Verlage und Verleger

„Alles fehlt, wenn Größe fehlt“ – Axel Springers 100. Geburtstag

Axel Springer vor den Hamburger Verlagshaus.  Foto: © Axel Springer AGAxel Springer vor den Hamburger Verlagshaus.  Foto: © Axel Springer AGAm 2. Mai 2012 wäre der Verleger und Macher der „Bild“-Zeitung Axel Springer 100 Jahre alt geworden. Ein Rückblick auf das bewegte Leben des berühmten und gleichzeitig umstrittenen Verlegers.

Eigentlich wollte er Sänger werden. Doch die Stimme reichte nicht aus. Stattdessen schlug Axel Cäsar Springer den Weg über Druckerlehre und Zeitungsvolontariat ein und wurde zu einer der bedeutendsten und gleichzeitig umstrittensten Persönlichkeiten der deutschen Mediengeschichte.

Die Legende von Bild

Willy Brandt und Axel Springer bei der Grundsteinlegung für das Berliner Verlagshaus. Foto: © Axel Springer AGLeidenschaftlicher Israel-Freund, visionärer Journalist und unbeirrbarer Befürworter der deutschen Wiedervereinigung, aber auch hartnäckiger Vertreter der konservativen Gesellschaftsordnung, Klassenfeind des DDR-Regimes und Hassobjekt der Linken. Axel Springer war so vieles und ist gerade deshalb so schwer zu fassen. Bereits zu Lebzeiten verdichten sich unzählige Anekdoten um seine schillernde Persönlichkeit zu einem imposanten Mythos. Etwa, dass in seinen Blättern die DDR stets in Anführungszeichen gesetzt wurde. Oder wie er mit Kleber und Schere über den Boden seines Hamburger Wohnhauses krabbelte und an einem neuen Zeitungstypus tüftelte. Im Visier den kleinen Mann von der Straße erfand Springer den Prototyp des deutschen Boulevardblatts: Die Bild-Zeitung, am 24. Juni 1952 erstmals erhältlich. Markenzeichen: Knallroter Titel, großes Format (Springer: „Alles fehlt, wenn Größe fehlt“) und Schlagzeilen, die den Leser nicht an der Ratio, sondern am Gemüt packen.

Ausbildung und Verlagsgründung

Springer wird am 2. Mai 1912 in Hamburg-Altona als Sohn des Verlegers der Altonaer Nachrichten unmittelbar ins Zeitungsgeschäft geboren. Nach einer Setzer- und Druckerlehre im väterlichen Betrieb und anschließendem Volontariat bei einer Zeitung und Nachrichtenagentur schreitet er 1946, inmitten der Trümmer des Nachkriegsdeutschlands, zur Verlagsgründung. Von den britischen Besatzern erhält er eine Lizenz zum Druck der Zeitschrift Nordwestdeutsche Hefte und lanciert noch im selben Jahr die Programmzeitschrift Hörzu. Besonders die Einnahmen aus Hörzu, die sich rasch zur beliebten Familien-Illustrierten entwickelt, schieben das Wachstum des Verlags an: Kurz nach der Währungsreform 1948 gesellt sich mit dem Hamburger Abendblatt eine Tageszeitung zur Springerschen Riege, 1953 kauft der Verleger die überregionale Zeitung Die Welt.

Wiedervereinigung und Antikommunismus

Axel Springer gilt weder als Freund ausgeklügelter Zahlenspiele noch politischer Feinstabstimmungen: Totalitäre Systeme, ganz gleich ob braun oder rot, sind ihm zuwider. Die Schuld gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus schmerzt ihn ein Leben lang. Springer sieht zwei Ventile, den Druck der Schuldgefühle abzulassen: Die Subvention des Staates Israel und ein strikter Antikommunismus, gepaart mit einem unerschütterlichen Glauben an die deutsche Wiedervereinigung. 1958 reist Axel Springer zu Nikita Chruschtschow nach Moskau – im Gepäck einen 5-Phasen-Plan, mit dem er vergeblich versucht, den Kreml von der Wiedervereinigung zu überzeugen. Ist es Zufall, dass der Schriftzug des 19-stöckigen Verlagsgebäudes, das Springer Anfang der 1960er-Jahre an der Sektorengrenze in Berlin errichtet, trotzig in den Osten leuchtet? „Macht das Tor auf!“ titelt auch die Bild, die im frostigen Klima des Kalten Krieges als auflagenstärkste Zeitung Europas zum effektiven Sprachrohr wird.

Unruhige Zeiten

Das Berliner Verlagsgebäude 1966.  Foto: © Axel Springer AGAn den provokanten Schlagzeilen und dem meinungsbildenden Stil der Bild-Zeitung erhitzen sich in den 1960er-Jahren die Gemüter derjenigen, denen die Macht des Konzerns nicht geheuer ist: Intellektuelle, Schriftsteller, Linke und Liberale blasen zum Sturm auf den Medienmogul. Als Springer schließlich 39 Prozent aller deutschen Zeitungen und 18 Prozent aller Zeitschriften in seinem Verlag vereint, rückt das Thema Pressekonzentration ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Rudolph Augstein, Gründer des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, holt zum intellektuellen Seitenhieb aus und fordert 1966 eine „Lex Springer“ – ein „…Gesetz, das ihm verbieten würde, sich im Presse-, Verlags- und Druckereiwesen und in der Fabrikation von Meinungen weiter auszudehnen…“. Springer reagiert und verkauft fünf seiner Zeitschriften, sein reaktionäres Image korrigiert er dadurch kaum. Vor allem die Studentenbewegung, die in dem Verleger die Inkarnation eines überkommenen Systems sieht, schmettert ihm „Enteignet Springer“ entgegen, während die Springer-Blätter mit Schlagzeilen à la „Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt“ Stimmung machen.

Als Rudi Dutschke, Studentenführer und einer der Helden der Anti-Springer-Kampagne, am 11. April 1968 von einem Rechtsradikalen – der angibt, seine Ansichten unter anderem aus Springer-Zeitungen zu beziehen – angeschossen wird, eskaliert der Konflikt. Demonstranten schlagen vor dem Berliner Springer-Haus Krawall. Die Hamburger Druckerei wird belagert, um die Auslieferung des verhassten Blattes zu verhindern. Bei einem Bombenanschlag der Roten Armee Fraktion (RAF) auf das Hamburger Verlagsgebäude werden schließlich 17 Mitarbeiter verletzt. In seinem dritten Jahrzehnt strauchelt der Verlag.

Die Axel Springer AG heute

Das Berliner Verlagshaus heute.  Foto: © Axel Springer AGZu Fall kommt Springers Unternehmen aber nicht. Denn sein Gespür für die Bedürfnisse der Leser bleibt dem Verleger ebenso erhalten wie sein Mut zu innovativen Kommunikationsansätzen. 1985 geht der Verlag an die Börse. Im September desselben Jahres stirbt Axel Springer. Seinen großen Traum von der deutschen Wiedervereinigung hat er nicht mehr erlebt. 2012 ist die Axel Springer AG Deutschlands größter Zeitungs- und drittgrößter Zeitschriftenverlag und in 34 Ländern tätig. Die von ihrem Gründer entwickelten Maximen (Eintreten für die Wiedervereinigung, Aussöhnung mit den Juden, Kampf gegen politischen Extremismus, Unterstützung der freien sozialen Marktwirtschaft) sind bis heute Bestandteil der Unternehmensatzung.

Literatur:

Claus Jacobi:
Der Verleger Axel Springer (Herbig, 2005)

Michael Jürgs:
Der Verleger – Der Fall Axel Springer (List Taschenbuch, 2001)

Jochen Staadt / Tobias Voigt / Stefan Wolle:
Feind-Bild Springer. Ein Verlag und seine Gegner (Vandenhoeck & Ruprecht, 2009)

Franziska Gerlach
lebt als freie Autorin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2012

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