Barockes Territorium

Über Humboldt

Humboldt ist eine Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Lateinamerika sowie Spanien und Portugal fördert und mitgestaltet. Autoren aus dem iberischen und deutschen Sprachraum kommen neben anderen internationalen Stimmen zu Wort. Humboldt greift aktuelle Diskussionen zu Themen des geistigen und kulturellen Lebens auf beiden Seiten des Atlantiks auf.

Die Renaissance der Barockmusik und -oper in Deutschland

'Dido und Aeneas' an der Staatsoper Berlin, Inszenierung: Sasha Waltz; Copyright: Sebastian BoleschDer Barock ist schwer in Mode, und dies nicht erst seit gestern. Zu danken ist dieser anhaltende Aufschwung allen voran dem Wirken der Pioniere vom Schlage eines Nikolaus Harnoncourt.

Blickt man heute auf die Landkarte, so sieht man dort eine Unmenge an hoch qualifizierten Musiker-Vereinigungen. Und die Begeisterung des Publikums hält an.

Man muss sich das nur einmal vorstellen: Ein Architekt würde beauftragt, ein neues Gebäude zu erdenken, im Idealfall selbstredend eines für die Kunst und deren weiträumige Verbreitung, und er verfiele auf die Idee, dieses Gebäude als eines aus dem Geiste des Barock in die Welt hineinzustellen, mit Putti, Prunk und Pomp. Das Geschrei wäre weithin hörbar. Ein barocker Bau mit all seinen Üppigkeiten, mit steinernen und güldenen Wucherungen und Ausbuchtungen, das würde heutzutage nicht angehen. Es wäre ein Rückfall, ästhetisch, kulturell, politisch. Wie es auch kaum denkbar wäre, einen Roman oder ein Bildnis in barocker Manier zu erschaffen. Die Rezipienten würden mit einiger Sicherheit in schallendes Gelächter ausbrechen. Kurz und gut: Will man auf dem Gebiet der Architektur, der Literatur und der Bildenden Kunst barocken Atem spüren, so bleibt dem Zeitgenossen nur der Besuch des Museums.

Ganz anders sieht es in der Musik aus. Der Barock ist schwer in Mode, und dies nicht erst seit gestern. Zu danken ist dieser anhaltende Aufschwung allen voran dem Wirken der Pioniere vom Schlage eines Nikolaus Harnoncourt. Nunmehr zwanzig Jahre sind vergangen seit dem Erscheinen seines Buches Musik als Klangrede. Ein Tractatus, welcher seinerzeit wie ein Gewitterblitz einschlug und im Grunde bis heute beträchtliche Spuren hinterlassen hat. Mit anderen Worten: Das Jahr 1985 kann, wiewohl Harnoncourts Ensemble, der Concentus Musicus Wien, schon vorher unter Eingeweihten für Aufsehen sorgte, durchaus als das Datum in den musikalischen Kalender eingetragen werden, an dem die Renaissance der Barockmusik und, im Schlepptau folgend, auch die der Barockoper, nachhaltig einsetzte.

Vitale Interpretationen

Die Folge war, dass landauf, landab Ensembles aus dem Boden schossen, die sich gleichsam qua Dekret der Pflege der Alten Musik verschrieben. Blickt man heute auf die Landkarte, so sieht man dort eine Unmenge an hoch qualifizierten Musiker-Vereinigungen. Eine Rangliste zu erstellen, wäre gewiss ungerecht. Doch einige Ensembles stechen, vielleicht auch aufgrund der Tatsache, dass sie schon über einen erklecklichen Zeitraum auf höchstem Niveau musizieren, heraus. So etwa die Akademie für Alte Musik Berlin, das Freiburger Barockorchester (sowie sein Ableger, das Balthasar-Neumann-Ensemble), Musica Antiqua Köln und Concerto Köln. Verbunden sind damit die Namen einiger renommierter Dirigenten: René Jacobs, Thomas Hengelbrock, Reinhard Goebel und Mark Minkowski seien hier als personifizierte Leuchttürme genannt.

Zwar sind die Zentren der barocken Musik neben Berlin mit dem alljährlich stattfindenden Barock-Festival Cadenza an der Staatsoper Unter den Linden und Kölns Forum für Alte Musik, die Schwetzinger Festspiele, Leipzig mit seinem Bachfest, die Händel-Festivals in Halle und Göttingen sowie die Konzertreihen des Freiburger Barockorchesters. Doch ist die Bewegung – und nicht nur wegen der zunehmenden Verbreitung von Tonträgern und Tonbildträgern mit barocker Musik - längst europäisch, zerfließen die Grenzen. Und so ist eine Generation von jungen Künstlern nachgewachsen, die mit hochstehenden, vitalen Interpretationen dafür sorgen, dass die Renaissance der barocken Musik anhält. Dazu zählen neben Emmanuelle Haim, der überaus temperamentvollen Cembalistin und Dirigentin des Ensembles Le Concert d’Astree, unter anderem Giuseppe Carmignola, Attilio Cremonesi, Jos van Immerseel, Alan Curtis und Christophe Rousset. Und vor allem der Entwicklung der barocken Oper haben sie sich verschrieben, mit zum Teil herausragenden Ergebnissen. In Deutschland hat neben der Staatsoper Unter den Linden in Berlin auch die Bayerische Staatsoper München seit Jahren regelmäßig Barockopern in ihrem Repertoire – mit großem Publikumserfolg.

Doch nicht allein die Vertreter der klingenden Zunft sind für die andauernde Hausse zuständig. Denn auch der Tanz hat den Reiz der Barockoper entdeckt. Ein Beispiel nur: Sasha Waltz, die junge Berliner Choreografin, nahm sich kürzlich Henry Purcells fragmentarischem Opus Dido und Aeneas an. Es wurde ein bezaubernder Abend. Ein Abend voller Eleganz, Esprit, Einfühlungsvermögen. Sogar die Götter gingen bei diesem anmutigen Plädoyer für die Schönheit der barocken Musik baden. Und es sah so aus, als fühlten sie sich in diesem Element äußerst wohl.

Nikolaus Harnoncourt: Musik als Klangrede; Neuausgabe Bärenreiter Verlag, ISBN: 3761810989, 10,50 €

Jürgen Otten
ist Musikjournalist und für verschiedene Zeitungen, Fachzeitschriften und das Radio tätig.

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Mai 2006

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