Formate

Viel Sendezeit, viele Programme - Wissenschaft im deutschen Fernsehen

Karsten Schwanke, Moderator: Abenteuer Wissen; Copyright:  ZDF; Fotografin: Kerstin Bänsch
’Abenteuer Wissen’
Das deutsche Fernsehen nutzt intensiv die Wissenschaft, um die Aufmerksamkeit junger und erwachsener Zuschauer zu binden. Ohne die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender wäre das breite Angebot an Wissenschaftssendungen allerdings kaum vorstellbar.

Ein gewöhnlicher Montag in bundesdeutschen Haushalten mit Fernsehempfang: Für den Wissenschaftsinteressierten, der sich die volle Ladung Wissen geben will, beginnt das Fernseherlebnis um 14.15 Uhr im ZDF, die Wunderbare Welt lockt und bietet - unter anderem - Naturdokumentationen. Um 14.30 Uhr dann das erste Problem, Lexi-TV im MDR beginnt, das von sich selbst sagt, es sei ein „crossmediales Bildungsprojekt“. Das erste Entscheidungsproblem für den Wissenschaftshungrigen an diesem Tag. Um 15.00 Uhr dann das nächste: Der WDR betritt den Planet Wissen, da hat man die Welt der Technik auf N24 schon verpasst, man darf aber auf Wiederholung hoffen. Um etwa 17.00 Uhr dann eine wohlverdiente Pause, die 15 Minuten währt. Danach startet Kabel 1 das Abenteuer Leben, gefolgt von VOX und dem Wissenshunger (18.00 Uhr), N24 mit Wissen (18.30 Uhr), 3sat mit nano (18.30) und Pro7 mit Galileo (19.00 Uhr), um 19.25 schließlich endet der Vorabend in der ARD, die behauptet: Wissen macht Ah! (19.25 Uhr). Am Abend dann arte: Der Kultursender beschließt diesen ganz gewöhnlichen Montag um 22.15 Uhr, arte Wissenschaft steht an.

Das Fernsehen nutzt die Wissenschaft intensiv, um mit ihrer Hilfe Aufmerksamkeit zu binden. Dieser Eindruck drängt sich auf. Die Wege, wie konkret das gemacht wird, unterscheiden sich allerdings deutlich. Man kommt nicht umhin, angesichts der über 40 Wissenschafts- oder Wissensformate allein im deutschen Fernsehen eine neue Unübersichtlichkeit festzustellen, die sich nicht mit Labeln wie Dokumentationen, Magazinen, Feature, Reportagen, Ratgeber oder Show allein zufriedenstellend ordnen lässt. nano ist ein Magazin, genauso wie Galileo. Beide haben aber außer einem Moderator nichts gemein. Wer Ordnung in diese Vielfalt zu bringen versucht, kommt nicht umhin, Kriterien zu nennen, auf die es mit Blick auf die Zuschauer und Macher ankommt. Zwei dieser Kriterien sind die Aktualität des Anlasses für einen Beitrag oder für eine ganze Sendung und die Herkunft dieses Anlasses. Es macht mit Blick auf die Zuschauer, die man erreichen will, und mit Blick auf die Organisation einer Redaktion einen entscheidenden Unterschied, ob ein Anlass aus der Wissenschaft selbst stammt (zum Beispiel ein Forschungsresultat) oder einem anderen Bezugssystem (zum Beispiel der Alltagswelt der Zuschauer). Außerdem entscheidend ist, wie viel Zeit zwischen einem Anlass und der Berichterstattung verstrichen ist.

Suche nach neuen Forschungsergebnissen

Ingolf Baur; nano-Moderator; Copyright: ZDF; Fotograf: Klaus Weddig
Ingolf Baur – 'nano’-Moderator
Jede der oben genannten Redaktionen hat im Prinzip dasselbe Hauptproblem: Was senden wir heute? Wäre die Wahrnehmung nicht irgendwie organisiert, würde man auf diese Frage keine Antwort finden. Man findet kein Thema, wenn man nicht ungefähr weiß, wonach man sucht. nano sucht vorrangig nach neuen Forschungsergebnissen, von denen die Redaktion glaubt, dass sie nützlich sein könnten und/oder interessant für die Zuschauer. Das Problem dieser Redaktion besteht nicht darin, genügend neue Forschungsresultate zu finden. Das Problem dieser Sendung und jeder anderen, die neue Forschungsresultate als Anlass nutzt, besteht darin, die interessanten/nützlichen für den Zuschauer aus der überbordenden Fülle wöchentlich einiger tausend Forschungsresultate zu finden. Das Verkaufsargument von nano und aller übrigen Formate, die solche Anlässe nutzen, lautet: Seht her, es gibt etwas Neues aus der Wissenschaft, das zu wissen für euch nützlich oder interessant ist. Die Wissenschaft hat festgestellt, das Marmelade Fett enthält, ergo, esst nicht so viel Marmelade.

Alltägliches im Mittelpunkt

Solche Geschichten schaffen es bei Pro7, Kabel 1 oder Vox niemals auf den Schirm. Grund: Sie sind nicht massenattraktiv. Galileo nutzt die Welt der Wissenschaft völlig anders als nano. Im Vordergrund steht zunächst Alltägliches: Zu Ostern werden Eier gegessen, da kann man doch mal die Frage beantworten, wie der menschliche Organismus ein Ei eigentlich verdaut. Pralinen isst fast jeder gern, da ist es doch mal interessant, wie die Dinger eigentlich gemacht werden. Bei Galileo wird in allererster Linie versucht, die alltägliche Erfahrungswelt mit Wissenschaft und Technik zu verknüpfen. Wissenschaft wird als Dienstleister genutzt, um Fragen zu beantworten. Dieser Typus von Wissenschafts- oder Wissensformaten ist im Fernsehen weit verbreitet. Die Herausforderung solcher Formate besteht darin, immer wieder eine interessante Beziehung herzustellen zwischen der Alltagswelt von Zuschauern und der Wissenschaft.

Inszenierte Forschung

Ein dritter Typus von Fernsehformaten sucht in der Welt der Wissenschaft nicht nach Neuigkeiten, sondern nach Ergebnissen, die sich dramaturgisch gut aufbereiten lassen. Was da unter Labeln wie Abenteuer Wissen oder Faszination Forschung als neue Erkenntnis in häufig sehr aufwendig gestalteten Formaten angepriesen wird, ist so neu in der Regel nicht. Für einen Experten ist das meistens kalter Kaffee. Die Neuigkeit der archäologischen Befunde, der wissenschaftlichen Theorien, der Deutungen von Welt, darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, die Zuschauer durch eine geeignete Dramaturgie zu fesseln. Ein beliebtes Mittel solcher Formate ist eine Dramaturgie, bei der der Eindruck geweckt wird, die Entschlüsselung von Rätseln finde gerade im Moment statt. Es wird suggeriert, dass man unmittelbar am wissenschaftlichen Erkenntnisprozess teilhat. Zuschauer begleiten die Forscher auf ihrer Suche nach Antworten auf den Nord- oder Südpol, in vermeintlich unentdeckte Kammern alter Pyramiden, unter die Meeresoberfläche, in Bibliotheken und Labors. Das ist spannend, faszinierend, kurz: das ist massenattraktiv, aber auch teuer.

Drei Grundtypen

Man kann Formate im Wissenschaftsfilm zusammengefasst demnach danach unterscheiden,

  1. ob sie Neuigkeiten aus der Welt der Wissenschaft präsentieren (z.B. nano)
  2. ob sie grundsätzlich schon länger bekannte Befunde aus der Wissenschaft nutzen, um daraus unterhaltsame und aufwendig gestaltete Dokumentationen, Feature oder Reportagen zu machen (z.B. Abenteuer Wissen)
  3. ob sie Wissenschaft als Lieferant von Erklärungen für alltägliche Dinge (z.B. Galileo) benutzen

Die Typen zwei und drei sind massenattraktiv, Typ 2 in der Regel sehr teuer, weshalb sie sich bei den öffentlich-rechtlichen konzentrieren, Typ 1 gibt es ausschließlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, weil man mit Forschungsresultaten kein Massenpublikum erreichen kann.
Wissenschaftsfernsehen ist kein besonderes deutsches Markenzeichen, es ist eher ein Markenzeichen von Ländern mit großen Märkten (d.h. vielen kaufkräftigen Zuschauern), einem entwickelten Wissenschaftssystem und dem Vorhandensein eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Entsprechend hat zum Beispiel auch Großbritannien ein relativ differenziertes Wissenschaftsfernsehen. Glaubt man Jaap Willems, einem niederländischen Medienforscher, dann gibt es eine Besonderheit in Deutschland: In Deutschland gibt es relativ viel Sendezeit für Wissenschaft, zum Beispiel montags.

Markus Lehmkuhl,
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Publizistik der FU Berlin

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September 2007

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