Passagen

Die Sehens-Würdigkeit abseits der Sehenswürdigkeiten

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Die Reisefotografie bei Axel Hütte und Andreas Gursky als Gegenmodell zur eingebüßten Fremdheit in Zeiten von Massentourismus und Urlaubsknipserei.

Wie das Staunen abhanden kam

Einst war ein Bild aus „fremder Herren Länder“ eine seltene Kostbarkeit, die bestaunt wurde. Im 19.Jahrhundert, als sich die Fotografie erst zu entwickeln begann, waren Fotos von Reisen teure Unikate, die von professionellen Fotografen vor Ort erstellt und zum Andenken verkauft wurden. Für das Gros der Reisenden wäre der Transport einer eigenen Ausrüstung – angefangen bei der Apparatur selbst, über Stativ, Glasplatten, Chemikalien, bis hin zur transportablen Dunkelkammer – zu aufwändig gewesen. Das Bild der Fremde war noch kein Allgemeingut, das Fremde mithin noch fremd.

Heute hingegen bedarf ein Bild „von unterwegs“ eines minimalen Aufwandes, mit dem Effekt, dass die weltweite Ausbeute solcher Digicam-Clicks die Bildspeicher bis zum Überdruss gefüllt hat. Die Reaktion auf Milliarden geposteter Facebookbilder besteht meist nur in einer reflexhaften Betätigung des digitalen Zustimmungsbutton. I like it. Von Staunen keine Spur.

Gelenktes Sehen in Zeiten des Massentourismus

Kein Wunder, denn ein klassisches Bildmotiv, wie der Wachwechsel vor dem Buckingham Palace, ist ob der Menschenmenge, die diesen „besonderen Moment“ bildlich festhalten will, mit bloßem Auge gar nicht mehr zu sehen, sondern nur mit hochgehaltener Handykamera einzufangen und im Nachhinein auf dem Display anzuschauen. Wir sehen auf dem Bild, einst Ausweis authentischer „Augenzeugenschaft“, das, was hier eigentlich zu sehen gewesen wäre, wenn die Touristenströme der Welt nicht immer den Empfehlungen von Reiseführern für den best shot zu eingeplanter Zeit an vorgesehenem Ort folgten. In den störungsfreien Ablauf einer Gruppenreise lässt sich eben der Wunsch nach der Exklusivität eines individuellen Blickes schwer integrieren. Massentourismus fördert insofern selektive Wahrnehmung, die auf einige Highlights, sogenannte Sehenswürdigkeiten, reduziert wird. So entsteht ein beschränkter Kanon an Bildmotiven, die aus konventioneller Perspektive abgelichtet werden.

Die eingebüßte Fremdheit des Bildes

Durch die schiere Quantität der Bilder, deren Erstellung heutzutage zu den Verpflichtungen jedes modernen Reisenden zu gehören scheint, geht nicht nur so etwas wie die „Aura“ im Sinne Walter Benjamins verloren; es wandelt sich auch eine Kategorie, die wir behelfsweise  „Fremdheit“ nennen.

Was mit den Kategorien der gewöhnlichen Wahrnehmung nicht fassbar ist, das Nicht-Alltägliche, Nie-Dagewesene, Erstaunliche, Ungewohnte wird in der millionenhaften Bildwiederholung zu etwas Pseudovertrautem. Das Unverstandene und Fremde wird in Form von Bildern nicht nur „transportabel“ gemacht, sondern es löst sich zu etwas rein Pittoreskem auf. In Zeiten massenmedial verfügbarer Bilder der ganzen Welt frei Haus ist uns das Staunen über das „Fremde“ abhanden gekommen. Und schlimmer: Uns ist wortwörtlich Hören und Sehen vergangen, da wir die Fremdheit als Kategorie eingebüßt haben.

Fotokunst als Strategie der Ent-Fremdung

Natürlich sind die erwähnten Knipsereien unterwegs, gewissermaßen ein ästhetischer Kollateralschaden des Massentourismus, nicht mit hochwertiger Reisefotografie gleichzusetzen, wenngleich solche Laienfotos hinsichtlich des emotionalen Aussagewerts durchaus berührender sein können als ein durchkomponiertes Bild. Der fotografierende Reisende und der reisende Fotokünstler folgen grundsätzlich unterschiedlichen Parametern: Ästhetische Überlegungen sind für die Bildaussage der Schnappschüsse sekundär; Priorität hat der Erinnerungswert.

Wie aber kann ein Reisefoto heute in unseren vollgepfropften Bilderspeichern auch ästhetisch bestehen? Wie kann es im Strom des Pseudovertrauten einem Bild gelingen, nicht übersehen zu werden? Genügt zur tieferen Reflexion etwa schon die Exklusivität, die ein Kunstfoto allein durch Galerie, Museum oder Bildband als Rezeptionsort signalisiert, u.U. noch verstärkt durch monumentale Formate? Das wäre zu kurz gegriffen.

Die Antwort lautet eher: Das vermeintlich Bekannte muss ent-fremdet werden. Ging es in den Anfängen der Reisefotografie noch darum, das Fremde kennenzulernen und es sich bildlich anzueignen, wird heute der entgegengesetzte Pol gesucht ... zumindest wenn man die Positionen von Andreas Gursky und Axel Hütte für repräsentativ hält. Beide werden der Düsseldorfer Schule in der Nachfolge der Bernd-und Hilla-Becher-Klasse an der Düsseldorfer Kunstakademie zugerechnet und beide sind Reisefotografen, insofern sie keine Mühe scheuen, das passende Bildmotiv rund um den Erdball zu finden. Und noch etwas verbindet sie: Sie arbeiten nicht dokumentarisch.

Axel Hütte: En tierras extrañas

Axel Hütte (1951, Essen), so heißt es, bereitet seine Reisen akribisch vor; die mobile Dunkelkammer, wie sie einst zur Entwicklung der Bilder mitgeschleppt wurde, besteht bei ihm aus ortsspezifischem Kulturwissen, das er sich auf den unterschiedlichsten Gebieten zuvor angeeignet hat. Die Herausforderung besteht nun darin, trotz – nein: mit Hilfe – dieser willentlich eingebüßten Naivität dem Blick die Frische des Ersteindrucks zu geben, abseits von den medialen Prägungen und der Vorselektion des angeblich Bildwürdigen.

Hütte selbst brachte das in einem Interview 2006 auf den Punkt: „Ich bin eher ein Reisender durch Raum und Zeit. Die Reise gibt mir den Fokus vor. Vor Jahren bemerkte ich, dass ich 3.500 Kilometer weit reisen muss, nur um das gesuchte Bild zu bekommen. Wenn ich dann einmal vor Ort bin, dann überlege ich, welche Bilder sehr vertraut sind und unendlich oft reproduziert wurden, denn das ist eben das, was ich nicht möchte. Einer der Impulse, ein Foto zu machen, ist, dass mir etwas fremd erscheint.”

Die Konterkarierung eines stereotypen Motivs oder einer vorhersehbaren Perspektive scheint auch der Impuls für seine Werkreihe En tierras extrañas gewesen zu sein, die zwischen 2004 und 2008 auf Reisen entstand. Sie umfasst Bilder Spaniens und der Kanaren sowie aus Belize, Mexiko, New Mexico, Ecuador, Venezuela und Chile. Schon ihr Titel deutet darauf, dass sie die Fremdheit dieser Orte explizit thematisiert.

Hütte sucht in den großformatigen Panoramen von kargen Gebirgen, nebelverhangenen Wäldern, endlosen Wüsten, phantastischen Höhlen, tropischen Sümpfen und gigantischen Gletschern die Welt in ihrer Wesenhaftigkeit mittels der Verbildlichung zu erkunden. Dass seine menschenleeren Landschaften, in denen sich der Betrachter verlieren kann, an Caspar David Friedrich erinnern, ist nicht zufällig. Mit den Romantikern verbindet ihn das Bemühen um den poetischen Ausdruck einer zeitlosen Landschaft. Wenn es ihm darum zu tun ist, die exakte Lokalisierbarkeit seines Standpunktes zu vermeiden, dann wohl deshalb, weil ihn die Suche quasi nach dem Inbegriff einer Landschaft beseelt, die er als eine Art „meditative Vision“ inszeniert.

Axel Hütte nimmt im Zeitalter digitaler Fotografie eine eigenartige Zwitterstellung ein, denn obgleich mit analogem Equipment aufgenommen, wirken die Fotografien, so Nikolaus Ruzicska, „wie digitale Manipulationen der Wirklichkeit".

Andreas Gursky: Bangkok

Wie Hütte verwendet auch Andreas Gursky (1955, Leipzig) für seine Kompositionen den Entstehungsort als Werktitel, zuletzt bei seiner neunteiligen Serie Bangkok. Dem Betrachter wird der Blick von einem Bootssteg oder einer Brücke auf die Lichtreflexe eines dunkel-öligen fließenden Gewässers, in dem allerhand Zivilisationsmüll treibt, präsentiert, teilweise so abstrahiert, dass Assoziationen mit Bildern der Abstrakten Expressionisten naheliegen. Dass es sich um den Chao Phraya, der durch die thailändische Hauptstadt fließt, handelt, ist eine durch den Serientitel ausgelöste Vermutung, die sich nicht verifizieren lässt. Eine genaue Lokalisierung durch die Rückbindung an geografische Merkmale ist nicht möglich und liefe ohnehin dem Wesen dieser Bilder, in denen „Welt“ kondensiert wird, zuwider. Es sind Fluss-Bilder im doppelten Wortsinn: Bilder (irgend)eines Flusses und Bilder des Fließens und damit metaphorisch der Vergänglichkeit und der Zeit. Die Bilder laden zu freien Assoziationen ein. Dass einem Feuilletonisten dabei die existentiellste aller Reisen durch den Kopf ging, ist kaum verwunderlich: „Auch der Chao Phraya, der sich ins Meer ergießt, führt an eine Grenze, die des Lebens. Bleiern, bedrohlich, undurchsichtig, ist er auch ein mythischer Fluss. In der Antike heißt er Styx und trennt die Welt der Lebenden und das Totenreich.“ (Andreas Rossmann)

In den Bangkok-Bildern ist die manipulative Bearbeitung der digitalen Fotos essentieller Bestandteil des Bildentstehungsprozesses, auch wenn ihr Ausgangspunkt eine ­– oder mehrere – intuitiv erfasste Augenblicksaufnahmen waren. Insofern durchdringen sich in diesen Kompositionen die eingefangene Wirklichkeit (Abbild) und die – innerhalb technischer Grenzen – freie Kreation (Fiktion) unauflöslich.

Das ist insofern neu, denn das vor-digitale Foto früherer Zeiten hatte Zeugnis abgelegt von einer vorgefundenen Situation und sich im Nachhinein – abgesehen von kosmetischen Retuschen – nicht grundsätzlich verändern, geschweige denn erst konstruieren, also erfindenlassen.

Abbild und Imagination – das Geheimnis der Sehens-Würdigkeit

Die Reisebilder eines Andreas Gursky und eines Axel Hütte haben eine andere Funktion als die, ferne Länder wie im 19. und 20. Jahrhunderts  zu dokumentieren. Sie berichten nicht, sondern dichten, im Sinne von ver-dichten und er-dichten. Vielleicht liegt hierin das Geheimnis der fotografischen Ent-Fremdung. Es geht nicht um die Kategorie „Erinnerung“, sondern um Imagination, nicht Zurückrufen von Gesehenem, sondern Wachrufen von Ungesehenem. Das macht diese Fotos sehens-würdig.
Isabel Rith-Magni
(Stuttgart) ist Kunsthistorikerin mit Schwerpunkt auf der modernen und zeitgenössischen Kunst Europas und Lateinamerikas. Seit 1993 ist sie verantwortliche Redakteurin der Zeitschrift HUMBOLDT und seit 2004 als Dozentin am Institut für Translation und Mehrsprachige Kommunikation der Fachhochschule Köln sowie seit 2012 an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft tätig.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2013
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