Ein medienpolitisches Frühwarnsystem - Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) gegründet

Ein Forum für die Medienbranche, ein Zentrum der Kommunikationsforschung, ein zentraler Ort für medienpolitische Debatten – das Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) hat sich viel vorgenommen.
Geht es in Deutschland um Medienpolitik, melden sich sehr unterschiedliche Interessenvertreter und Entscheidungsgremien zu Wort: das Wirtschaftsministerium, die Kulturstaatsministerin, ihre Kollegen aus den Bundesländern, die Landesmedienanstalten, das Kartellamt, die KEK (Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich) und viele andere mehr. IfM-Gründungsdirektor Lutz Hachmeister: „Es gibt in Deutschland keinen zentralen Ort für Medienpolitik, deswegen ist sie auch fast gar nicht vorhanden."
Wer macht eigentlich Medienpolitik?
Große Medienkonzerne verfügen heute über Budgets wie Nationalstaaten. Die Globalisierung, der Konjunktureinbruch, der vor allem den Zeitungen zu schaffen macht, und der wachsende Einfluss großer Finanzinvestoren in der Medienbranche haben den Konkurrenzdruck enorm verstärkt. Internationale Konzerne wie NBC Universal oder Murdoch gewinnen auch in Deutschland an Einfluss. Umgekehrt erwirtschaften deutschen Zeitungskonzerne bis zu zwei Drittel ihres Umsatzes auf den osteuropäischen Märkten.Medienpolitik – das ist nicht mehr Sache eines einzelnen Staates, und selbst europäische Gremien spielen kaum noch eine Rolle. Wer eigentlich die entscheidenden Beschlüsse trifft und die Weichen stellt – auch das ist schon eine der Forschungsaufgaben, die sich das IfM gestellt hat. Das Institut hat seinen Hauptsitz in Berlin-Charlottenburg und unterhält eine Forschungsabteilung in Köln.
Lutz Hachmeister, selbst ein Profi in dieser Branche, war Direktor des Grimme-Instituts in Marl, hat die Jury des Deutschen Fernsehpreises geleitet, eine Reihe von Dokumentar-Filmen gedreht (zuletzt „Das Goebbels-Experiment") und gibt seit mehreren Jahren das Standardwerk „Wer beherrscht die Medien?" heraus, das Hintergrundinformationen zu den 50 größten Medienkonzerne der Welt enthält.
"Da lag die Idee nahe, in dem Institut aus diesem schnell veraltenden Standardwerk ein aktuelles Online-Informationssystem zu entwickeln", sagt Hachmeister. Das System soll über eine Internet-Website für das allgemeine Publikum und die Branche verfügbar sein.
Die Ausrichtung des Instituts wird international sein. Entwicklungen, die sich auf den Märkten der Welt anbahnen, werden immer schneller nach Deutschland durchschlagen. Hachmeister nennt Beispiele: Die neuen digitalen Sendekanäle werden das Sehverhalten der Zuschauer verändern. Was wird aus dem traditionellen Programmfernsehen, wenn sich jeder seine eigene TV-Sendung herunterladen und zu beliebigen Zeiten ansehen kann? "Werden die Filme auf DVD irgendwann ebenso verschwinden wie die CDs, wenn alle einen I-Pod oder einen leistungsfähigen Computer zum Herunterladen haben?", fragt der Gründungsdirektor. Die Kinos haben bereits jetzt mit sinkenden Besucherzahlen zu kämpfen – was kommt, wenn sich jeder zu Hause zu erschwinglichen Preisen einen Beamer oder einen großen Plasmabildschirm hinstellen kann? "Wir verstehen uns auch als ein medienpolitisches Frühwarnsystem."
Beobachten, auswerten, beraten
In Deutschland ringen von rund 350 Tageszeitungen ein Drittel um das nackte Überleben. Qualitätszeitungen gelten als ökonomisch nicht rentabel. Verlage dringen in andere Geschäftsfelder vor, werfen Buch- und Lexika-Reihen, Filme, Musik-CDs auf den Markt, bieten Gratisableger für Jugendliche an. In den USA und in den anderen europäischen Ländern verlaufen ähnliche Entwicklungen. Das Institut beobachtet, wie es andere machen, sichtet medienpolitische Modelle, wertet Arbeiten zur Medienpolitik, zum Journalismus, zur Medienkonzentration aus, kümmert sich um neue technologische Entwicklungen und bietet Foren, Veranstaltungsreihen und Fachdiskussionen an.Lutz Hachmeister stört es, dass zum Beispiel beim Pressefusionsrecht kaum Politiker gibt, die sich mit den komplizierten Medien- und kommunikationspolitischen Sachverhalten genügend auskennen. Was bedeutet es, wenn deutsche Verleger wegen des Kartellamts nicht fusionieren dürfen, internationale Medienunternehmer (die Mecom-Gruppe von David Montgomery) aber zugreifen dürfen? Der Gründungsdirektor: "Da ist eine Grundsatzentscheidung fällig: Bleibt bei einem deutschen Medienmarkt oder lassen wir einen globalisierten Markt zu?" Auch die bevorstehende Fusion des Springer-Konzerns mit der Pro7/Sat1-Gruppe kann nach seiner Meinung nicht allein unter kartell- oder konzentrationsrechtlichen Aspekten betrachtet werden. "Das wirft auch Fragen für die Zukunft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten auf."
Laut Statut ist das IfM eine wirtschaftlich und parteipolitisch unabhängige Forschungseinrichtung. Gesellschafter in der gemeinnützigen GmbH sind unter anderem das ZDF, Premiere, der Holtzbrinck-Verlag, RTL, VIVA/MTV Networks, Ufa/Teamworx, Universal, Spiegel TV und einigen TV-Produktionsfirmen. Dem Institutsdirektor stehen derzeit zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Seite. Der wissenschaftliche Beirat bündelt den Sachverstand von 20 Medienwissenschaftlern aus dem In- und Ausland. Die Arbeit des Instituts dient keiner materiellen Gewinnerzielung. Ab 2006 sollen Nachwuchswissenschaftler aus den Universitäten durch ein eigenes Graduiertenprogramm weiter gefördert werden.
freier Journalist, Berlin
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Januar 2006










