Passagen

Räume und Zeiten im Zeichen der Bedrohung und der Sehnsucht

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Über die Reise als Raum zwischen den Räumen und Zeit zwischen den Zeiten.

Mögen Sie, so lautete die Frage der HUMBOLDT-Redaktion, über die Reise als den Raum zwischen den Räumen und die Zeit zwischen den Zeiten schreiben?

Die Frage berührt die realen und die fantasiebesetzten Orte, die man reisend und sehnsuchtsvoll aufsucht, und ihre fundamentale Bedrohung. Von der realen Situation gehen wir aus und machen uns dann auf die Suche nach Räumen und Zeiten („zwischen den Räumen und Zeiten”), die von der Zerstörung nicht unmittelbar bedroht sind: die Imagination, der Mythos, der Traum. So ist die Tonlage ganz unterschiedlich: zuerst bedrückt, dann eher freudig, und in einer Volte am Schluss folgen wir der Reise, wie sie in der Kindheit begann und sich dann an den Mythen und Enttäuschungen abarbeiten muss. Manchmal kehrt dann auch wieder der Mythos zurück.

Das Reisen im Zeichen der Bedrohung

Das Reisen bleibt an die Fantasie und die Sehnsucht, an die Imagination und das Imaginäre gebunden – auch wenn die Orte, auf die die Fantasien sich richten können, weniger werden und gar zu verschwinden drohen. Der Fantasieraum des Unterwegsseins und des Wunsches nach Veränderung und Wandel bleibt erhalten.

Nehmen wir das Beispiel der heutigen Reisen in die arabische Welt. Die Arabische Rebellion hat neue große Visionen entstehen lassen und schon nach kürzester Zeit wieder viele von ihnen, und mit ihnen die Fantasie und Euphorie, zerstört. Die Zerstörung betrifft die Menschen der arabischen Welt, und sie berührt die Menschen der westlichen Welt nicht nur politisch in ihrem Wunsch nach Demokratisierung, sondern auch emotional.

Wenn wir uns emotional mit der andauernden Gewalt in den arabischen Ländern auseinandersetzen, uns mit dem Leid der Menschen, mit der dramatischen Lebenssituation konfrontieren, ist es dann erlaubt, oder ist es zynisch, wenn wir unseren Fantasien und Sehnsüchten nach den Städten und Landschaften, wie wir sie einmal erlebt haben, nachtrauern; wenn wir auch dem Exotismus, also der individuellen Überhöhung anderer Lebensformen, nachträumen? Oder liegt gerade darin, in dieser Erinnerung und Fantasie, die Kraft, um von Außen und aus der Ferne gegen den Zerfall aufzubegehren und uns zu engagieren?

Länder, die sich aufgrund der Arabischen Rebellion von ihrer Gewaltherrschaft befreien konnten, erlebten auch Zerstörungen und Bedrohungen ihres kulturellen und religiösen Erbes. Und die Bilder, die uns von Syrien unter Assad erreichen, übersteigen die Möglichkeiten, uns emotional mit jedem einzelnen Schicksal der Menschen, der Städte und Monumente auseinanderzusetzen. Der legendäre uralte Basar im syrischen Aleppo, über 2000 Jahre alte Häuser, mehr als 1500 Geschäfte, ein Weltkulturerbe, ist zerstört, man hat auch von einem Begräbnis gesprochen. Das Öl, das man dort verkaufte, machte aus dem Brand ein Inferno. Die Bewohner haben noch nicht einmal genügend Kraft, um zu trauern, berichtet die syrische Schriftstellerin Maha Hassan.

Oder nehmen wir die heutigen Reisen nach Afrika. Mali zum Beispiel ist für mich eine kaum fassbare Katastrophe, so sehr, dass es mir fast unmöglich war, die Nachrichten vom gewaltsamen Umsturz und der mörderischen Zerstörung von Kulturdenkmälern, Moscheen und Mausoleen mit Spitzhacken, Äxten und anderen schweren Waffen anzuschauen. Ich lebte in den siebziger Jahren in den mythischen Städten Gao und Timbuktu und in den Landschaften, die jetzt Teil eines radikal islamistischen Staates sein sollen. Auch hier war bei vielen Bewohnern, wie in Aleppo, oft die Trauer zu groß, als dass die Menschen noch hätten weinen können.

Gibt es in der Menschheitsgeschichte wirklich eine lineare Entwicklung zur Zivilisierung und Humanisierung des Menschen? Nach der Zerstörung der zweitausendjährigen Buddhas von Bamiyan, vieler uralter Städte, Museen und Grabstätten in Irak, Ägypten und Libyen, und jetzt Mali oder Aleppo muss man dies in Frage stellen.

Müssen wir aber nicht gerade dann an unseren Fantasien, Visionen und Sehnsüchten festhalten, wenn Gewalt und Destruktion so stark sind? Was ist aus dem Volk der Tuareg (mit ihrer Kultur, ihrer geheimnisvollen Sprache, dem Tamashek, und ihrer hieroglyphischen Schrift, dem Tifinar, geworden? Ich kann mir mein Leben, den Aufbruch in den Jahren nach 1968 in die afrikanische, arabische, asiatische und ozeanische Gegenwelt zum Nachkriegs-Deutschland ohne sie gar nicht vorstellen.

Orte ohne Zeit

Ist aber die Gegenwelt an reale Orte in ihrem sich ständig verändernden geschichtlichen Kontext gebunden? Sind wir in unseren Visionen, Fantasien und Imaginationen auf Zeit und Raum angewiesen? Gibt es Orte ohne Zeit? Jeder weiß, wie in Träumen Raum- und Zeitordnungen außer Kraft gesetzt werden. Der Traum breitet sich gleichzeitig in alle Richtungen aus, im Gestern und im Heute; auch längst verschwundene, getötete, verbannte Menschen sind oft genug im Traumgeschehen vital.

In Bezug auf die Zeit hat der Traum etwas Enthemmendes. Auch in Zuständen der Ekstase – also des Außer-sich-Seins – wird das Zeitbewusstsein nicht ausgeschaltet, aber verändert. In der rituellen, schamanistischen Ekstase – prätheatralische Formen und Performances – soll in hyperkinetischen Zuständen die Trennung von Himmel und Erde durch die Jenseitsreise aufgehoben werden. Schamanen nehmen die Jenseitsverbindung, die in mythischer Zeit abgerissen ist, wieder auf. Wäre das nicht unser natürlicher Zustand? Auch der Zustand, der uns zur Verfügung steht, wenn wir unterwegs sind in Gegenwelten ?

Hilft uns bei den gegenwärtigen Bedrohungen und Zerstörungen der Blick für die großformatigen Zyklen? Mythen erzählen von großen Zyklen und von einer Zeit, wo Geschichte nicht hinaufreicht, von einer primordialen Zeit, einer Zeit der Anfänge. Diese Zeit der Anfänge versucht man, in Kulturen und Riten wieder zu erneuern.

Mythen erzählen, „auf welche Weise dank den Taten der übernatürlichen Wesen eine Realität zur Existenz gelangt ist [...] Es handelt sich also immer um die Erzählung einer ‘Schöpfung’ [...] der Mythos spricht nur von dem, was wirklich geschehen ist, von dem, was sich voll und ganz manifestiert hat.” In dieser provokanten Formulierung stellt Mircea Eliade fest, dass Mythen (im Unterschied zu Legenden) „wahre Geschichten” sind, dass sie von einer Wirklichkeit handeln, von dem, was sich umfassend manifestiert, was sich offenbart hat. Die „wahre”, „heilige” Geschichte eines jeden Mythos bezieht sich immer auf Realitäten: „Der kosmogonische Mythos ist ‘wahr’, weil die Existenz der Welt ihn beweist; auch der Mythos vom Ursprung des Todes ist ‘wahr’, weil die Sterblichkeit des Menschen ihn beweist, und so fort.”

Die Sprache der Bibel, der Sagen, Märchen und Mythen erhebt das Gedachte und Imaginierte auf die Ebene des Zeitlosen, in unermessliche Räume. Mircea Eliade spricht in Bezug auf die Jetzt-Zeit von „Resten eines ‘mythologischen Verhaltens’” und dem Wunsch, „die Intensität wiederzufinden, mit der man etwas zum ersten Mal erlebt oder erfahren hat, die ferne Vergangenheit, die glückselige Zeit der ‘Anfänge’ [...], dieselbe Hoffnung, sich von der Last der ‘toten Zeit’ zu befreien, von der Zeit, die erdrückt und tötet”.

Wenn wir das Geschichtliche und das Vorgeschichtliche streng voneinander trennen und gegenüberstellen, geht der Blick dafür verloren, dass auch Mythen ein gesellschaftliches und geschichtliches Umfeld haben und dass, wie es Bronislaw Malinowski formuliert hat, „Mythen viele kulturelle Erscheinungen beherrschen und regulieren und das Rückgrat der sogenannten primitiven Zivilisation bilden”. Der zeitlose Gehalt der Mythen wird inmitten einer geschichtlichen Zeit von den Menschen angerufen, Streit zu schlichten. Der Mythos ist auch eine Darstellung des „Unendlichen im Endlichen”.

Die Reise, die in der Kindheit begann

Am Tag meines dreizehnten Geburtstags bekam ich einen Roman geschenkt, mit dem ich mich noch am Nachmittag in mein Zimmer zurückzog. Gemeinsam mit dem Protagonisten begab ich mich auf eine abenteuerliche Reise zu Schauplätzen, von deren Existenz ich bis dahin noch kaum eine Vorstellung gehabt hatte. Ich tauchte ein in eine Welt, die mir fremd, surreal, zugleich aber vertraut, ja greifbar schien.

In der Rolle des Beobachtenden wurde ich mit jeder Seite, die ich las, selbst zu einem Teil dieser Geschichte. So fühlte ich mich als kühner Abenteurer, der ganz allein zu Fuß oder auf dem Rücken eines Kamels die endlosen Weiten der Sahara durchquerte und überrascht feststellte, wie abwechslungsreich die Landschaft war, die sich hinter jeder Düne verbarg. Einer Seiltänzerin gleich, die sich auf einem unsichtbaren Seil ausbalanciert, bewegte ich mich von einem Pol meines Erlebens zum anderen: Gemächlich schlendernd, springend, tanzend, manchmal auch gehetzt. Je weiter ich reiste und die fremde Welt in mich aufnahm, desto mehr begann ich zu begreifen, welch eine Fremdheit und Schönheit mir innewohnte. Denn ich selbst war es, der den Mythos, den Fantasieraum jedes einzelnen Ortes, den ich bereiste, bestimmte.

An diese frühe Erfahrung schließen wir bei unseren späteren Reisen an. Städte wie Venedig oder Paris haben wir mythisch so hoch besetzt, dass wir immer abzustürzen drohen bei dem Drahtseilakt, das mythisch in unserem Inneren Erfahrene auch im Außen zu leben.

So wie die Palazzi auf der anderen Seite des Kanals wieder sichtbar werden, wenn sich der Nebel auflöst, tauchen auch die mythisch besetzten Orte, die man nicht mit dem eigenen Leben so erfüllen konnte, wie es einem die Fantasie vorgegaukelt hatte, nach der Reise in der Erinnerung wieder auf. Zum Beispiel dieses fragile Gebilde aus Stein, Wasser und Morast, die Spaziergänge durch die engen Gassen und über die Brücken, die Fahrten im Vaporetto. Da war er wieder: der Mythos, schemenhaft, wie auf einem Aquarell, jederzeit bereit zu verschwinden.  

Reisend und schreibend versuchen wir ihm eine Dauer zu verleihen und verwandeln jene Zeit in eine Jetzt-Zeit.
Nina Aydt
ist Schriftstellerin. Zurzeit schreibt sie an ihrem ersten Roman.

Hans-Jürgen Heinrichs
(1945, Wetzlar) ist Ethnologe und Schriftsteller. Er hat zahlreiche Biografien, kulturtheoretische Schriften, Prosaarbeiten und Bücher zum Reisen geschrieben, darunter „Das Feuerland-Projekt“, „Die geheimen Wunder des Reisens“, „Der Reisende und sein Schatten“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2013
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