Protest 2.0

Die Rechte der Natur – Für eine zivilisatorische Wende

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„Die Fortschritte des kosmischen Wissens wurden durch alle Gewalttätigkeiten und Gräuel erkauft,welche die sogenannten zivilisierten Eroberer über den Erdball verbreiteten.“

Alexander von Humboldt


Einleitung

Die materiell-mechanistische unendliche Akkumulation von Gütern, die man für Fortschritt hält, hat keine Zukunft. Folglich erschöpft sich das von der kolonialen Idee des Fortschritts abgeleitete Konzept der Entwicklung. Die Grenzen der Lebensstile, die auf dieser ideologischen Vision des anthropozentrischen Fortschritts beruhen, treten immer deutlicher und besorgniserregender zutage. Wenn wir nicht wollen, dass die Tragfähigkeit und Resilienz der Erde kollabieren, müssen wir davon Abstand nehmen, die Natur als bloße Voraussetzung des Wirtschaftswachstums oder Objekt der Entwicklungspolitik zu betrachten. Und vor allem müssen wir akzeptieren, dass menschliches Leben ein wesentlicher Bestandteil der Natur ist, und dürfen nicht danach streben die Natur zu beherrschen, geschweige denn sie zu zerstören.

Dies führt uns zu der Einsicht, dass die Natur als soziale Konstruktion, also als von Menschen konzipierter Begriff, neu interpretiert und vollständig überarbeitet werden muss, wenn wir menschliches Leben auf der Erde nicht gefährden wollen. Wir müssen akzeptieren, dass die Menschheit nicht außerhalb der Natur lebt und dass die Natur biophysikalische Grenzen hat.

Der Sinn des Ansatzes, der Natur Rechte zuzugestehen, besteht nicht darin, der Vernunft zu entsagen, um angesichts unserer Beklemmung oder Betroffenheit wegen des aktuellen selbstzerstörerischen Gangs der Menschheit in altertümlichen oder neuen Mystizismen oder in politischen Irrationalismen Zuflucht zu suchen. Es geht keinesfalls darum, die Vernunft zu verleugnen.

Ohne die Erfolge der jetzigen Zivilisation abstreiten zu wollen, sind wir uns dennoch darüber im Klaren, dass die Gier der Kapitalakkumulation – die Grundlage des kapitalistischen Systems – die menschlichen Gesellschaften dazu gezwungen hat, sich die Natur unterzuordnen. Mittels verschiedener Ideologien, Wissenschaften und Techniken hat man brutal versucht, den Menschen von der Umwelt zu trennen. Es war eine Art Versuch, den gordischen Knoten des Lebens zu zerschlagen. Der Kapitalismus als „Weltwirtschaft“ hat die Natur dazu verurteilt, eine scheinbar unerschöpfliche Ressourcenquelle zu sein.

Die endlose Beherrschung der Natur und ihre Bedrohung

Seit Beginn der Zeit war die Angst vor den unvorhersehbaren Naturgewalten fester Bestandteil des menschlichen Lebens. Mit der Zeit ging der Überlebenskampf unserer Ahnen über in den verzweifelten Versuch, die Natur zu beherrschen. Allmählich stellte sich der Mensch, mit seinen anthropozentrischen sozialen Organisationsformen, außerhalb der Natur. Die Natur wurde definiert, ohne die Menschheit darin einzuschließen. Somit war der Weg frei, sie zu beherrschen und zu manipulieren. [...]

Angesicht dieser überkommenen Vision von Beherrschung und Ausbeutung, basierend auf der tiefgehenden Trennung von Mensch und Natur – Ursache der zunehmenden globalen Probleme – hat es verschiedene warnende Stimmen gegeben. Erinnert sei nur an den Warnruf, die Natur habe Grenzen, welcher 1972 in der Studie Grenzen des Wachstums des Club of Rome an die Welt gerichtet wurde. Die Warnung wurde durchaus gehört: Es gibt unterdessen doch viele Ökonomen, die vom wirtschaftlichen Wachstum als Synonym für Entwicklung Abstand genommen haben. Heutzutage mehren sich die Forderungen, vor allem in den Industrieländern, nach einer Wirtschaft, die nicht nur stationäres Wachstum, sondern sogar Schrumpfung, „de-growth“,ermöglicht.

Jetzt, wo die Grenzen der Nachhaltigkeit buchstäblich überschritten werden, ist es eine unabdingbare und universelle Aufgabe, Lösungen für die Umweltprobleme zu suchen. Auf der einen Seite müssen die verarmten und strukturell ausgeschlossenen Länder Möglichkeiten eines menschenwürdigen und nachhaltigen Lebens suchen, die keine Karikatur und Neuauflage des westlichen Lebensstils darstellen. Während auf der anderen Seite die „entwickelten“ Nationen die von ihnen hervorgerufenen internationalen Ungleichheitsprobleme lösen müssen. Sich dieser Verantwortung zu stellen bedeutet die Wiederinstandsetzung der verursachten Schäden zu leisten und die ökologische Schuld gegenüber den verarmten Ländern zu bezahlen.

Aber insbesondere müssen die reichen Länder Suffizienzkriterien in ihre Gesellschaften aufnehmen, anstatt zu versuchen auf Kosten der Menschheit die Logik der Effizienz – verstanden als die fortwährende Materialakkumulation – aufrechtzuerhalten. Letzten Endes müssen die reichen Länder – und natürlich auch die Eliten der veramten Länder – ihren Lebensstil, der das weltweite natürliche Gleichgewicht gefährdet, ändern. Denn so gesehen sind auch sie, auf ihre Weise, unterentwickelt oder „fehlentwickelt“ (Samir Amin, José María Tortosa).

Die herkömmliche Entwicklung, getragen durch die Ideologie der Fortschritts, führt uns in eine Sackgasse. Die Grenzen der Natur, schnell überschritten durch die anthropozentrischen Lebensstile und besonders verschärft durch die Forderung nach Kapitalakkumulation, sind immer deutlicher und unhaltbarer.

Die durch die Überschreitung der Grenzen der Natur hervorgerufene Krise bringt zwingend die Hinterfragung der globalen soziopolitischen Organisation und des entsprechenden Institutionengefüges mit sich. Es tritt mit Nachdruck die Notwendigkeit zutage, das Konzept der Nachhaltigkeit im Hinblick auf die Tragfähigkeit und Resilienz der Natur zu überdenken. Anders ausgedrückt besteht die Aufgabe darin, die wahrhaftigen Dimensionen der Nachhaltigkeit, die man nicht anthropozentrischen Forderungen unterordnen kann, zu verstehen. Diese Aufgabe verlangt eine neue Ethik der Organisation des Lebens.

Die Aufgabe erscheint einfach, ist aber extrem komplex. Anstatt die Trennung zwischen Natur und Mensch beizubehalten, muss eine Wiederbegegnung ermöglicht werden. Um diese zivilisatorische Wende zu erreichen, besteht eine der ersten Aufgaben darin die Natur zu „demerkantilisieren“. Wirtschaftliche Ziele müssen den Gesetzmäßigkeiten der natürlichen Systeme untergeordnet sein, ohne dabei die Menschenwürde außer Acht zu lassen und dabei immer darauf ausgerichtet, die Lebensqualität der Menschen zu sichern.

Diese geschichtliche Wende ist die größte Herausforderung der Menschheit, wenn sie nicht die Existenz des Menschen selbst auf der Erde gefährden will.

Die Rechte der Natur oder das Recht auf Existenz

Die vorhergehenden Überlegungen bilden den Hintergrund für die Würdigung der Vorreiterrolle, die Ecuador bei der Verfassungsgebenden Versammlung in Montecristi 2008 eingenommen hat, als es die Natur als Rechtssubjekt anerkannte. In dieser Verfassung wurde durch die Anerkennung der Rechte der Natur weltweit ein Meilenstein gesetzt. Genauso wegweisend war die Aufnahme des indigenen Ausdrucks Pacha Mama, eines Synonyms der Natur, als Anerkennung der Plurinationalität und Interkulturalität.

Die Befreiung der Natur aus dem Status eines Subjekts ohne Rechte oder eines einfachen Besitzgegenstands erfordert eine politische Anstrengung, um sie als Rechtssubjekt anzuerkennen. Diese Bemühungen müssen alle Lebewesen (und die Erde selber) einschließen, unabhängig davon, ob sie für den Menschen von Nutzen sind oder nicht. Dieser Gesichtspunkt ist grundlegend, wenn wir akzeptieren, dass alle Lebewesen denselben ontologischen Wert haben, was aber nicht impliziert, dass alle gleich sind.

Die Natur mit Rechten auszustatten bedeutet also politisch, ihren Wandel vom Objekt zum Subjekt zu ermuntern. Während es bereits nicht einfach sein wird, diesen Wandel in einem einzigen Land Gestalt annehmen zulassen, sind wir uns bewusst, dass eine weltweite Anerkennung noch weitaus komplexer ist. Insbesondere in dem Maße, wie diese Veränderungen die Privilegien der nationalen und transnationalen Machtgruppierungen betreffen – die alles tun werden, um diesen Prozess zu stoppen. Mehr noch: Ausgehend von der Rechtsgültigkeit der Rechte der Natur ist es unabdingbar, eine postkapitalistische Zivilisation anzustreben. Dies erfordert von politischer Seite aus zunächst die Einsicht über den parasitären Charakter (Zygmunt Bauman) des Kapitalismus, der seine eigenen biophysischen Lebensbedingungen zerstört.

Die Rechte der Natur und die Menschenrechte

Die Gültigkeit der Rechte der Natur verlangt grundlegende Veränderungen: Es muss ein Wechsel stattfinden vom aktuellen Anthropozentrismus hin zum Biozentrismus.

Dabei ist die Anerkennung der Natur als Rechtssubjekt, bei der Ecuador die weltweite Vorreiterrolle hat, eine Chance in Anbetracht der heutigen zivilisatorischen Krise. Als solche wurde sie in weiten Teilen der internationalen Gemeinschaft, der die Unmöglichkeit der Fortdauer eines räuberischen Gesellschaftsmodells – basierend auf dem Kampf des Menschen gegen die Natur – bewusst ist, angenommen.

Auf der Suche nach dem notwendigen Gleichgewicht zwischen der Natur und den Bedürfnissen der Menschen wird durch die Anerkennung der Natur als Rechtssubjekt die in Lateinamerika traditionell in den Verfassungen verankerte Idee des Rechts auf eine gesunde Umwelt überwunden.

Im Gegenzug wird bei den Rechten der Natur die Natur in den Mittelpunkt gestellt, die auch den Menschen beinhaltet. Die Natur hat einen Eigenwert, unabhängig von ihrer Nutzbarkeit oder der Verwendung, die der Mensch für sie hat. Dies macht eine biozentrische Vision aus. Diese Rechte fordern nicht eine unberührte Natur, die uns etwa dazu veranlassen würde, mit der Landwirtschaft, der Fischerei oder der Viehzucht Schluss zu machen. Sondern diese Rechte verteidigen die Aufrechterhaltung der natürlichen Lebenszyklen und -gemeinschaften. Die Aufmerksamkeit liegt dabei auf den Ökosystemen, auf der Kollektivität und nicht bei den Individuen.

Die Rechte der Natur werden als ökologische Rechte bezeichnet, um sie von den Umweltrechten unterscheiden zu können, die aus den Menschenrechten resultieren. Diese ökologischen Rechte sind Rechte, die darauf ausgerichtet sind, Lebenszyklen und die diversen Evolutionsprozesse zu schützen, nicht nur die gefährdeten Spezies oder die Naturschutzgebiete.

Auf diesem Feld will die ökologische Gerechtigkeit das Fortdauern und das Überleben der Spezies und ihrer Ökosysteme, als Zusammenhänge und Lebensnetze verstanden, sichern. Die Entschädigung der Menschen für Umweltschäden liegt dabei nicht in ihrer Zuständigkeit. Stattdessen ist die Wiederherstellung der betroffenen Ökosysteme gemeint. In der Realität sollten beide Rechte gleichzeitig angewendet werden: die Umweltgerechtigkeit für die Personen und die ökologische Gerechtigkeit für die Natur, denn es sind strategisch und strukturell verbundene Rechte.

Auf jeden Fall müssen zwei Ebenen unterschieden werden. Eine erste, deskriptive und kritische Ebene, auf der die Menschenrechte, und insbesondere das Recht auf eine gesunde Umwelt in seiner traditionellen Form, als anthropozentrisch identifizierbar sind. Eine zweite, normative und rekonstruktive Ebene, auf der eine tiefgehende Neukonzipierung der Menschenrechte von einem ökologischen Gesichtspunkt aus erfolgt. Denn letzten Endes vernichtet die Zerstörung der Umwelt die natürliche Lebensgrundlage der menschlichen Spezies und verstößt somit gegen alle Menschenrechte. Und umgekehrt: Wenn die Natur die Menschen umfasst, können ihre Rechte nicht isoliert von den Menschenrechten betrachtet werden, obwohl sie auch nicht auf diese reduziert werden können. Folglich müssen Rechte, wie das Recht auf Arbeit, eine Wohnstätte, Gesundheit und sogar das Recht auf Eigentum auch von einem ökologischen Gesichtspunkt aus verstanden werden. Auf dieser deskriptiven Ebene sind die Menschenrechte und die Rechte der Natur analytisch unterscheidbar, jedoch zugleich komplementär und formen zusammen ein Recht des Lebens und auf Leben.

Die Rechte der Natur – eine lokale, nationale, regionale und globale Aufgabe

Wenn in einem kleinen Andenland wie Ecuador ein historischer Schritt mit globaler Tragweite möglich war, so ist es motivierend zu sehen, wie in anderen Breiten über das Thema zu diskutieren begonnen wird. Die Gültigkeit der Rechte der Natur fordert einen angemessen internationalen Rechtsrahmen in Anbetracht dessen, dass die Umweltprobleme Themen sind, die die Menschheit als Ganzes betreffen.

Es ist an der Zeit für eine universelle Erklärung der Rechte der Natur. Genauso dringend ist die Einrichtung eines internationalen Gerichtshof für Umweltstraftaten, so wie es auf dem Erdgipfeltreffen in Tikipaya, Bolivien, im Jahr 2010 vorgeschlagen wurde. Dies sind komplexe, aber ohne Zweifel vielversprechende Aufgaben.


Auszüge aus einem Vortrag, der im Rahmen der Veranstaltungsreihe „A Different Kind of Development? Perspectives from Latin America” über nachhaltige Entwicklung in Lateinamerika am Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam im Herbst 2011 gehalten wurde. Die vollständige Fassung kann man in einer Publikation nachlesen, die das IASS für Ende 2012 plant.
Alberto Acosta
ecuadorianischer Volkswirt, graduiert in Deutschland; Lehrbeauftragter und Forscher der Facultad Latinoamericana de Ciencias Sociales (FLACSO Ecuador); früherer Energieminister. Er war von 2007 bis 2008 Präsident der Verfassungsgebenden Versammlung Ecuadors und ist internationaler Berater und Assessor der sozialen Bewegungen. Er verfasste zahlreiche Publikationen zum Thema.

Übersetzung aus dem Spanischen: Miriam Blumers und Manuel Rivera
Copyright: Alberto Acosta
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