die Politik endgültig aufzugeben. Im selben Jahr wurde während der Proteste gegen den G8-Gipfel der acht mächtigsten Industrienationen in Genua einer der Demonstranten, Carlo Giuliani, von der Polizei getötet. Die Anschläge auf die USA vom 11. September bedeuteten das Ende für den Rahmen der demokratischen Werte und des Schutzes der Menschenrechte, in dem sich die Netze der Aktivisten bis zu diesem Zeitpunkt bewegt hatten. Und die Kriege im Irak und in Afghanistan zeigten klar, dass die weltweite öffentliche Meinung keine Rolle spielt in einer Phase des Großkapitalismus, in der unter dem Banner des Kampfes gegen den Terrorismus nicht gezögert wird, Freiheiten einzuschränken.

Achtzehn Jahre nach dem Aufbegehren der EZLN hat das internationale zapatistische Netzwerk zwar längst nicht alle Mitglieder verloren, aber seinen Einfluss von einst eingebüßt. Die Welt hat sich verändert, die Probleme der aufständischen Gemeinden von Chiapas sind noch immer ungelöst. Jahrelang wurde das zapatistische Netzwerk nicht zentral gesteuert. Sechs Jahre nach der Erstellung der ersten Website, die jedoch ausschließlich über Rechte und Kultur der indigenen Völker informierte und später verschwand, wurden 2005 die ersten offiziellen und dauerhaften Seiten der EZLN ins Internet gestellt, um die bis dato spontan produzierten Informationen zu sammeln und zu verwalten. Die erste Website, die verschwand, war „Ya Basta!“ mit der URL ezln.org, die 1994 von dem US-amerikanischen Studenten Justin Paulson gegründet worden war. Ab 2005 wurde die Seite „gewartet“ und verwies auf die inzwischen offiziellen Seiten von „La Otra Campaña“ („Die andere Kampagne“), der neuen politischen Initiative zur Unterstützung der EZLN: enlacezapatista.ezln.org.mx für nationale und zeztainternazional.ezln.org.mx für internationale Themen. Während auf der mexikanischen Seite vor allem Texte und Berichte veröffentlicht wurden, offenbarten sich im Schicksal Letzterer die Unverbindlichkeit und der fehlende Nachdruck des Internets: Sie wurde zuletzt im Januar 2007 aktualisiert. Auch die 2003 ins Leben gerufene Zeitschrift Rebeldía, in der ausschließlich solidarische und gänzlich unkritische Stimmen zu Wort kommen, verlor in den letzten Jahren sukzessive an Redaktionsmitgliedern und Mitarbeitern.

Die Beschränkung der Zapatisten auf den eigenen, lokalen Diskurs spiegelt die Tendenz hin zu einer traditionelleren Organisation wider. Die deutsche Kulturwissenschaftlerin Anne Huffschmid, Mitherausgeberin von El EZLN y sus intérpretes. Resonancias del zapatismo en la academia y en la literatura (2011), vermutet, dass dieser diskursive Wandel, der sich mit „La Otra Campaña“ ab 2005 abzeichnet, mit eben jenen interaktiven Grundstrukturen der EZLN verknüpft ist, die nach der Enttäuschung über das Scheitern der Beschlüsse von San Andrés die Verbindungen zu anderen Sektoren der Zivilgesellschaft und Politik kappte, um sich orthodoxeren Gruppierungen des linken Spektrums zu nähern. Die EZLN verfolgte nun einen konventionelleren Ansatz der aktiven Kontrolle der Veröffentlichungen im Internet sowie der Schaffung von Inhalten und Symbolen, obwohl eine solche Vorgehensweise generell und besonders im Fall dezentraler und weit gestreuter Kommunikationsnetzwerke schwer umzusetzen ist. Die widrigen Bedingungen militärischer und paramilitärischer Belagerung, in denen die aufständischen Gemeinden von Chiapas noch heute überleben, hätten die Unterstützung durch eine größere Anzahl von Verbündeten auf der ganzen Welt verdient. In diesen schweren Zeiten, in denen Mexiko geprägt ist von Krieg und Gewalt, hält sich die internationale zapatistische Bewegung, wenn auch weiterhin präsent und ausdauernd, am Rande des Geschehens. Vielleicht versucht sie, auf diesem Wege einen Beitrag für mehr Frieden im Land zu leisten. Im Vergleich zu den Ambitionen, die ihre Anhängerschaft in den 90er-Jahren antrieb, ist dies jedoch ein bescheidenes Ziel.
Guiomar Rovira Sancho
promovierte in Sozialwissenschaften und unterrichtet am Departamento de Educación y Comunicación der Universidad Autónoma Metropolitana, Unidad Xochimilco, México, D.F. 2009 veröffentlichte sie „Zapatistas sin fronteras. Las redes de solidaridad con Chiapas y el altermundismo“ (México).

Übersetzung aus dem Spanischen: Alexander Weise
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012
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