Die andere Sprache

Age de Carvalho

"auf dem einsamen Erdboden wo"

Ein Interview mit dem brasilianischen Dichter Age de Carvalho

Age, deine Dichtung nimmt verschiedene literarische Traditionen der westlichen Welt auf und verweigert sich jeder programmatischen Abhängigkeit. Und wie mir scheint, hast du auch eine ganz eigene Art, mit Bezügen umzugehen. Könnte es sein, dass du eine besondere Nähe zur deutschsprachigen Literatur entwickelt hast, weil du schon so lange in deutschsprachigen Ländern lebst? Hat der Umstand, dass du im gleichen Umfeld lebst wie viele deutsche und österreichische Autoren und gleichsam in ihre Sprache eingetaucht bist, deine Beziehung zur deutschsprachigen Literatur intensiviert oder ist diese nur einer unter vielen Bezugspunkten in deinem Werk?

Ich bin 1984 nach Europa gekommen, genauer gesagt nach Innsbruck, in Österreich, und kam dort zum ersten Mal mit der deutschen Sprache in Berührung, die dann unweigerlich zu meiner zweiten Sprache wurde. Davor hatte ich in Brasilien schon deutsche und österreichische Literatur in Übersetzungen kennen gelernt, aber mein Leben in Innsbruck in den achtziger Jahren und später in Wien brachte mir die Dichtung eines Georg Trakl näher, der mich zu jener Zeit interessierte und damals eine längst fällige Neubewertung auf internationaler Ebene erfuhr. Man stempelte ihn nicht mehr als rein expressionistischen Dichter ab. Ich weiß noch, wie ich eines Tages, als ich den Lehrsaal meines Deutschkurses an der Universität Innsbruck verließ, zufällig erfuhr, dass im Auditorium nebenan ein Weltsymposium über Trakls Dichtung stattfand. Aus Neugierde ging ich hinein. Jemand stellte mich vor: Ich sei ein brasilianischer Dichter, der einige Gedichte von Trakl ins Portugiesische übertragen habe, und rechtfertigte damit meine Anwesenheit im Raum. Vielleicht war es das Fremdartige, die Exotik, Übersetzungen von Gedichten wie "Verfall", "Ein Winterabend" oder "Zu Abend mein Herz" in einer wenig bekannten romanischen Sprache zu hören, Tatsache ist, dass man meinen kleinen Beitrag zu dem Symposium belohnen wollte, und zwar, indem man mir Zugang zum Brenner-Archiv gewährte, wo sich damals der Nachlass des Dichters befand. Dort hielt ich dann zitternd das Manuskript des letzten Gedichts von Trakl in der Hand, "Grodek", das er an der Front, kurz vor seinem Tod, mit schwacher Bleistiftschrift auf ein einfaches Blatt Papier geschrieben hatte. So etwas prägt! Damals habe ich mir vorgenommen, meine bis dahin eher zufällige Lektüre deutschsprachiger Dichter zu vertiefen.

In deinen Werken lässt sich bereits früh eine gewisse spielerische Freude daran ausmachen, was beim Übersetzen geschieht. In "The Age of the Oak" und "A idade do carvalho" [Das Alter der Eiche] (aus Arena, Areia, 1986) gibt es zwei Gedichte (eines auf Portugiesisch mit englischem Titel und das andere auf Englisch mit portugiesischem Titel), in denen du mit deinem eigenen Namen spielst. Und "Reincarnation / Reincarnation", aus demselben Buch, ist ein Gedicht, das zweisprachig und sechshändig entstand, unter Beteiligung zweier weiterer Autoren. Der deutschsprachige Titel deiner Anthologie, in der Übersetzung von Curt Meyer-Clason, lautet Sangue-Gesang (2006), ein Wortspiel, das sich in Caveira 41 (2003) in einem Gedicht über Wien findet. Du hast mir auch einmal gesagt, das Übersetzen von Lyrik sei in einer bestimmten Phase deiner Arbeit ein wichtiger Aspekt gewesen. Könntest du etwas mehr dazu sagen?

Mein direkter - und sehr bescheidener - Beitrag als Übersetzer war lediglich journalistischer Art. Kurz bevor ich Belém verließ, habe ich zwei Jahre lang in zwei Zeitungen (zuerst in der inzwischen eingestellten A Província do Pará, dann in O Liberal, damals die beiden auflagenstärksten im Bundesstaat Pará) eine Seite herausgegeben, die sonntags erschien und ausschließlich der Lyrik gewidmet war. Damals habe ich nicht nur Gedichte übersetzt, sondern auch einführende Texte geschrieben zu den brasilianischen und ausländischen Autoren, in ausgewogener Mischung, und noch dazu die grafische Gestaltung der Seite konzipiert. Kurzum, ich konnte in einer großen Zeitung vollkommen autonom über eine ganze Seite verfügen und verdiente, was ich nie für möglich gehalten hatte, mit Lyrik Geld, wenn auch wenig! Damals habe ich sehr viel übersetzt und mich gleichzeitig intensiver mit den vorgestellten Dichtern befasst. Was meine eigenen Gedichte betrifft, glaube ich, dass sich ein Überschneiden der Sprachen gar nicht hätte vermeiden lassen – schließlich lebe ich schon seit mehr als zwanzig Jahren im Ausland. Ich habe nicht versucht, aus dem, was zunächst ein Hindernis hätte sein können, eine Ästhetik zu entwickeln, sondern vielmehr einen Weg zum Miteinander der beiden Sprachen, die zu meinem Alltag gehören. Es geht mir mehr darum zu versuchen, mir selbst gegenüber authentisch zu sein und aus der Lyrik ein Medium für den täglichen Gebrauch zu machen, das meinem Leben so nah wie möglich kommt. Ich lebe mit dem Portugiesischen und dem Deutschen, und zwar schon seit Jahren. Meine Gedichte könnten gar nicht anders sein. Und das Palindrom Sangue-Gesang ist emblematisch, diese Gesänge des Blutes (sangue) mit vertauschten Phonemen, die übersetzt und umgesetzt, kommend und gehend, aus einem Gefäß in das andere fließen, Silben, Bedeutungen, Sprachen und Schicksale vermischen.

Viele deiner Gedichte beziehen sich auf Orte in Deutschland oder Österreich. Manche, die du nennst, wie zum Beispiel Trakls Grab in Innsbruck oder der Ring in Wien, öffnen für den Leser sozusagen einen kulturellen Raum. In anderen Fällen, wenn du von einem "Hof am Waagplatz" in Salzburg sprichst oder vom "Bonsai in der Schrämelstraße 7", handelt es sich um deutlich persönliche Bezüge, zu denen der Leser keinen Zugang hat. Das Gleiche gilt für manche Landschaftsbilder, zum Beispiel für den mit Raben gesprenkelten Schnee am Neujahrstag, die dem Publikum, für das du auf Portugiesisch schreibst, nicht vertraut sind. Wie empfindest du diese Asymmetrie zwischen deinen Bezugsräumen und denen deiner sozusagen "engeren" Leserschaft?

Wie ich schon sagte: Es ist meine Pflicht zu versuchen, mir selbst gegenüber authentisch zu sein, das verlange ich sogar mit einer gewissen Strenge von mir, wobei die Dichtung das Medium ist, davon zu berichten, was ich sehe und erlebe. Wenn ich das Grab eines berühmten Dichters erwähne, dann, weil ich dort gewesen bin und es mich so berührt hat, dass es mir erwähnenswert schien. Wenn ich eine Straße nenne (z. B. die Schrämelstraße), dann vielleicht, weil ich einmal in dieser Straße gewohnt habe oder eine andere Beziehung zu ihr hatte. Dabei denke ich nicht an den Leser, den Leser spreche ich beim Schreiben nicht an; das tut dann das Gedicht – oder auch nicht, denn die Aufnahmebereitschaft hängt nicht nur von mir ab. Aber wenn ich ein Gedicht abschließe und das Ergebnis als zufriedenstellend empfinde, dann glaube ich, aus Gründen, die ich nicht vollständig kenne, dass eine Kommunikation zustande kommen wird – und zwar intensiv und umfassend.

Inwieweit hat sich deine Beziehung zur portugiesischen Sprache während der langen Zeit, in der du außerhalb Brasiliens warst, verändert? Vielleicht ist es gar nicht leicht, dies zu beschreiben, aber ...

Im Grunde habe ich mich von meiner Sprache überhaupt nicht entfernt. Ich lese und korrespondiere viel auf Portugiesisch (früher, bis zum Jahr 2000, mit Max Martins, meinem Mentor und Lehrer; heute täglich per E-mail, mit meinem Freund, dem Dichter André Vallias); ich spreche auch verhältnismäßig häufig Portugiesisch, habe damit täglich Kontakt. Deswegen habe ich nicht, trotz der vielen Jahre fern von Brasilien, diesen Abstand, diese gewissermaßen unabhängige Beziehung, die du meinst. Selbst den Akzent aus dem Norden Brasiliens, das Gezische des in Pará gesprochenen Portugiesisch, habe ich nicht verlernt ...

Beim neuerlichen Lesen deiner Gedichte in der Übersetzung von Curt Meyer-Clason ist mir wieder aufgefallen, wie sehr die deutsche Sprache mit der ihr eigenen Präzision Kontraste hervorhebt. Im Gedicht "Naschmarkt" (aus Caveira 41) zum Beispiel bekommen die Verse "sabes: eu / não sou daqui, / nunca cheguei, / nunca / saí daqui" in der deutschen Version "weißt du: ich / bin nicht von hier, / ich bin nie angekommen, / bin nie / von hier fortgegangen" irgendwie viel mehr Gewicht. Ich könnte nicht erklären, warum es mir so scheint, schließlich ist es eine wortwörtliche Übersetzung ... Kannst du etwas über deine Zusammenarbeit mit Curt Meyer-Clason erzählen, bei Sangue-Gesang und bei dem Gedicht "As árvores de Heine", das du ihm zu seinem 90. Geburtstag gewidmet hast?

Ich habe genau den gleichen Eindruck! Sehr oft wird die Bedeutung (wobei es sich eigentlich nicht um die Bedeutung handelt), werden die Intentionen des Gedichts in der Übersetzung sogar deutlicher. Ich habe mich darüber mit Meyer-Clason unterhalten, er kannte dieses Phänomen. Guimarães Rosa hat ihm immer wieder gesagt, dass ihm selbst viele Passagen in Grande Sertão: Veredas erst vollständig klar geworden sind, nachdem er die deutsche Übersetzung gelesen hatte. So verstand er endlich, was er selbst geschrieben hatte! Ich glaube, so ergeht es allen, die das Glück haben, die eigenen Werke in Übersetzung zu lesen. Bei mir ging es in erster Linie um weit mehr: Es war eine große Ehre und Freude, während einiger Jahre mit Meyer-Clason, den ich als Meister schätze, zusammenarbeiten zu können. Das ihm gewidmete Gedicht entstand spontan und wurde glücklicherweise wenige Tage vor seinem 90. Geburtstag im Jahr 2000 fertig. Es war eine Paraphrasierung eines schönen kleinen Gedichts von Heine. Mit nur zwei Strophen, in denen zwei Bäume – der eine im Norden, nicht zufällig in der "oberen" Strophe, ist eine Fichte; der andere, in der "unteren" Strophe, also im Süden, eine Palme – voller Sehnsucht traurig feststellen, dass sie fern voneinander stehen. Mir schien, dass diese Quasi-Parabel gut den Werdegang von Curt Meyer-Clason illustrierte, dem Sohn der altehrwürdigen Stadt Ludwigsburg in Baden-Württemberg, der sich leidenschaftlich für alles aus Brasilien interessiert, einem Land, dem er ewigen Dank schuldet, wie er selbst sagt, wo er zum Mann geworden ist und das ihm nach so vielen Jahren, die er dort verbrachte, schließlich eine Seele geschenkt hat. Er versteht sich selbst als "jagunço", als "Mestize" – laut eigener Aussage. Und es gibt niemanden, der ihn davon abbringen kann...

Age de Carvalho (Belém/Pará, 1958),
Dichter und Grafikdesigner, war von 1983 bis 1985 Herausgeber der Lyrikseite Grapho in den Zeitungen A Província do Pará und O Liberal. Während dieser Zeit arbeitete er auch als Übersetzer. 1984 ging er, zunächst für ein Jahr, nach Innsbruck. Seit 1986 lebt er endgültig in Europa, teils in Wien, teils in München, und arbeitet als Grafikdesigner und Art Director bei verschiedenen österreichischen und deutschen Zeitschriften. Er veröffentlichte u. a. Arquitetura dos Ossos (1980), A Fala entre Parêntesis (mit Max Martins, 1982), Arena, Areia (1986), Ror: 1980-1990 (1990), Caveira 41 (2003), Seleta (2004), Sangue-Gesang (Berlin, 2006).
Interview: Simone Homem de Mello