
Der Wunsch, sich in eine Parallelwelt zu begeben, scheint so alt zu sein wie die Menschheit selbst. Sei es durch Gebet, Fasten, Tanz, Meditation oder Drogeneinnahme: In fast allen Kulturkreisen gibt es spezielle Praktiken und dementsprechend eingeweihte Priester, Schamanen, Yogis, die vermeintlich den Ausgang aus der uns bekannten Realität in eine andere, meist übernatürliche Welt kennen – ob inner- oder außerhalb unseres Bewusstseins. Diesen Vorgang des Überschreitens des eigenen Bewusstseins bezeichnet man als „Transzendenz“.
Der rumänische Religionswissenschaftler Mircea Eliade schreibt über den ekstatischen Zustand der Transzendenz in seinem Buch Schamanismus und archaische Ekstasetechnik: „Die Schamanen müssen wie die Abgeschiedenen im Lauf ihrer Unterweltsreise eine Brücke überschreiten. Wie der Tod enthält auch die Ekstase eine „Veränderung“, welcher der (Anmerkung des Verfassers: schamanische) Mythus plastisch durch einen gefährlichen Übergang ausdrückt.“
Um in eine parallele oder jenseitige Welt zu gelangen, muss der Held in seiner Initiationsreise meist einsam eine Überschreitung wagen, entweder wie in der griechischen Mythologie verbotenerweise den Olymp erklimmen, um zu dem Sitz der Götter zu gelangen, den Styx mit dem Fährmann Charon überqueren, um die Unterwelt der Toten zu erreichen, oder in anderen mythologischen Vorstellungen eine Leiter erklimmen beziehungsweise eine Brücke überqueren. Wir finden in Literatur und Film eine große Anzahl unterschiedlicher Wege in eine Parallelwelt und verschiedene Varianten mit Wesen aus jenseitigen Welten zu kommunizieren.
Diese Übergangsmotive verdeutlichen sowohl die Angst als auch die Sehnsucht in eine andere Welt zu gelangen. Besonders das Zeitalter der Romantik ist von diesem Eskapismus geprägt. Die fantastischen Wunderwelten der Romantik wurden aus der Gegenbewegung zur wachsenden Rationalität des 19. Jahrhunderts geboren. Gerhard Muschwitz schreibt über den romantischen Dichter und Schriftsteller E.T.A. Hoffmann: „In der Dichtung stellt Hoffmann der Welt des Alltags die Welt der Fantasie und des Traumes gegenüber, ohne beide jemals vereinigen zu können, wie er das auch im Leben nicht vermochte. Der Wechsel zwischen Traum und Wirklichkeit ist daher allen seinen Dichtungen, den Erzählungen und Novellen, wie auch dem Märchen eigen.“
Die deutsche Romantik ist geprägt vom Erträumen fantastischer Zustände, dem Sehnen nach dem „Goldenen Zeitalter“, den märchenhaften Landschaften und Wesen, wie wir ihnen zum Beispiel in Der goldne Topf (1814) von E.T.A. Hoffmann oder Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1813) von Adelbert von Chamisso begegnen können. Die Interaktion mit der fantastischen Welt impliziert allerdings auch in der Romantik meist ein böses Erwachen. Peter Schlemihl leidet unter dem Verkauf seines Schattens, nur der Student Anselmus aus Der goldne Topf gelangt schließlich glücklich mit seiner angebeteten Schlangenfrau Serpentina in das sagenhafte Atlantis. Beide Geschichten sind prädestiniert für eine filmische Adaption im Zeitalter der digitalen visuellen Effekte – sind sie doch voller wunderlicher Transformationen und sprechender Fabelwesen.
Michael Ende greift in seinem berühmten Klassiker der Jugendliteratur von 1979 Die unendliche Geschichte – der 1984 von Wolfgang Petersen als einer der aufwendigsten deutschen Kinofilme realisiert wurde – auf das romantische Motiv der Traumwelt zurück. Der einsame Junge Bastian Balthasar Bux gelangt durch das Lesen eines alten Buches in das Land Phantásien. Der lesende Junge wird Teil der Geschichte, die er gerade liest. Nur der Kraft seiner eigenen Fantasie ist es schließlich zu verdanken, dass die Bewohner Phantásiens vor der großen schwarzen Leere, dem Nichts gerettet werden.
Die Autorin Cornelia Funke nimmt in ihrer Tintenwelt-Trilogie (2003 bis 2007) das Motiv der Buch-im-Buch-Transgression zwischen literarischer Fantasiewelt und literarischer Realität ebenfalls auf, indem sich die Figuren des Romans durch einen besonders begabten Vorleser in die fiktive mittelalterliche Tintenwelt hinein oder aus ihr herauslesen lassen.
Philip Pullmans berühmte Trilogie His Dark Materials (Der goldene Kompass, Das magische Messer und Das Bernstein-Teleskop, 1995–2000) führt uns gleich in diverse Parallelwelten, in denen mithilfe eines magischen Messers Löcher in die Luft geschnitten werden, um durch diese in die benachbarte Welt zu gelangen. In seinem Roman existiert – nur durch eine dünne „Schicht“ getrennt – eine Welt neben der anderen, so wie die Welten unseres Unterbewusstseins von unserem Bewusstsein durch eine kleine „Schicht“ getrennt sind. Meist bleibt das Unbewusste von uns, wie der Name bereits sagt, unbemerkt, aber das macht seinen Effekt auf unser Wesen umso wirkungsvoller.
Folgen wir den Protagonisten aus dem wohl berühmtesten Literaturbeispiel für eine Parallel- beziehungsweise Traumwelt, dem weißen Kaninchen und Alice aus Lewis Carrolls Alice im Wunderland (Alice's Adventures in Wonderland, 1865) durch den Kaninchenbau in das Wunderland: Es ist eine fiktive und konstruierte künstliche Welt, in die der Leser eingeführt wird. Trotzdem spiegelt sie auch unsere logische Denkstruktur und unsere Gesellschaftsordnung, indem sie sie überzeichnet oder ins Gegenteil verkehrt.
„Was für eine komische Uhr!“ sagte Alice. „Sie zeigt das Datum, und nicht, wie viel Uhr es ist“
„Warum sollte sie“, brummte der Hase; „zeigt deine Uhr, welches Jahr es ist?“
„Natürlich nicht“, antwortete Alice schnell, „weil es so lange hintereinander dasselbe Jahr bleibt.“
„Und so ist es gerade mit meiner“, sagte der Hutmacher.
Nach ihrer Rückkehr erzählt Alice ihrer großen Schwester von dem Wunderland, sodass die Schwester, fasziniert von den Erzählungen, ihrer Fantasie freien Lauf lässt:
„So saß sie da, mit geschlossenen Augen, und glaubte fast, sie sei im Wunderlande, obgleich sie ja wusste, dass, sobald sie die Augen öffnete, alles wieder zur alltäglichen Wirklichkeit werden würde ...“
Ebenso mag es demjenigen ergehen, der sich in die virtuellen Traumwelten begibt.
Mircea Eliade: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik, Suhrkamp 7. Auflage (Frankfurt/Main 1991), S. 445, ISBN 3-518-27726-X
Gerhard Muschwitz: Nachwort in Märchen der deutschen Romantik, Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung (Leipzig 1958), S 541, ASIN: B0000BL8NY
Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte in Märchen der deutschen Romantik, Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung (Leipzig 1958), ASIN: B0000BL8NY
Michael Ende: Die unendliche Geschichte, Thienemann Verlag (Stuttgart 2004), ISBN-10: 3522176847; ISBN-13: 978-3522176842
Cornelia Funke: Tintenherz. Cecilie Dressler Verlag (Hamburg 2003), ISBN 978-3791504650. Tintenblut. Cecilie Dressler Verlag (Hamburg 2005), ISBN 978-3791504674. Tintentod. Cecilie Dressler Verlag (Hamburg 2007), ISBN 978-3-7915-0476-
Philip Pullman: Trilogie His Dark Materials (Der goldene Kompass, Das magische Messer, Das Bernstein Teleskop), Carlsen (Hamburg 2007), ISBN-10: 355135720X, ISBN-13: 978-3551357205
Lewis Carroll: Alices Abenteuer im Wunderland, Reclam (Ditzingen 1999), ISBN-10: 3150097460; ISBN-13: 978-3150097465. Zitiert nach der deutschen freien Onlineversion: www.gutenberg.org/files/19778/19778-h/19778-h.htm
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März 2010
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