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Türkisch für Anfänger

Es kommt selten vor, dass sich deutsche Zeitungen einig sind im positiven Urteil über eine Fernsehproduktion. Geradezu euphorisch wurde mit Türkisch für Anfänger ausgerechnet eine Vorabend-Serie der ARD gefeiert, die am 14. März startete.

Die ersten 12 Folgen der Serie über die Anfangsprobleme einer deutsch-türkischen Patchworkfamilie haben mittlerweile eine beträchtliche Fernsehgemeinde gewonnen. Diesem Erfolg ist zu verdanken, dass Türkisch für Anfänger in die 2. Staffel geht. 24 weitere Folgen sind  für 2007 geplant. Diese Verlängerung ist unbedingt zu begrüßen. 

Denn zu selten hat sich auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland bislang so unverkrampft, erfrischend und unterhaltsam dem nicht unproblematischen Themen "Migration" und "Integration" gewidmet. Einen ersten Versuch in dieser Richtung unternahm vor zwei Jahren der Bildungskanal 'Bayern Alpha' mit der sehr respektablen und prämierten Serie Deutsch-Klasse. Zu sehen war diese realistische Fortsetzungsgeschichte um Menschen, die Deutsch lehren oder lernen, freilich außerhalb Bayern nur in regionalen Programmen der ARD.

In dieser Hinsicht markiert Türkisch für Anfänger einen Mentalitätswechsel der Programmverantwortlichen. Für gewöhnlich werden im "Werbeumfeldprogramm" der ARD am Vorabend bevorzugt serielle Formate mit schlichten Herz-Schmerz Stoffen platziert, die auf ein jugendliches Publikum abzielen. Neuland wagte das Erste vor fünf Jahren auf diesem Sendeplatz (18.50 Uhr) erst mit der Serie Berlin, Berlin. Cartoons und Szenen im Zeitraffer gehörten zum modernen Design einer temporeichen Erzählweise, die sich ästhetisch und inhaltlich bewusst von den biederen Inszenierungen am Vorabend absetzte. On deren Mittelpunkt stand mit Lolle eine selbstbewusste, junge Frau, die in der Hauptstadt ihren Weg geht.

Türkisch für Anfänger knüpft im Erzähltempo an Berlin, Berlin an, hat die Geschichte um die nicht minder eigensinnige Lena (Josefine Preuß ) freilich breiter angelegt. Denn die 16 Jährige wie Brüderchen Nils erleben einen Kulturschock, als sich ihre allein erziehende Mutter Doris (Anna Stieblich) ausgerechnet in einen Kommissar mit türkischen Wurzeln verliebt. Denn auch Metin (Adnan Maral) bringt mit Yagmur (Pegah Ferydoni) und ihrem Bruder Cem zwei Heranwachsende in die neue Verbindung ein, die Lena bald vor erhebliche Probleme stellen. Cem erweist sich als veritabler Möchtegern-'Macho' und Yagmur als strenggläubige Muslimin, die mit Lenas aufgeklärt westlichem Habitus nichts anfangen kann.

Da sind unter einem Dach hinreichen Turbulenzen vorprogrammiert. Ausgesprochen vergnüglich ist dabei anzusehen, wie Autor Bora Dagtekin und die Regisseure Edzard Onneken undOliver Schmitz ihre Geschichte um eine Berliner Multi-Kulti-Familie erzählen. Souverän und mit lebensnahem Dialogwitz greifen sie die gegenseitigen Klischees und die sich daraus ergebenden Missverständnisse des handelnden Personals auf. Zugleich werden hier auch die "klassischen" Konflikte zwischen Heranwachsenden und ihren Eltern thematisiert. Unverstellt prallen so unterschiedliche Vorstellungen über Sexualität, Religion und Moral aufeinander. Gestus und Tonlage der Auseinandersetzungen sind freilich alles andere belehrend, sondern werden aus ironischer Erzählperspektive vermittelt.


Trailer zur ersten Staffel von "Türkisch für Anfänger"
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  WMV-Datei, 0:40 Min.
Risikofrei ist dieser pointierte Beitrag zu aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen allerdings nicht. Mit Blick auf die Zielgruppe haben sich Autor Dagtekin und Produzentin Bettina Reitz (Grüße aus Kaschmir, Sophie Scholl/2004) auch hier für eine "frauenaffine" Aufbereitung des Stoffes entschieden, die hier allerdings offensichtlich das Publikum polarisiert. Insgesamt sahen durchschnittlich gut zwei Millionen Zuschauer die Serie, was einem eher mageren Marktanteil von 8,6 Prozent entsprach. Unter den 14-19 jährigen Mädchen erreichte Türkisch für Anfänger freilich einen Marktanteil von über 25 Prozent, während von den männlichen Zuschauern nur 6,7 Prozent dieser Altergruppe vor dem Bildschirm saßen. Gerade die jüngsten Erfahrungen mit der Anfangsresonanz auf deutsche Telenovelas haben gleichwohl gezeigt, dass sich serielle Formate auf Dauer durchsetzen können - wenn man ihnen eine Chance gibt. Qualitativ gehört Türkisch für Anfänger ohnehin zum Besten, was die ARD am Vorabend in den letzten Jahren ausgestrahlt hat.

Rainer Braun
freier Journalist, Berlin

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Mai 2006

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