Zeitungen und Zeitschriften

Die Letzten ihrer Art – deutschsprachige Zeitungen im Ausland

Screenshot der Webseite des Cóndor: Die Wochenzeitung berichtet aus Santiago de Chile; © CóndorScreenshot der Webseite des Cóndor: Die Wochenzeitung berichtet aus Santiago de Chile.Buenos Aires, Moskau, Windhoek: Deutschsprachige Zeitungen sind auf der ganzen Welt verbreitet – doch viele kämpfen um ihr Überleben.

Wer als Auswanderer keine deutschsprachige Zeitung vorfand, gründete einfach sein eigenes Blatt: So haben sich von Buenos Aires bis Windhoek zahlreiche Auslandsmedien etabliert. Etwa 3.000 deutschsprachige Presseerzeugnisse, 300 Radioprogramme und 50 Fernsehprogramme hat die Internationale Medienhilfe außerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz gezählt – sie berichten für die Exilgemeinden im Ausland, aber auch für Touristen oder Einheimische, die Deutsch lernen möchten.

Allerdings sind viele der 3.000 Publikationen Gemeindeblätter, Tourismusmagazine oder nur einmal jährlich erscheinende Publikationen. Tages- oder Wochenzeitungen mit mehrseitigem Umfang, einem journalistischen Anspruch und einem größeren Publikum sind rar.

Nachrichten aus Namibia

Screenshot von der Website der namibischen Allgemeinen Zeitung. Die Online-Kolumne des Rappers EES soll junge Leser locken; © AZIn Namibia, wo etwa 22.000 deutschsprachige Namibier leben und viele Einheimische Deutsch als Fremdsprache lernen, berichtet die Allgemeine Zeitung (AZ) auf 12 bis 34 Seiten über namibisches und afrikanisches Geschehen, wie über Unregelmäßigkeiten bei den nationalen Wahlen, gewilderte Antilopen oder einen deutschen Radfahrer, der die Wüste durchquert. Die älteste Tageszeitung in der ehemaligen deutschen Kolonie wird seit 1916 verlegt. Mit etwa 5.000 bis 6.000 täglich verkauften Exemplaren ist die AZ eine der größten Tageszeitungen des Landes.

Über die Webseite voller Nachrichten, Berichte und Touristen-Dossiers erreicht die Redaktion weitere 1.500 Leser täglich, auch außerhalb der Landesgrenzen. Die Online-Kolumne „EES ganz privat“ soll wieder jüngere Leser für das AZ begeistern – der 27-jährige deutsch-namibische Rapper Eric „EES“ Sell berichtet im „Nämslang“, einer wilden Mixtur aus Deutsch, Englisch und afrikanischen Sprachen, von seinen Erlebnissen in Deutschland.

Nachwuchsleser zu gewinnen, ist für viele Auslandszeitungen ein großes Problem: Denn die Verbindung zu Deutschland und zu deutscher Sprache verflüchtigt sich bei Auswanderern von Generation zu Generation, die Jungen nutzen die Medienwelt des Landes, in dem sie geboren wurden, und informieren sich immer öfter nur noch im Internet.

Vom Aussterben bedroht

© Israel-NachrichtenDie traditionsreichen Israel-Nachrichten, in den Fünfzigerjahren eine der größten Zeitungen in Israel, gab Anfang 2011 aus wirtschaftlichen Gründen auf. Unter wechselnden Namen erschien das Blatt seit 1938 in Tel Aviv und war vor allem die Lektüre der deutschen Juden, die Anfang des 20. Jahrhunderts zu Tausenden nach Israel strömten. Viele von ihnen konnten kein Hebräisch – sie griffen zu der Tageszeitung auf Deutsch. Jüdische Intellektuelle wie die Schriftsteller Max Brod und Arnold Zweig schrieben dort als Gastautoren. Doch mit dem allmählichen Sterben der „Jekkes“, der aus Deutschland eingewanderten Juden, sank die Auflage kontinuierlich.

Ein deutschstämmiger Argentinier bei der Lektüre des Argentinischen Tageblatts; © PeteranderlAuch die Auflage des in Buenos Aires herausgegebenen Argentinischen Tageblatts (AT) ist in den vergangenen Jahrzehnten gesunken, von 50.000 auf mittlerweile unter 10.000 Exemplare. Seit Anfang der 1980er-Jahre erscheint die Zeitung nur noch wöchentlich. Sie war lange eines der wichtigsten Foren der anti-nationalsozialistischen Emigration und lieferte sich mit der rechts-konservativen Deutschen La Plata Zeitung ab dem 18. Jahrhundert ein publizistisches Gefecht. Während die nationalsozialistisch gesinnte La Plata 1944 verboten wurde, ist das „AT“, inzwischen mehr als 120 Jahre alt.

Krokodiljäger mit Migrationshintergrund

Screenshot von der Website der argentinischen Zeitung „Die Woche“; © Die WocheIn Argentiniens Nachbarland Chile gibt der Deutsch-Chilenische Bund seit 1938 die Wochenzeitung Cóndor heraus. Auf 16 Seiten berichtet die Redaktion über Neuigkeiten aus Chile, Deutschland und Europa sowie über Leben und Geschichte der deutschen Gemeinschaft in Chile. Auch einige spanischsprachige Artikel werden abgedruckt. Mit der Sonderbeilage Cóndor Junior versucht die Zeitung, die derzeit eine Auflage von etwa 6.000 Exemplaren hat, Kinder und Jugendliche spielerisch an die deutsche Sprache heranzuführen.

In Australien und Neuseeland erreicht Die Woche Verlagsangaben zufolge 30.000 Leser. Sie wurde 1957 von dem Einwanderer Johann Jakobi aus Siebenbürgen gegründet und ist mit 24 Seiten im Vergleich zu anderen Auslandszeitungen ein umfangreiches Blatt. Doch etwa zwei Drittel der Inhalte liefern deutsche Nachrichtenagenturen zu, nur wenige Artikel über lokale Themen – wie die schönsten deutsch-australischen Liebesgeschichten oder eine Reportage über einen österreichisch-deutschstämmigen Krokodilexperten – sind selbst recherchiert.

Expansion ins Internet

Mit neuen Medien in die Zukunft: Die ungarische Zeitung Pester Lloyd twittert schon.Aus Russland stammt die älteste deutschsprachige Auslandszeitung: Die St. Petersburgische Zeitung erschien von 1727 bis 1914. Seit dem Ersten Weltkrieg verboten, wurde sie 1991 wiedergegründet – als kostenlose Monatszeitung, die in Hotels für Touristen ausliegt. Der Moskauer Deutschen Zeitung ist der Neustart besser geglückt: sie erschien von 1870 bis zum ersten Weltkrieg, wurde 1998 durch den Verband der Deutschen Kultur wieder belebt und wird nun alle zwei Wochen in einer Auflage von 25.000 Exemplaren gedruckt. Acht der 24 Zeitungsseiten sind in russischer Sprache. Auf dem professionell gestalteten Onlineauftritt der Zeitung, die sich die Vermittlung eines differenzierten Russlands-Bildes zum Ziel gesetzt hat, finden sich zahlreiche, selbst recherchierte Artikel über russische Politik, Wirtschaft und Kultur.

Das Internet wird für Auslandszeitungen immer wichtiger. Die ungarische Wochenzeitung Der Pester Lloyd stand im Jahr 2009 nach 155 Jahren vor dem Aus – und rettete sich ins Internet. In ihren besten Zeiten hatte das Traditionsblatt eine Auflage von 25.000 – als Online-Tageszeitung erreicht sie heute knapp 150.000 Besucher monatlich.

Sonja Peteranderl
ist freie Journalistin. Sie hat ihre Abschlussarbeit an der Universität der Künste über das Argentinische Tageblatt geschrieben und liest seit zwei Jahren die Onlineausgabe der namibischen Allgemeinen Zeitung – obwohl sie noch nie in Namibia war.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2011

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