Bildung – zwischen Hirn und Herz

Macht Mehrsprachigkeit schlau?

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Was macht unser Gehirn, wenn wir Sprachen lernen?

Seit über 50 Jahren vermittelt das Goethe-Institut die deutsche Kultur und Sprache im Ausland. An 150 Instituten in über 90 Ländern lernen heute Menschen aus aller Welt die deutsche Sprache. Für manche ist dies eine große Herausforderung. Anderen hingegen, die es schon seit ihrer Kindheit gewöhnt sind, im Alltag mit verschiedenen Sprachen zu jonglieren, fällt es leichter, sich auf die Aussprache und Grammatik der deutschen Sprache einzulassen. Warum das so ist? Das können Wissenschaftler aufgrund neuerer Methoden der Hirnforschung immer besser erklären.

Areale der Sprache

Was passiert eigentlich in unserem Gehirn, wenn wir eine Sprache lernen? Wo werden Aussprache, Wortschatz und Grammatik in unseren Köpfen abgespeichert? Und wie können die Lehrer unserem Verstand auf die Sprünge helfen? Für solche und ähnliche Fragen interessieren sich Wissenschaftler schon lange: Neurologen untersuchten bereits im 19. Jahrhundert Patienten, bei denen zum Beispiel nach einem Schlaganfall einzelne Hirnbereiche geschädigt waren und die bestimmte sprachliche Fähigkeiten verloren hatten. Dabei fanden sie heraus, dass zwei Areale in der linken Gehirnhälfte auf Sprache spezialisiert sind. Auch heute noch geht man davon aus, dass das sogenannte Broca-Areal für das Sprechen, also die Sprachproduktion, zuständig ist, während das Wernicke-Areal auf das Verstehen, also das Sprachverständnis, spezialisiert ist. Doch dank neuerer technischer Möglichkeiten gibt es seit einigen Jahrzehnten immer mehr Hinweise darauf, dass das nur ein winziger Teil der Wahrheit ist.

Elektrische Hirnströme

Wissenschaftler können heute nämlich buchstäblich dabei zusehen, wie die Gehirne von Menschen arbeiten: entweder anhand der Kernspin(resonanz)tomografie (Magnetresonanztomografie), bei der die Probanden ruhig in einer Art Röhre mit Scanner liegen oder auch Sprachaufgaben bewältigen müssen, während die Forscher auf einem Bildschirm beobachten können, welche Hirnareale aktiviert sind. Oder anhand der Elektroenzephalografie (kurz EEG), bei der den Probanden mit einem Gel kleine Elektrometallplatten in der Nähe der Kopfhaut an den Haaren angebracht werden und mit der die Forscher relativ exakt messen können, wann eine Aktivität von einer Hirnzelle ausgegangen ist. Beide Verfahren zeichnen die elektrischen Impulse auf, die unser Hirn produziert. „Ob wir sprechen, denken oder den Arm heben – jede Aktivität kommt dadurch zustande, dass unsere Hirnzellen elektrische Ströme hin- und herschicken“, erklärt Professor Harald Clahsen, Psycholinguist und Leiter des Potsdam Research Institute for Multilingualism. „Diese Aktivitäten führen zu Wellen, die wir messen und grafisch darstellen können.“ Aus Experimenten kennen Wissenschaftler inzwischen einige typische Muster der so gemessenen Hirnaktivitäten, die offenbar mit der Sprachverarbeitung zu tun haben. Dadurch können sie Rückschlüsse darauf ziehen, wie bestimmtes Wissen im Hirn verankert ist. So konnte man bereits durch verschiedene Studien zeigen, dass Sprache offenbar nicht nur in einzelnen hoch spezialisierten Arealen, sondern auch in den zahlreichen sehr wichtigen Verbindungen zwischen den Arealen und damit also im gesamten Hirn verarbeitet wird.

Sprache lernen oder Wissen akkumulieren

„Lange Zeit haben Wissenschaftler geglaubt, dass mehrsprachige Gehirne grundlegend anders funktionieren als einsprachige“, erklärt der Wiener Professor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache Klaus-Börge Boeckmann. „Eine Überlegung war, dass die rechte Gehirnhälfte bei mehrsprachigen Menschen mehr zu tun hat, weil die linke Gehirnhälfte ja gewissermaßen schon mit der ersten Sprache beschäftigt ist. Eine andere Überlegung war, dass mehrsprachige Menschen ihre Sprachen im Gehirn anders organisieren, indem sie die verschiedenen Sprachen zum Beispiel in getrennten Speichern ablegen.“ Beide Theorien gelten laut Boeckmann heute als überholt.

Wie eine zweite oder dritte Sprache im Gehirn nun aber tatsächlich abgespeichert wird, hängt offenbar vor allem davon ab, ob wir diese Sprache implizit oder explizit lernen. Arbeiten wir selbstständig daran, die Bedeutung von Sätzen einer neuen Fremdsprache zu entschlüsseln, wie wir es vielleicht aus Gruppenarbeiten im Englischunterricht kennen? Oder erklärt uns ein Lehrer die grammatischen Regeln einer Sprache, wie es häufig im Lateinunterricht üblich ist? Das macht für unser Gehirn einen großen Unterschied, wie man in Experimenten belegen konnte: So brachte man etwa Probanden eine Kunstsprache bei, wobei eine Gruppe mit impliziten und eine Gruppe nach expliziten Methoden unterrichtet wurde. Im Anschluss testete man zum einen, welche Gruppe die Sprache besser beherrschte, und zum anderen, welche Hirnaktivitäten bei den Probanden beim Gebrauch der neuen Sprache zu verzeichnen waren. Das Ergebnis: Es gab keinen Unterschied in der Qualität der Antworten. Keine Art des Lernens war besser. Aber: Die beiden Gruppen wiesen im Elektroenzephalogramm völlig unterschiedliche Muster hinsichtlich ihrer Hirnaktivitäten auf. „Die Probanden, die die Sprache implizit gelernt hatten, zeigten Muster in ihren Hirnaktivitäten, die wir als typisch für den Gebrauch von Sprache kennen. Sie haben also beim Lernen tatsächlich ihr Sprachverarbeitungssystem aktiviert und die neue Sprache in ihrem Sprachwissen verankert. Deshalb könnten sie die Sprache auch als Sprache verwenden“, erklärt Professor Clahsen. „Die anderen Probanden, die die Sprache explizit gelernt hatten, zeigten dagegen Muster in ihren Hirnaktivitäten, die typisch für den Gebrauch von Fakten- oder Allgemeinwissen sind und die sie auch zeigen würden, wenn sie bewusst Autofahren oder Schachspielen gelernt haben. Sie haben also durch die explizite Lernmethode ein neues Regelsystem gelernt, das nicht viel mit Sprache zu tun hat. Sie beherrschen diese Regeln, wie sie etwa Fakten aus dem Geografie-, Geschichts- oder Mathematikunterricht beherrschen.“ Clahsens Fazit: Impliziter Sprachunterricht führt dazu, dass Menschen eine Sprache lernen. Expliziter Sprachunterricht bewirkt, dass Menschen Wissen akkumulieren.

Mehrsprachige Kinder

Viele Kinder wachsen schon in den ersten Lebensjahren mit zwei oder mehr Sprachen auf, etwa weil ihre Eltern unterschiedliche Sprachen mit ihnen sprechen oder weil in der Familie eine andere Sprache gesprochen wird als in Kita oder Schule. Diese Kinder lernen die zweite oder dritte Sprache fast nebenbei, also genauso implizit, wie wir alle unsere Muttersprache erlernen. Ältere Kinder und Erwachsene sind aber immer auch zu einem gewissen Grad darauf angewiesen, bestimmte Regeln bewusst zu pauken. Deshalb zeigen Kinder, die mehrsprachig aufgewachsen sind, bei der Verwendung der zweiten oder dritten Sprache oft andere Hirnaktivitäten als Menschen, die die zweite oder dritte Sprache erst später gelernt haben: Egal, in welcher Sprache sie sprechen, es ist immer das gleiche Hirnareal aktiv. Die Gehirne von Menschen, die ihre zweite oder dritte Sprache erst später gelernt haben, weichen dagegen bei der Verwendung von Fremdsprachen auf andere Hirnregionen aus, die eher für den allgemeinen Gedächtnisprozess zuständig sind. Das bedeutet, dass späte Sprachlerner mehr Bereiche im Gehirn aktivieren müssen, um ihre zweite oder dritte Sprache zu verwenden. Die Leiterin des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, Professorin Angela Friederici, formuliert das folgendermaßen: „Je älter wir sind, desto mehr Aufwand benötigen wir zum Erlernen einer neuen Sprache. Späte Sprachlerner brauchen mehr Ressourcen, um das Gleiche zu leisten.“ Wer bereits zwei Sprachen beherrscht, tut sich dann auch beim Erlernen der dritten leichter.

Frühe Entwicklung von Hirnstrukturen

Und das ist nicht alles: Wer von klein auf mit mehr als einer Sprache aufgewachsen ist und seine Mehrsprachigkeit im Alltag immer wieder aufs Neue trainiert, kann offenbar nicht nur die Sprachen, sondern auch andere Informationen auf einem sehr hohen Niveau verarbeiten. In Experimenten schneiden mehrsprachige Menschen besonders gut ab, wenn sie Störgeräusche in ihrer Umgebung ausblenden oder einander konkurrierende Aufgaben bewältigen sollen: So hat man Menschen beispielsweise Bilder gezeigt, auf denen etwa das Wort „gelb“ in roter Farbe und das Wort „grün“ in blauer Farbe geschrieben war. Die Probanden sollten dann schnell sagen, in welcher Farbe das Wort geschrieben ist. Dabei stellte sich heraus, dass Einsprachige eher das Wort lesen, anstatt die Farbe anzugeben, als Mehrsprachige. Ähnliche Vorteile haben Mehrsprachige, wenn sie mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigen sollen, wenn es also um das klassische Multitasking geht: Mehrsprachige tun sich tendenziell leichter darin, beim Kochen die Kinder zu beaufsichtigen oder beim Autofahren zu telefonieren. Zudem gibt es laut Boeckmann sogar Hinweise darauf, dass Mehrsprachigkeit die sozialen Fähigkeiten verbessert.

„Mehrsprachige Menschen nutzen die Möglichkeiten besser aus, die unser menschliches Gehirn bietet“, so Boeckmann. „Sie sind trainiert darin, sich auf eine Sprache zu konzentrieren und die andere auszublenden. Diese Fähigkeit lässt sich offenbar auch auf andere Aufgaben übertragen.“ Natürlich gibt es auch Menschen, die als Kinder eine zweite Sprache gelernt und sie später wieder vergessen haben. Andere sind einsprachig aufgewachsen und haben dann im Alter eine fremde Sprache noch sehr gut gelernt. Und wieder andere können im Alltag ständig problemlos zwischen verschiedenen Aufgaben hin- und herwechseln – obwohl sie nur eine einzige Muttersprache gelernt haben. Doch das ist nur ein kleiner Trost für diejenigen, die die Dolmetscherkarriere nicht schon in die Wiege gelegt bekommen haben. Denn vieles weist darauf hin, dass sich die kognitiven Vorteile von frühen Mehrsprachigen nicht allein auf das alltägliche Training zurückführen lassen. Entscheidend ist offenbar auch noch im hohen Alter, ob sich die vorhandenen Strukturen im Gehirn schon frühzeitig weiterentwickeln konnten.

Janna Degener
studierte Linguistik, Literaturwissenschaft, Ethnologie und Deutsch als Fremdsprache an der Freien Universität Berlin. Sie arbeitet als freie Journalistin und Dozentin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2012
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