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Zukunft der Zeitung, Zeitung der Zukunft – Medienwissenschaftler Stephan Weichert im Gespräch

Professor Stephan Weichert; Foto Kathrin BrunnhoferProfessor Stephan Weichert; Foto Kathrin BrunnhoferDie unendliche Publikationsvielfalt im Internet ist drauf und dran, einem weiteren klassischen Printmedium das Wasser abzugraben. Die Omnipräsenz von in Echtzeit aktualisierten Weblogs bis hin zu Social News Sites machen vor allem der Presse schwer zu schaffen. Der kostenlose Mitteilungsdrang der Webgemeinde bedroht unterdessen einen ganzen Berufsstand. Über die Zukunft der Zeitung und des Journalismus ein Gespräch mit dem Medienwissenschaftler Professor Dr. Stephan Weichert.

Herr Professor Weichert, haben Sie heute schon Ihre Frühstückszeitung gelesen, oder gehören Sie inzwischen auch zu denen, die sich die Nachrichten aus dem Internet holen?

Natürlich, ich lese jeden Morgen Papierzeitung und nicht nur eine. Viele News beziehe ich dann tagsüber aus dem Netz, seit Neuestem auch über mein iPad. Fachinformationen erreichen mich aber auch über Twitter, Facebook und Blogger.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es in 15 Jahren nicht mehr dieselbe Zeitungsdichte in Deutschland geben wird wie heute. Wir werden nicht nur eine Dezimierung der Druckauflagen erleben, sondern auch Insolvenzen von kleineren und mittelgroßen Zeitungsverlagen. Einige Prestigeblätter wie die SZ oder FAZ, Massenblätter wie Bild oder Kölner Express, aber auch die taz mit ihrem widerstandsfähigen Solidaritätsmodell werden vermutlich auch auf bedrucktem Papier – freilich in stark verringerter Auflagenhöhe – überleben. Aber die meisten Titel werden ihre Druckausgaben einstellen und sich als Online-Only-Marken etablieren.

Das Verschwinden der Zeitung ist eine logische Konsequenz aus dem drastischen Rückgang der Werbeerlöse bei gleichzeitig fehlendem Online-Geschäftsmodell, der starken Hinwendung zum Internet vor allem junger Menschen, die für Papier nur noch wenig übrig haben, der personellen Ausdünnungen, die einen herben Qualitätsverfall in der Berichterstattung zur Folge haben. Und nicht zu vergessen aus der Identitätskrise des Journalismus, der sich intellektuell und handwerklich erst noch auf die Publikationsbedingungen im Netz und die Konkurrenz durch Laien einstellen muss.

Laienjournalisten sind kein Ersatz für Medienprofis

Nun könnte man das Ende der elitären Verfügungsgewalt über das gedruckte Wort ja durchaus als Gewinn für die Demokratie betrachten. Wo liegt das Problem mit dem praktizierten Bürger- oder „Graswurzel“-Journalismus?

Der Journalismus ist ein Beruf, den man erlernen kann und für den es eine Ausbildung gibt. Die praktischen Fähigkeiten, die wir trainieren, also zum Beispiel Recherche, Fact-Checking, Darstellungsformen, Blattmachen, Online-Publishing, Layouten und vieles mehr, kosten meine Journalistik-Studenten viel Ausdauer, Fleiß und Engagement, damit sie für den Arbeitsmarkt gut präpariert sind. Und ich kann Ihnen versichern: Die Ausbildung bei uns ist kein Zuckerschlecken – der Spruch von Wolf Schneider, dass der Begriff „Qualität mit Qual“ zu tun habe, kommt nicht von ungefähr. Laienjournalisten können eine Bereicherung für den Journalismus sein, aber die Medienprofis werden sie niemals ersetzen können.

Personalabbau, Honorarkürzungen, Fremdtextverzicht sind die Rezepte, mit denen die Verlagshäuser auf die Krise reagieren, begleitet von massiver Aufrüstung ihrer kostenlosen Internetangebote. Können Sie diese scheinbar kontraproduktive Strategie verstehen und gutheißen?

Verstehen: ja, gutheißen: nein. Ich kann gut nachvollziehen, dass Verlage Vorkehrungen treffen wollen, um auf das große Zeitungssterben vorbereitet zu sein. Es geht hier ja in erster Linie um Psychologie und Arbeitsmoral. Es ist natürlich einfacher, einen glatten Schnitt zu machen und auf einen Schlag 300 Mitarbeiter zu entlassen, als jeden Monat 20 kündigen zu müssen. Das würde ja einen dauerhaften Angstzustand auslösen, morgen vielleicht der Nächste zu sein. Auf der anderen Seite sind die Qualitätseinbußen infolge der Entlassungswellen und Etatkürzungen das Schlimmste, was die Verleger ihren Zeitungen antun können. Damit entfällt auch noch das letzte Kaufargument für sie.

Lohndumping bei Tageszeitungen

Nun gehören die ohnehin nicht üppig bezahlten freien Journalisten mit zu den Hauptleidtragenden der Entwicklung. Können sich all ihre Heerscharen über kurz oder lang noch Hoffnungen auf ein berufliches Überleben machen?

Mein geschätzter Kollege Tom Schimmeck hat beim Gründungskongress des Freischreiber-Verbands den Witz gebracht, dass man jeden Monat einen Text von der Länge der Bibel schreiben müsste, um auf einen anständigen Lebensunterhalt zu kommen. Aber wenn Sie sich die Zeilenhonorare ansehen, bleibt Ihnen der Lacher schnell im Halse stecken. Die Marburger Neue Zeitung zahlt beispielsweise zehn Cent pro Zeile gleich zehn Euro für 100 Zeilen, was einer durchschnittlichen Artikellänge entspricht. Ich empfinde dieses Lohndumping als echte Sauerei und frage mich, wie Journalisten mit einem Monatssalär, das kaum über Hartz IV liegt, überhaupt über die Runden kommen. Die Gefahr, dass viele gute Leute deshalb in die PR abwandern, ist daher auch dramatisch gestiegen.

Es gibt inzwischen auch Experimente zur Verquickung klassischer und webbasierter Inhalte, siehe etwa das Beispiel der Wochenzeitung „Der Freitag“. Ein Modell für die Zeitung der Zukunft oder eher eine Verzweiflungstat?

Freitag-Verleger Jakob Augstein ist einer der visionärsten und klügsten Köpfe in den Medien. Er nimmt allerdings auch viel privates Geld in die Hand, um seinen Traum von einem Netzwerk-Journalismus zu realisieren, der die Community und ihre Kommunikationskanäle offensiv in die Produktionsabläufe miteinbezieht und nicht – wie andere Verlage – bevormundet oder als lästige Masse abwiegelt. Ich drücke ihm die Daumen, dass es gelingt, seine Ideen zu monetarisieren. Dann würden mit Sicherheit viele andere Verlage auf den Online-Print-Hybrid-Zug aufspringen und endlich begreifen, dass nur die Verquickung von Online- und Printjournalismus mittelfristig über die derzeitigen finanziellen Engpässe hinweg führt.

Stephan Weichert, Dr. phil., Jahrgang 1973, lehrt als Professor für Journalistik an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg (MHMK). Zuvor arbeitete er am Institut für Medien- und Kommunikationspolitik in Berlin, wo er unter anderem den Forschungsschwerpunkt „Qualitätsjournalismus und Prestige-Presse“ leitete. Weichert ist Autor und Herausgeber zahlreicher Fach- und Sachbücher.

Publikationen zum Thema: Digitale Mediapolis. Die neue Öffentlichkeit im Internet (Köln 2010, gemeinsam herausgegeben mit Leif Kramp und Alexander von Streit); Wozu noch Journalismus? Wie das Internet einen Beruf verändert (Göttingen 2010, gemeinsam herausgegeben mit Leif Kramp und Hans-Jürgen Jakobs); Wozu noch Zeitungen? Wie das Internet die Presse revolutioniert (Göttingen 2009 gemeinsam herausgegeben mit Leif Kramp und Hans-Jürgen Jakobs).

 
Roland Detsch
stellte die Fragen. Er arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in München und Landshut.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2010

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