Passagen

Unterwegs ... zum letzten Mal ...

Am Anfang war die Reise. Der Aufbruch ins Unbekannte, die Odyssee, die Kavalierstour, die Hadj, die Entdeckungsreise … und das Erzählen darüber. Bruce Chatwin hielt in seinen Aufzeichnungen fest: „Die besten Reisenden sind die Analphabeten; sie langweilen uns nicht mit Erinnerungen.“.

Und so schwelgen auch wir nicht in Erinnerung, sondern wählen anstelle eines Rückblicks auf die Publikationsgeschichte der Printausgabe Humboldt, deren Reise nun ins Digitale führt, das Thema des Übergangs, jene Form des Unterwegs-Seins, die Abschied mit Ankunft verknüpft, die selbst Passage ist. Wir betrachten in diesem Heft das Reisen aus ethnologischer, philosophischer, psychologischer, kunsthistorischer und kulturgeschichtlicher Perspektive, wie immer mit Beiträgen von beiden Seiten des Atlantiks.

Der Themenschwerpunkt ist eine Hommage an den Namensgeber unserer Zeitschrift, an Alexander von Humboldt und seine legendäre Südamerikareise, mit der „alles" begann. Viel hat sich seitdem getan. Ihn, den Reisenden par excellence, beschreibt Ottmar Ette als einen Nomaden, dessen Denken und Wissenschaftsstil durch eine ständige Bewegung geprägt war, was seinen Ansatz so modern macht. Die Künstler in seinem Gefolge hatten die Aufgabe, das Unbekannte bis ins Detail hinein zu dokumentieren, bis die Fotografie diese Aufgabe zunehmend übernahm. Christoph Otterbeck beschreibt die Befreiung der Reisemalerei aus dem Korsett des Dokumentierungszwangs und in ihrer Entwicklung hin zur Visualisierung eher flüchtiger Eindrücke oder Stimmungen. Auch die künstlerische Reisefotografie eines Axel Hütte oder Andreas Gursky setzt in einer Zeit des Massentourismus, wo alles schon bekannt und abgeknipst ist, der Bestandsaufnahme einstiger exotischer Anmutung einen anderen Blick entgegen.

“A vida é uma viagem experimental, feita involuntariamente”, wie Fernando Pessoa in seinem Buch der Unruhe es auf den Punkt gebracht hat. Der unfreiwilligen Reise der Vertriebenen aber auch dem freiwilligen Aufbruch in ein besseres Leben widmet Laura Restrepo ihren Essay. „Weil die Menschheit auf einem Planeten unterwegs ist, auf dem alles unentwegt fließt und die Sesshaftigkeit eine Illusion ist.” Und während wir flussaufwärts nach dem Ursprünglichen, ja vielleicht Unbeweglichen suchen, sind die Objekte ethnologischen Forschungseifers – wie Óscar Calavia in Hinblick auf die Amazonasindianer festhält – oft schon in entgegengesetzter Bewegung unterwegs in die nächste Stadt.

Reise, diese große Metapher, umfasst noch viel mehr: den inneren Aufbruch, die Jenseitsreise und die Passagen in andere Welten, Traumwelten und paradiesische Sehnsuchtsorte. Das Schreiben selbst, ebenso wie die künstlerische Tätigkeit, ist ständige Bewegung und Unterwegs-Sein zwischen den Welten, zuweilen auch mit der Absicht verbunden, zu heilen. Joseph Beuys etwa sah Kunst als das Medium schlechthin an, gesellschaftliche Heilungsprozesse in Gang zu setzen, wie Natalie Göltenboth den Weg des Künstler-„Schamanen“ beschreibt. Reise also auch als Bild für Auf-Brüche, Versenkungen, Grenzüberschreitungen, Begegnungen und Transformationen ... für Passagen jeder Art.

Das aktuelle „Deutschlandjahr in Brasilien“ und Brasilien als diesjähriges Gastland auf der Frankfurter Buchmesse waren für uns Anlass, im Rahmen der „Passagen“ die brasilianische Literatur in ihrem spezifischen Modus des Unterwegs-Seins besonders in den Blick zu nehmen.

Begeben wir uns also gemeinsam auf die Reise in eine Zukunft, die immer wieder Überraschungen bereithält.

Wir verabschieden uns und danken allen Autoren, Künstlern, Fotografen, unserem Übersetzerteam und unseren Lektorinnen, die die Zeitschrift über viele Jahre begleitet und mitgeprägt haben.
Ulrike Prinz
(1961, München) ist Ethnologin mit Schwerpunkt Kunstethnologie und Mythologie, Redakteurin und Autorin. Von 2001 bis 2004 lehrte sie an der Ludwig-Maximilians-Universität München lateinamerikanische Themen. Von 2004 bis 2006 war sie Referentin am Goethe-Institut München und ist seit Oktober 2007 verantwortliche Redakteurin der Zeitschrift HUMBOLDT.

Isabel Rith-Magni
(Stuttgart) ist Kunsthistorikerin mit Schwerpunkt auf der modernen und zeitgenössischen Kunst Europas und Lateinamerikas. Seit 1993 ist sie verantwortliche Redakteurin der Zeitschrift HUMBOLDT und seit 2004 als Dozentin am Institut für Translation und Mehrsprachige Kommunikation der Fachhochschule Köln sowie seit 2012 an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft tätig.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2013

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