Bildung – zwischen Hirn und Herz

Die Emotionsmaschine

Literatur bildet sowohl das Hirn als auch das Herz. Sie befeuert die Emotionen und dient nicht nur der Bildung, sondern auch der Manipulation.

Nach António Damásio sind die Emotionen (emotion) ein komplexes System von chemischen und neuronalen Reaktionen, die ein charakteristisches Muster bilden, während es sich bei den Empfindungen oder Gefühlen (feeling) um die Wahrnehmung von körperlichen Zuständen handle. In anderen Worten: Eine Emotion beschreibt einen Zustand des Geistes, während eine Empfindung oder ein Gefühl vor allem eine körperliche Wahrnehmung ist. Das erklärt, nach Damásio, dass die Emotionen den Gefühlen vorausgehen.

Nicht ohne Grund glaubten die Alten, dass wir Menschen durch unsere Leidenschaften regiert würden und dass es die Aufgabe der Zivilisierung sei, diese zu zähmen, als wären es wilde Tiere. Die Emotionen wurden seitdem als übermächtige Kräfte gesehen, die uns in die schlimmsten Exzesse stürzen können. Dieser Eindruck ist nicht ganz abwegig: In der Tat leiten sich die Emotionen nicht aus einem rationalen Impuls ab, sondern aus der Veranlagung des Gehirns, möglichst schnell auf Bedrohungen von außen zu reagieren.

Fiktionen haben neben vielen anderen Funktionen – zum Beispiel als Gedächtnisspeicher, Übermittler von Ideen und Maßstäben, Zukunftsbreviers – auch die Funktion einer Emotionsmaschine. In einen Film, eine Fernsehserie, eine Seifenoper, ein Theaterstück oder eine Geschichte einzutauchen ist eine Achterbahn der Emotionen: Wir springen von einer Figur zur anderen, und mit jeder einzelnen leiden, lieben, genießen wir, erheben wir uns, erstarren oder brechen wir zusammen – manchmal auch gegen unseren Willen. Es gibt Gemüter, die einen solchen Wahnsinn nicht aushalten. Die Fiktion macht uns plötzlich zu multiplen Persönlichkeiten: Mir schaudert, fast gleichzeitig, wie jenem und jenem und jenem, unaufhörlich, einer nach dem anderen. Ich bin nicht nur Emma Bovary, sondern ich langweile mich, bin frustriert, verwirrt und lasse mich im Stich wie Emma Bovary. Und nur ein paar Sekunden – Seiten – weiter leide ich, werde misstrauisch und wütend auf Charles, ihren Ehemann. Madame Bovary c’est moi, ohne Zweifel, aber Pierre Bovary c’est moi aussi. Ein Roman ist ein emotionaler Feldversuch: Wenn Platon die Dichter aus seiner Republik verstoßen ließ, so deshalb, um seinen Bürgern diesen inneren Gefühlssturm zu ersparen, der sie letztlich von ihren alltäglichen geordneten Pflichten ablenken würde. Platon verstand nicht – oder verstand umgekehrt sehr gut –, dass die durch Fiktion (oder durch die Poesie) heraufbeschworenen Emotionen uns lehren, wahrhaft menschlich zu sein. Totalitäre Regimes, erpicht darauf, die Fiktion zu sanktionieren und zu regulieren, wie die Sowjetunion oder das maoistische China, hatten sich darauf versteift, ihre Untergebenen in formbare, leicht manipulierbare, berechenbare Geschöpfe zu verwandeln, und zwar über Romane, Erzählungen und Gedichte, die nur solche Emotionen erregen sollten, die für ihre Ziele geeignet waren, an erster Stelle jene Grundemotionen, die so leicht zu instrumentalisieren sind wie der Patriotismus und die Angst vor dem anderen oder die Treue.

Jorge Volpi
(1968, Mexiko-Stadt) studierte Jura und Literatur und promovierte im spanischen Salamanca. Seit 1992 Schriftsteller, ist er Gründungsmitglied der „Generación del Crack“, eines literarischen Zirkels von Autoren, deren Manifest eine Abkehr vom magischen Realismus fordert. Volpi war Kulturattaché in Paris und Programmdirektor des mexikanischen Kulturfernsehens (Canal 22). Wichtige Bücher: „El temperamento melancólico“ (1996; dt. „Der Würgeengel“, 2002), „En busca de Klingsor“ (1999; dt. „Das Klingsor-Paradox“, 2001), „No será la tierra“ (2006; dt. „Zeit der Asche“, 2009), „La tejedora de sombras“ (2011).

Übersetzung aus dem Spanischen: Ulrike Prinz
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2012
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