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Kommunikation mit den Lesern – Redaktionen und das Web 2.0

Inzwischen sind viele Redaktionen auf Facebook und Twitter vertreten.  Foto: Viktor Senkov © iStockphotoInzwischen sind viele Redaktionen auf Facebook und Twitter vertreten.  Foto: Viktor Senkov © iStockphotoInteraktive Angebote wie Blogs, Facebook oder Twitter haben in den vergangenen Jahren aus passiven Lesern Gesprächspartner und Kritiker gemacht. Die etablierten Medien taten sich anfangs schwer damit. Das hat sich geändert.

Jeder vierte Deutsche ist bei Facebook – und mittlerweile jeder zweite deutsche Zeitungstitel. Da wird kommentiert, diskutiert und kritisiert. Ungefähr jeder zweite Journalist sieht die sozialen Medien positiv und postet mindestens zwei Mal pro Tag Beiträge auf Facebook oder Twitter. Vorreiter in Sachen soziale Medien war die Rhein-Zeitung aus Koblenz. Dort twittern Redakteure bereits seit Anfang 2009.

Twittern mit Niveau

„Es reicht nicht aus, nur Artikel zu verlinken.“ Foto: TommL © iStockphoto„Zwar sind jetzt viele Redaktionen auf Facebook und Twitter vertreten, doch die meisten kommunizieren auf niedrigem Niveau“, sagt der Medienjournalist Thomas Mrazek, der sich seit Jahren mit der Entwicklung von Journalismus im Internet beschäftigt. „Es reicht nicht aus, nur Artikel zu verlinken oder die Leser jeden Tag zu fragen, was sie von diesem oder jenem halten.“ Das wirke ermüdend. „Besser ist eine ernsthafte Diskussion.“ Die sieht Mrazek zum Beispiel in den Aktivitäten der Süddeutschen Zeitung, der Zeit und der Welt. Meistens beschäftigen sich die Online-Redakteure mit den sozialen Medien. In Blogs wiederum schreiben öfter Printredakteure. „Blogs sind in den deutschen Medien noch eine Ausnahme“, sagt Mrazek, „gerne werden sie zu Großereignissen wie Wahlen oder Fußball-WM kurzzeitig eingesetzt. Unter den regulären Blogs findet Mrazek die der Redaktionen von Faz.net (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und von Zeit Online sehr lesenswert. „Beide behandeln interessante Nischenthemen auf hohem Niveau und sind von guten Fachautoren geschrieben.“

„Wir wollen den Dialog“

Der Umgang mit sozialen Medien ist oft bereits ein Auswahlkriterium bei Bewerbungen.  Foto: Chris Schmidt © iStockphotoDie Kommentarfunktion auf Webseiten war das erste Instrument, das eine breite Kommunikation mit den Lesern ermöglichte. Mittlerweile ist sie Standard. Einige Redaktionen wie Stern Online haben sie allerdings wieder abgeschafft. Zu viel Arbeit. Doch die ist es wert, findet Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online. Seine Redaktion ist für ihre gepflegten Kommentarseiten bekannt. „Wir erhalten rund 17.000 Kommentare pro Woche“, sagt er. „Wir lesen alle und moderieren sie.“ Die Redaktion betreibt außerdem eine Facebook-Seite, 20 verschiedene Blogs und jedes Ressort twittert, 22 Redakteure sogar persönlich. Chefredakteur Blau twittert seit drei Jahren, nicht nur bei @zeitonline sondern auch als @wblau. „Wir wollen einen Dialog“, sagt Blau, der auch privat antwortet. Die sozialen Medien sind für ihn wichtiger Teil der journalistischen Arbeit. „Nutzer weisen uns nicht nur auf Fehler hin, sondern geben uns auch wertvolle Hinweise auf neue Quellen oder für die Weiterentwicklung eines Thema“, sagt er und berichtet von einem Redakteur, der eine Recherchereise nach Japan im Blog ankündigte und hilfreiche Anregungen zu Thema sowie Orten und auch neue Kontakte bekam. Der Umgang mit sozialen Medien ist bei Zeit Online bereits ein Auswahlkriterium bei Bewerbungen: „Wer als Redakteur zu uns will, muss in Social Media sattelfest sein.“

Die neue Rolle der Journalisten

Web 2.0 hat die Redaktionen gehörig umgekrempelt.  Foto: Mats Persson © iStockphotoWeb 2.0 hat die Redaktionen gehörig umgekrempelt. „Oft wird allerdings unterschätzt, wie viel Zeit es kostet, die Angebote mit Qualität zu entwickeln“, sagt Thomas Mrazek, der auch Weiterbildungen zu diesem Thema anbietet. Und gerade Zeit hätte man in Redaktionen nicht. „Oft sind die Angebote vorhanden, werden aber nicht gepflegt. Fragen bleiben unbeantwortet und auf Kritik wird nicht reagiert.“ Er rät den Redaktionen, genau zu überlegen, was sie erreichen wollen. Am wichtigsten findet er es, Leser zu binden: Community Building. „Doch das geht nicht nebenbei, sondern erfordert Kontinuität.“ Außerdem fehle vielen die nötige Spontaneität, mit diesen Medien umzugehen. Am tiefgreifendsten ist jedoch die veränderte Rolle der Journalisten, denn nun müssen sie sich mit den Lesern auseinandersetzen. „Das fällt vielen Redakteuren schwer“, sagt Mrazek. „Da herrscht teilweise offene Ablehnung.“

Viele Möglichkeiten für Freie

Auch unter freien Journalisten ist die Skepsis groß. Thomas Mrazek kann das nicht begreifen. Schon lange schreibt er regelmäßig für das Blog onlinejournalismus.de und ist seit vier Jahren in den sozialen Medien aktiv. „Durch sie bin ich so gut informiert wie nie zuvor“, sagt er. „Man kann auf sich aufmerksam machen, gewinnt neue Aufträge und viele Ideen.“ Auch freie Journalisten sollten sich eine Kommunikationsstrategie überlegen und nach ihren Interessengebieten sorgfältig auswählen, wem sie zum Beispiel auf Twitter folgen. „Wenn ich mal zwei Wochen offline bin, gucke ich auf Twitter nach und weiß alles“, sagt Mrazek, für den die sozialen Medien fester Bestandteil der journalistischen Arbeit sind. „Man darf dort nicht zu viel Zeit verdaddeln“, sagt er und fügt an, dass er sich erst an den Umgang damit gewöhnen musste. Erfolge stellten sich ohnehin nicht sofort ein. „Es hat ein Jahr gedauert, bis ich sagen konnte: Mit Twitter kann ich arbeiten, das bringt mir was.“

Katja Hanke
ist freie Journalistin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Februar 2012

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