Journalismus im Wandel

Journalisten gestern und heute – der Report einer Langzeitaufnahme

Lektorat; Copyright: BundesbildstelleEin junger Journalist sitzt  in einer Zeitungsredaktion in München bei der Arbeit. Copyright: picture-alliance/ dpaMännlich, 41 Jahre, Akademiker, Nettoverdienst 2.300 Euro, arbeitet bei der Presse. Was sich wie eine Kontaktanzeige auf der Suche nach dem Partner fürs Leben liest, sind die Daten zum durchschnittlichen deutschen Journalisten.

Das ist eines der vielen Ergebnisse einer Studie, die seit 1993 die Entwicklung eines ganzen Berufstandes untersucht.

Neue Medien, altes Lied

Mit der Demokratie und dem autonomen Nachrichtenwesen, die sich hierzulande seit 1945 gegenseitig stabilisierten, kam auch die Elektrizität. Sie ließ Nachrichten nicht nur in Printmedien sondern auch ins Radio und Fernsehen fließen. Alles wohl geordnet von Redakteuren. Ende der 1980er-Jahre kauften dann Geschäftsleute Sender und buhlten um ein Massenpublikum, das täglich einschaltet. Die Weichen für konsumorientierte, oft laienhafte Produktionen waren gestellt – das Internet führte sie zur Vollendung. Hier kann jeder Informationen verbreiten – über eigene Wohlbefindlichkeit bis hin zu Fakten aus Politik und Gesellschaft. Diese Konkurrenz aus dem Billigsektor privater Sender und Internet schnappt Reportern überlebenstaugliche Honorare und den Verlegern Werbekunden weg. Sie verändern die Medienlandschaft ebenso rasant wie sich Nachrichten verbreiten. Die Folgen für den Journalismus sehen Professor Siegfried Weischenberg (Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft, Universität Hamburg) und seine Kollegen im Monopolverlust sowie einer notwendigen Neuorientierung. Das ist nicht neu. Der Journalist Wolfgang Riepl stellte in seiner Schrift Das Nachrichtenwesen des Altertums mit besonderer Rücksicht auf die Römer einmal fest, dass auch die Medien des Altertums sich unter Druck neuer Konkurrenten verändern mussten, aber dennoch nie verschwanden. Aus dieser Erkenntnis leiten nun viele optimistisch das Rieplsche Gesetz ab, wonach kein neues Medium ein altes vollständig verdrängen kann.

Berufsethos deutscher Journalisten

Die Souffleure der Mediengesellschaft, Report über die Journalisten in Deutschland; Copyright: UVK Verlagsgesellschaft48.000 Menschen sind „hauptberuflich und hauptsächlich damit beschäftigt, aktuelle, auf Tatsachen bezogene und relevante Informationen zu sammeln, zu beschreiben und in journalistischen Medien zu veröffentlichen“. Vor zwölf Jahren waren es 6.000 mehr, wobei ein Drittel als freie Journalisten arbeitete. 2006 kann nur noch ein Viertel als Freelancer überleben. Ob fest oder frei, die Arbeitsweisen sind die gleichen: Die meiste Zeit – 239 Minuten täglich – beanspruchen Kommunikation und Recherche. Mit ihren Texten wollen die meisten (89 Prozent) neutral und präzise informieren sowie komplexe Sachverhalte vermitteln (79 Prozent). Dieser Anspruch hat sich im letzten Jahrzehnt kaum verändert, im Gegensatz zum Rollenverständnis: Wollten sich 1993 noch 43 Prozent aller Befragten für die sozial Benachteiligten einsetzen, so sind es 2005 nur noch 29. Auch Missstände kritisieren wollen fünf Prozent weniger als 1993. Diese Haltung begrüßt die TV-Journalistin Maybrit Illner: „Die Journalisten meiner Generation sind vielleicht einfach pragmatisch. Sie dienen sich keiner Partei an, sind keine verkappten Missionare, sondern verstehen sich als Beobachter (...). Diese Sorte Journalisten ist schwer erpressbar“, zitieren die Autoren sie aus einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Tatsächlich geben die meisten Journalisten an, dass sie autonom seien. Sie fühlen sich verpflichtet, investigativ zu recherchieren, respektieren aber die Privatsphäre und lehnen Skrupellosigkeit ab.

Zunehmende Bedeutung der PR-Branche für Journalisten

Reporter nehmen sich im Vergleich mit denen von 1993 weniger Zeit zum Recherchieren als zum Gegenlesen der Texte ihrer Kollegen. Das werten die Wissenschaftler als Indiz für eine verstärkte Orientierung an Kollegen und Vorgesetzten als Folge einer grundlegenden Verunsicherung. Ihrer Untersuchung scheint das zu bestätigen. 64 Prozent aller Befragten geben an, sich am meisten von anderen Journalisten beeinflussen zu lassen. Sie kennen den hart umkämpften Markt und sorgen sich um ihren Arbeitsplatz. Zu Recht, denn in den letzten zwölf Jahren ist zwar das Medienangebot gestiegen, die Gesamtzahl der hauptberuflichen Journalisten hat sich aber deutlich verringert. Immer mehr müssen nebenher für ihren Lebensunterhalt als PR-Berater oder Werbe-Texter arbeiten. Zumindest dieses Geschäft boomt: Pressemitteilungen von Unternehmen, Parteien und Verbänden haben stark zugenommen. Zu stark, meinen die meisten Redakteure. Kein Wunder: 1993 hatte weniger als ein Drittel Kontakt zu PR-Stellen, 2005 waren es 50 Prozent. Dennoch geben die meisten an, dass diese keinen Einfluss auf ihre Arbeit hätten. Sie nutzten die PR-Texte als Anregung und halten sie für eine mäßig zuverlässige Informationsquelle. Als Orientierung und Themenfundus dienen andere Medien, vor allem die Süddeutsche Zeitung, das Wochenmagazin Der Spiegel und die Nachrichtensendungen der ARD.

Die Basics – Arbeit, Geld und Zufriedenheit

Lektorat; Copyright: BundesbildstelleDie meisten deutschen Journalisten arbeiten für Zeitschriften, deren Marktanteil dank Special-Interest und Fachzeitschriften um zehn Prozent gewachsen ist. Dennoch bauen die meisten Printmedien Personal ab. Dafür gibt es in den elektronische Medien mehr Journalisten als 1993. Allein für Online-Medien arbeiten hauptberuflich 2.000. Das ist für die krisengebeutelte Branche leider kein Grund zum Aufatmen, denn auch beim Fernsehen, Radio und Internet gilt ein harter Sparkurs. Obwohl die Anzahl der Sender seit 1993 um mehr als die Hälfte stieg, stieg die Zahl der angestellten Journalisten nur um 37 Prozent. Hier wird aber nicht nur Personal gespart, sondern auch an ihm: nur ein Drittel aller Journalisten haben einen Universitätsabschluss – in anderen Redaktionen sind zwei von drei Mitarbeitern Akademiker – was sich in der Bezahlung bemerkbar macht.

Auch in anderen Sparten werden nur Wenige reich. Mehr als die Hälfte aller Berichterstatter verdienen zwischen 1.000 und 2.500 Euro, sieben Prozent mehr als 3.000 und nur ein Prozent mehr als 5.000 Euro netto. Überall gilt: Frauen bekommen bei gleicher Qualifikation und Position monatlich 500 Euro weniger als die männlichen Kollegen. Das entspricht dem bundesdeutschen Durchschnitt. Was Journalisten allerdings deutlich unterscheidet ist ihre erstaunlich robuste Zufriedenheit – mit ihrem Verhältnis zu ihren Kollegen und Vorgesetzten sowie mit der freien Arbeitseinteilung. Immer unzufriedener werden sie im Vergleich zur vorhergegangenen Studie mit der beruflichen Sicherheit, den Aufstiegschancen und Weiterbildungen.

Edelfedern, Alphatiere und Meinungsmacher – das Bild der Journalisten in der Öffentlichkeit

Fotograf; Copyright: www.pixelquelle.deEs gibt prominente Journalisten, die im Fernsehen wie auf Partys allgegenwärtig sind und zwecks Meinungsmache auch mal kungeln. So trafen sich die drei Großen der Branche – die Herren Aust vom Spiegel, Schirrmacher von der FAZ und Döpfner vom Springer-Verlag – und: „Beim Wein beschlossen sie, zum Wohl des Volkes und dem ihrer Kinder, die Rechtschreibreform zu kippen“, berichten die Medienwissenschaftler. Sie hatten Erfolg. Diese „Alphatiere“, wie sie die Autoren nennen, prägen das Bild des Journalisten in der Öffentlichkeit – leider nicht zum Besten. Nur zehn Prozent aller Deutschen zählen den Beruf des Journalisten zu denen, die sie am meisten schätzen; 1993 waren es 20 Prozent. Das erklären sich die Autoren mit einer Boulevardisierung der Medien. Sie biedern sich dem Publikum mit Promis als menschlichem Aushängeschild, Trendthemen und Prominenten-Tratsch an und verlieren an Glaubwürdigkeit.

Reporter zum Report

Diese umfangreiche Studie, die laut Verlag in ihrer Gründlichkeit im internationalen Vergleich beispiellos ist, wurde von den meisten Journalisten unterstützt und interessiert aufgenommen. Nur einige Superstars der Branche reagierten mit Empörung. „Ein Chefredakteur, der es nötig hat, begehrte sogar eine Unterlassungserklärung; diesem Ansinnen haben wir uns verweigert“, schreiben die Wissenschaftler und verteidigten damit die Pressefreiheit, eine Säule der Demokratie, die der Öffentlichkeit relevante und unverfälschte Informationen garantiert – ebenso wie die meisten seriösen Journalisten.

Literatur

Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland von S. Weischenberg, M. Malik, A. Scholl; UVK Verlagsgesellschaft Konstanz 2006 (ISBN 978-3-89669-586-4, Euro 19,90)

Christine Sommer-Guist
freie Journalistin und Autorin

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2007

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