60 Jahre "Rheinischer Merkur" - Der Zeitgeist hat ihn eingeholt
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Ausgabe 17/2006 |
Doch das hat die Auflage (noch) nicht beeinflussen können. Wie bei allen konfessionellen Publikationen ("Chrismon", "Weltbild") bewegt sie sich im freien Fall. Laut Bericht des IVW hat der "Rheinische Merkur" bei der verbreiteten Auflage seit 2004 rund 15.000 Exemplare eingebüßt; sie ging von fast 107.000 auf knapp 92.000 Ende 2005 zurück (Abonnenten 56.500). Dennoch hat sich der "Merkur" neben der "Zeit" als einziges überregionales Wochenblatt in Deutschland über 60 Jahre halten können. Seit mehr als 30 Jahren wird er gestützt von der katholischen Kirche. 1974 traten mehrere Bistümer, 1976 schließlich die Deutsche Bischofskonferenz in das Gremium der Herausgeber ein. Von sieben Millionen Euro jährlichen Subventionen ist die Rede, eine Zahl, die offiziell nie dementiert wurde.
Berufung auf einen großen Namen
Die erste Ausgabe des "Rheinischen Merkur" erschien in einer Auflage von 160.000 Exemplaren nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer Lizenz der französischen Besatzungsmacht am 15. März 1946 in Koblenz. Gründer und erster Chefredakteur war der Journalist Franz Albert Kramer, Korrespondent der "Vossischen Zeitung". Er war auf der Flucht vor den Nazis in die Schweiz emigriert.Die Wahl des Namens war Programm. Der deutsch-nationale Publizist Joseph Görres hatte 1814 in Koblenz eine Zeitung gleichen Namens gegründet. Der alte "Rheinische Merkur" trat gegen Napoleon und für die Freiheit der Völker ein, für die deutsche Sprache und Kultur, für die Erneuerung der Pressefreiheit und ein reformiertes Kaisertums. Auch Görres musste in die Schweiz emigrieren, als die preußische Regierung 1816 die unbequeme Zeitung verbot.
Drei Jahre nach der Neugründung übergab Kramer 1949 die redaktionelle Leitung Otto B. Roegele, Mediziner und Publizist. Er bestimmte während der folgenden 14 Jahre den Kurs des Wochenblattes in der Chefposition (und blieb bis 2005 einer der Herausgeber). Der "Merkur" wurde zum Leib- und Magenblatt Konrad Adenauers, christlich-abendländisch, antipreußisch, europäisch-westlich und natürlich antikommunistisch. Als Adenauer 1963 zurücktrat, endete auch Roegeles Zeit als Chefredakteur. Der "Merkur" stand mit einem Mal in der deutschen Presselandschaft ziemlich allein.
Lotse in komplizierten Zeitläuften
1971 scheiterte das Experiment "Publik". Eine bundesweite katholische Wochenzeitung, von einer starken Laienbewegung getragen und im Geiste einer erneuerten Kirche, fand nicht genug Abonnenten, um zu überleben. Die katholische Kirche bot nun dem "Merkur" ihre finanzielle Unterstützung an, und seitdem haben die katholischen deutschen Bischöfe eine eigene Zeitung.Ein Widerspruch zur Fusion mit der evangelischen Zeitung "Christ und Welt" 1979, acht Jahre später, war das nicht – der "Merkur" war schon für ein Zusammengehen und die Zusammenarbeit der Konfessionen eingetreten, als das noch keineswegs üblich war. Eine etwas anders geartete Übernahme funktioniert nicht so gut. Als die Hamburger "Woche" 2002 eingestellt wurde, übernahm der "Merkur" ihre Abonnentendatei und belieferte sie mit ihrem Blatt. Die linksliberale Töne gewohnte Leserschaft reagierte mit Abbestellungen, es wurde ein Schlag ins Wasser.
Nach der Fusion mit "Christ und Welt" zog die Redaktion von Köln (wo man seit 1950 residierte) nach Bonn. Danach siedelte auch der Verlag von Koblenz an den Regierungssitz am Rhein um. Im Herbst 2005 bezog der "Rheinische Merkur" einen Neubau im ehemaligen Bonner Regierungsviertel. Derzeit sind 25 Redakteure bei dem Blatt beschäftigt. Rund 35 weitere Angestellte arbeiten in Verlag und Redaktion. Neben den Katholiken Wolfgang Bergsdorf, Paul Kirchhof, Hans Maier und Christa Meves fungieren auch zwei Protestanten als Herausgeber: der Kirchenrechtler Axel von Campenhausen und der frühere sächsische Justizminister Steffen Heitmann.
Seit zwölf Jahren steht Michael Rutz als Chefredakteur an der Spitze des Blattes. "Prinzipienfest in der Vergangenheit", so Michael Rutz, "sehen wir uns heute, da der Verlauf der Geschichte uns Recht gegeben hat, von allgemeiner Zustimmung umgeben." ("Wofür wir stehen", in der Jubiläumsausgabe vom 16. März 2006). Er sieht sein Blatt als "Lotse in komplizierten Zeitläuften": "Unsere Leser werden uns auch künftig vorfinden als Blatt aus einem freien, christlich verantworteten Denken heraus, ohne Angst vor vermintem Terrain, ohne zeitgeistheischende Girlanden."
Was aber heißt konservativ?
Eine Antwort versucht die Jubiläumsausgabe mit einer eigenen Beilage. "Alles, was das Tempo verlangsamt, den Zerfall aufhält, indem es die Globalisierung einhegt, ist gut und richtig", schreibt der Publizist Alexander Gauland. "Sich seiner Wurzeln besinnen", so Karl Kardinal Lehmann. "Vieles ändern, damit alles bleibt", antwortet Randolf Rodenstock (Präsident der Bayerischen Wirtschaft). Richard Schröder, Theologe und SPD-Politiker beruft sich auf Goethe: "Manches Herrliche der Welt ist durch Krieg und Streit zerronnen. Wer beschützt und erhält, hat das schönste Los gewonnen." Konrad Beikircher, Kabarettist, grenzt sich ab: den alten Zustand wiederherstellen, also restaurativ, das sei es nicht, aber reaktionär, also das Neue mit Gewalt aufhalten, das auch nicht. Irgendwo zwischen (gar nicht so) guter alter Zeit und allzu blindem Vertrauen in das Neue – das ist konservativ. "So gesehen wäre das nicht die schlechteste Haltung, die man zu seiner Gesellschaft einnehmen kann."
ist freier Journalist in Bonn und Berlin und leitet in Berlin eine Agentur für Text und Gestaltung
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Mai 2006















