Protest 2.0

EntreMundos

„Berlin ist für mich die andere Seite Perus.“ Die Fotografin und Autorin Gundula Schulze Eldowy. Ein Porträt.

„Berlin hat mich zur Fotografin gemacht.“ Diese Selbsteinschätzung überschreibt die große Retrospektive, mit der in diesem Winter Gundula Schulze Eldowys Frühwerk mit Fotografien von 1977 bis 1990 im C/O Berlin gefeiert wurde. Die Bilder, die in Ostberlin, Dresden und Leipzig bis kurz nach der Wende 1989 entstanden, wurden zu Recht als schonungslos bezeichnet, Bildzyklen wie „Berlin in einer Hundenacht“ brechen Tabus, in ihrer Direktheit sind sie un-verschämt, doch nicht scham-los. Die Schwarz-Weiß-Bilder wären unerträglich, würde ihre dokumentarische Härte nicht durch die Zuneigung aufgewogen, die die Fotografin immer für die Protagonisten ihrer Bilder empfand.

Dieser Bildfundus ist so eng mit der DDR verknüpft, dass man ihn inzwischen praktisch als ein Inbild dieser Zeit und dieser Gesellschaft sieht: „Gundula Schulze Eldowys Werk gehört zum Besten, was die inoffizielle DDR-Fotografie hervorgebracht hat. Wenn sich das Experiment DDR gelohnt hat, dann dieser Bilder wegen“, urteilte Photo-International 2011.

Sich aus der fast unweigerlichen Assoziation des Frühwerks mit Ostberlin zu lösen war nur möglich, weil – so schrieb ein anderer Rezensent – Gundula Schulze Eldowy „nie miljöh-selig, sondern welthungrig“ ist.

Und diesem Welthunger gibt sie nach. 1990 verlässt sie Deutschland auf Einladung keines Geringeren als Robert Franks (Zürich, 1924), der zu den großen und einflussreichen Fotografen des 20. Jahrhunderts gehört. In der Folge lebt sie in enger Nachbarschaft zu ihm in New York. Frank schien fast hellseherisch die Ambivalenz oder Dialektik lokaler Verwurzelung und Öffnung für das Universelle (im geografischen wie spirituellen Sinne) erkannt zu haben, als er seiner jungen Kollegin schrieb: „Du bist ein talentiertes Tier, fähig die Türen zu öffnen, und dann auf der HEIM-REISE findest Du diese Souvenirs in Deiner Tasche. The Beast in You is Germany ... Mach weiter – Salut from Robert.” Den drei Jahren in den USA folgen sieben weitere in Ägypten, bevor sie eine neue Lebensetappe in Peru beginnt. Wer besser als die seit 1988 auch poetisch, literarisch und essayistisch tätige Künstlerin kann ihre Beweggründe erklären? Kühl analysiert sie: „Die Frau in mir mit dem erstarrten Blick … Ich musste sie loswerden.“ In ihrem Katalogbeitrag zur Ausstellung Das unfassbare Gesicht. El rostro inconcebible (2010) erinnert sie sich: „Der 30. November des Jahres 2000 wird ewig in meinem Gedächtnis bleiben. An diesem Tag kam ich nach Peru. Ich kannte keine Menschenseele; sprach kein Wort Spanisch, war lediglich einer Intuition gefolgt, die mir sagte, dass hier etwas von mir verborgen liegen würde. Ich stand am Flughafen von Lima und fragte mich: Was tue ich hier? Mit meiner Vergangenheit hatte ich abgeschlossen. Ich wollte einen Sprung ins Neue. Die Fotografin, die ich bisher war, schien im Blick einer Sechzigstelsekunde erstarrt zu sein [...]. Was war geschehen? [...] Ich war in einen Bildersog geraten, in dem allein Sehen zählte. Fotografen sind Blinde. Sie begreifen nicht, dass hinter der Oberfläche noch etwas anderes existiert [...]. Sie trösten sich mit einer Illusion des Sehens, vermitteln den Eindruck, dass das, was sie sehen, tatsächlich existiert.“

In Dem Anschauen antwortet ein Angeschautwerden“ beschreibt Gundula Schulze Eldowy ihre peruanische Initiation ins Land des inneren Sehens. Sie entdeckt zunehmend eine schamanische Seite in sich, die zwischen Vision, Traum und Wirklichkeit nicht strikt trennt. Sie lässt sich auf das Land ein, heiratet in Nordperu, lebt in der Nähe Trujillos. Inzwischen weiß sie: „In meinen Fotos geht es nicht um New York, Kairo oder Lima. Es geht um den Geist. Künstler zu sein, das heißt für mich, dem Geist nahe zu sein.“ Sie erlebt eine tiefe Verwandtschaft, ja innere Verbindung: „In Peru zerfiel mein Gesicht in tausend Stücke. Ich fand mich wieder im Erbe antiker Peruaner, die, wie ich, Gesichter festgehalten hatten. Nicht auf Fotos, sondern auf Textilien und Tontöpfen, in Stein und im Sand. [...] jemand anders hatte vor Tausenden von Jahren das gleiche Konzept.“ Es wird ihr zur Gewissheit: „Was immer ich wahrnehme, hat auf geheimnisvolle Weise mit mir zu tun. Auch die Kraft des Sehens der Schamanen rührt daher, dass sie das, was sie in anderen wahrnehmen, von sich selber kennen. Der Weg zum anderen geht über sich selbst.“

2011 erschien ihre Geschichtensammlung Am fortgewehten Ort. Dort resümiert sie ihr nomadisches Leben, ihre Existenz zwischen den Welten, die sie in ihrem Werk wie in persona verkörpert: „Um ganz zu sein, musste ich mich in Raum und Zeit teilen. Was ich in Deutschland nicht bin, bin ich in Südamerika. Was ich in Peru nicht sein kann, bin ich in Ägypten. Ich lebte die verschiedenen Seiten meiner selbst nicht gleichzeitig, sondern nacheinander an verschiedenen Orten. [...] In Deutschland bin ich eine Bildermacherin. In anderen Ländern bin ich eine Archäologin, Dichterin, Historikerin, Mystikerin, Priesterin, Sängerin, Philosophin, Abenteurerin, Ehefrau, Lehrerin, Heilerin, Köchin, Gärtnerin – Hathor, Sechmet, Ianna, Mama Oclla, Ñusta, Jequetepeque, Keridwen, Rhiamnon, Mnemosyne … Die Kunst ist dabei nur eine illustre Runde auf dem Hinterhof meines Seins. Sie ist ein Teil, nicht alles. Bildermachen verbindet mich mit Deutschland. Nehme ich Kontakt zu der Künstlerin auf, fahre ich nach Berlin. Berlin ist für mich die andere Seite Perus, wo ich zur Hälfte lebe. Ein Teil bin ich hier, ein Teil bin ich dort.“

Gundula Schulze Eldowy, geboren 1954 in Erfurt, studierte in Berlin an der Fachhochschule für Werbung und Gestaltung, später Fotografie an der HGB Leipzig. 1988 gelingt ihr bei den Rencontres Internationales de la Photographie in Arles der internationale Durchbruch. Seitdem wurde ihr Werk weltweit ausgestellt und erhielt zahlreiche Auszeichnungen.
Ilse Poljansek
beschäftigt sich redaktionell und wissenschaftlich mit den zeitgenössischen Künsten in Europa und Lateinamerika.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012
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