Die Neuentdeckung der Langsamkeit – Slow Media

Mit einem „Slow-Media-Manifest“ (2010) schwimmen Blogger in Deutschland gegen den (eigenen) Strom: Sie wollen Inseln der Langsamkeit in einer immer stärker beschleunigten Medienlandschaft schaffen. Goethe.de sprach mit der Mitinitiatorin Sabria David.Internet, Web 2.0 und soziale Netzwerke absorbieren in atemberaubendem Tempo das Denken ihrer Nutzer. Viele entziehen sich deshalb bereits ganz dem Bann der Bildschirme. Doch Entsagung ist laut Sabria David keine Lösung. Ihr zufolge kommt es vielmehr darauf an, „angemessene Reaktionen auf die Medienrevolution“ zu finden und Medien nachhaltiger zu nutzen und zu gestalten.
„Nachhaltigkeit“ als Medienwert
Zusammen mit Benedikt Köhler und Jörg Blumtritt hat David auf dem gemeinsamen Blog www.slow-media.net 2010 ein Manifest mit 14 Thesen veröffentlicht. Dabei schließen die Autoren an die internationale Slow-Food-Bewegung an, für die menschenwürdige Lebensführung, Genuss und Qualität nicht voneinander zu trennen sind. Der Leitbegriff des Slow-Media-Manifests ist denn auch der der Nachhaltigkeit: Ausbeutung, oberflächlicher Konsum und schneller Profit vertragen sich nicht mit nachhaltigen Medien.
Beispiele für nachhaltige, „langsame“ Medien sind nach Ansicht der Slow-Media-Verfechter die Magazine brand eins und Spektrum der Wissenschaft. Ihre Ausstrahlung reicht den Bloggern zufolge weit über die Zeit ihres Erscheinens und über die einzelnen Leser hinaus, die es von sich aus weiterempfehlen, egal ob sie gedruckt oder online vertrieben werden. Mediennutzer spüren die Haltung, mit der ein Medium produziert wird, und sind deswegen bereit, mehr dafür zu bezahlen. Eine Funktion des Slow-Media-Blogs ist es, genau solche Beispiele herauszufinden und weiterzutragen.
Zwei Seiten der Qualitätsmedaille
Frau David, warum das Slow-Media-Manifest?
Momentan ist die Medienlandschaft in zwei Fronten geteilt. Die „Papierfraktion“ ist der Auffassung, dass der Garant für guten Journalismus die gedruckte Zeitung ist. Für die andere Fraktion liegt nur im Internet die Lösung für das Qualitätsproblem der Gegenwart. Wir wollten einen alternativen Ansatz einbringen. Denn Qualität ist nicht von der Frage Print oder Internet abhängig. Vor diesem Hintergrund haben wir uns zusammengesetzt, um ein Positionspapier aus einer medienübergreifenden Perspektive zu entwerfen.
In Deutschland wurde das Slow-Media-Manifest kontrovers aufgenommen. Woran entzündete sich die Kritik?
Kritik kam in erster Linie in den ersten Wochen während des Hypes: zum einen von Leuten, die gar kein Qualitätsdefizit erkennen konnten oder wollten. Und zum anderen kam Kritik von Internetbefürwortern, die dachten, wir würden uns gegen das Internet aussprechen. Bei letzteren haben wir durch unsere Arbeit gezeigt, dass wir das Internet nicht verteufeln, sondern besser machen wollen. Einige unserer heftigsten Kritiker sind tatsächlich inzwischen zu Befürwortern geworden.
Nachhaltige Wirkung im Ausland
Ein Jahr Slow-Media-Manifest. Was hat es bewirkt?
Die Mediendebatte wird jetzt konstruktiver geführt − die Fronten von Befürwortern und Gegnern des Internets sind aufgeweicht. Angesichts der Medienrevolution, vor der wir stehen, kommt man mit ideologischen Argumentationsmustern nicht weit. Heute haben wir bis zu 35.000 Abrufe pro Monat. So haben auch bei uns inzwischen die nachhaltigen Wirkungen zugenommen, die für uns noch viel wichtiger sind.
Was meinen Sie damit?
Unser Manifest wurde von Lesern ins Französische, Italienische und Russische übersetzt. Die ausländischen Nutzer haben den Spielball aufgenommen und debattieren in ihrer jeweiligen Heimat weiter. Die Diskussion, die wir angestoßen haben, wird in Blogs fortgeführt, von Tageszeitungen aufgegriffen oder an Universitäten untersucht, zum Beispiel vom Studiengang Kommunikationsdesign der Fachhochschule in Dortmund.
Das Manifest wird in Seminaren an einer Medien-Hochschule in San Francisco und in Universitäten in Australien besprochen. Uns erreichen Rezensionen aus Norwegen, Japan, der Türkei und Israel. Das sind nachhaltige Wirkungen.
„Langfristige Leserbindung zahlt sich aus“
Im Internet bekommt man die meisten Informationen gratis. Unter welchen Umständen sind Nutzer noch bereit, für qualitätsvolle Inhalte zu zahlen?
Es gibt zahlreiche Modelle für nachhaltige Medien, die funktionieren. So kam 2008 in Frankreich das Magazin XXI auf den Markt, das dreimal im Jahr erscheint. Ziel war von Anfang an, das Magazin ohne Anzeigen allein über die Leser zu finanzieren. Skeptiker warfen ein, dass im Internetzeitalter kein Mensch pro Ausgabe 15 Euro zahlen würde. Doch die Herausgeber konnten den Lesern vermitteln, dass Qualität etwas kostet und sind inzwischen bei 50.000 Lesern angelangt.
Es funktioniert, wenn man Qualität bietet und eine enge Verbindung zu den Lesern aufbaut. Allein mit schnellem Abverkauf bindet man die Leser nicht. Wer nachhaltige Medien schafft, muss allerdings erst einmal in Vorleistung gehen. Eine langfristige Leserbindung zahlt sich nicht gleich bei den ersten Ausgaben aus.
Ohne Twitter geht es nicht
Wie gehen Sie selbst mit der erschlagenden Vielzahl an Medien um?
Es ist eine Zukunftsfrage, wie man es schafft, diejenigen Medien zu finden, die zu einem passen und die Themen herauszufischen, die relevant sind und wirklich interessieren. Niemand kann alles an Medien und Inhalten konsumieren, was derzeit angeboten wird.
Auf welche Medien und Formen der digitalen Kommunikation man seine Kraft verteilt, muss jeder selbst entscheiden. Ich selbst würde zum Beispiel nicht gerne auf Twitter verzichten. Da verzichte ich lieber aufs Fernsehen.
arbeitet als Wissenschaftsjournalist und Publizist in Bonn.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2011
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