Der „Tatort“ – eine deutsche Fernsehinstitution

Der „Tatort“ ist in Deutschland eine Institution. Fast an jedem Sonntag schauen um 20:15 Uhr bis zu 10 Millionen Zuschauer den neuesten Kriminalfilm. Selbst Deutsche, die im Ausland leben, wollen von diesem Brauch nicht lassen.
Aber wenn man versucht zu erklären, warum das so ist, kommt man erst einmal ins Grübeln. An der Qualität der einzelnen Folgen kann es kaum liegen – die sind nicht besser oder schlechter als andere deutsche Fernsehfilme und als Krimis meistens wenig aufregend. Die Schwierigkeiten, den Tatort zu beschreiben, fangen schon bei der ungewöhnlichen Form an: der Tatort ist keine Serie, sondern eine Reihe.
Der „Tatort“ als Abbild der Föderalismus
Ins Leben gerufen wurde sie vom Ersten Deutschen Fernsehen (ARD) im November 1970, als eilige Reaktion auf den Erfolg, den der zweite öffentlich-rechtliche Kanal (ZDF) mit der Ausstrahlung der Krimiserie Der Kommissar erzielte. Die ARD, die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Deutschlands, hat eine eigenwillige Struktur – sie ist kein zentralistischer Sender, sondern ein Verbund von mittlerweile neun Landesrundfunkanstalten. Diese Struktur verdankt sie der Redemokratisierung Deutschlands nach 1945.
Die westlichen Besatzungsmächten (USA, Großbritannien, Frankreich) setzten als Lehre aus der Erfahrung der NS-Diktatur auf einen starken Föderalismus von – seit der Vereinigung 1990 – mittlerweile 16 Bundesländern, um einen Rückfall in eine Diktatur wie die Hitlers unmöglich zu machen. Und so bildet sich der politische Föderalismus des Landes in der Organisation des ersten öffentlich-rechtlichen Fernsehens ab und darüber wieder im Tatort: Das Besondere an der neu begründeten Krimireihe der ARD war die Abwechslung, dass jeder einzelne ARD-Sender eigene Kommissare im jeweiligen Sendegebiet ermitteln lässt. Später kamen Österreich und die deutschsprachige Schweiz dazu, nach der Vereinigung die neuen Bundesländer (aktuell gibt es 15 verschiedene deutsche Ermittlerteams, eines in der Schweiz und eines in Österreich). Seit den 1990er-Jahren hat sich die Produktion von Tatort-Folgen erhöht – anfangs waren es elf im Jahr, heute sind es über 30 –, so unterhalten manche Sender gleich mehrere Schauplätze wie der große WDR (Westdeutsche Rundfunk).
„Tatort“ als Bürgerpflicht
Diese Anlage des Tatort ist ein Grund für dessen Erfolg: Dass das Prinzip der Reihe sich an der politischen Organisation des Landes orientiert, befördert den institutionellen Charakter des Tatort. Man schaut beim Tatort nicht irgendeinen Fernsehfilm, sondern wird an seine Rolle als Bürger des Staates erinnert. Etwas überspitzt könnte man sagen, dass Tatort-Gucken eine Art Bürgerpflicht ist wie das Wählengehen. Dazu kommt, dass der Tatort immer wieder aktuelle gesellschaftliche Debatten aufnimmt. Auch wenn gern beklagt wird, dass der Tatort sich oft mehr mit diesen Themen beschäftigt als mit dem jeweiligen Kriminalfall, so macht gerade der politische Bezug dessen Bedeutung aus: Der Tatort vermittelt das, worüber in den Nachrichten abstrakt informiert wird, unter dem Vorwand eines Krimis – von Gesundheitsreform und Genmanipulation über Korruption und nazistische Gewalt bis zum Umgang mit Minderheiten oder Religionen.
Ein Bild der Gesellschaft liefert der Tatort aber noch auf anderer Ebene. Der große Vorteil der Reihe gegenüber einer Serie besteht in der Möglichkeit andauernder Aktualisierung. Wenn sich das Publikum sattgesehen hat an einem Kommissar oder die Figur auserzählt ist, kann sie einfach ausgetauscht werden. Auf diese Weise erfindet sich der Tatort immer wieder neu, weil durch die Wahl der Schauspieler auch gesellschaftliche Entwicklungen integriert werden können. 1978 verkörperte Nicole Heesters als Marianne Buchmüller die erste weibliche Ermittlerin, 1989 nahm mit Ivo Batic (dargestellt von Miro Nemec) der erste Kommissar mit Migrationshintergrund die Arbeit auf, 2007 spielte mit Mehmet Kurtulus als Cenk Batu erstmals ein Schauspieler die Hauptrolle, dessen Familie wie so viele andere in Deutschland aus der Türkei eingewandert ist.
Nicht exportierbar
Das Geheimnis des Tatort ist also seine offene Form verbunden mit dem festen Sendeplatz: Am Sonntag, dem Tag, an dem in Deutschland auch gewählt wird, erfährt das Publikum in unterhaltsamer Form etwas über den Zustand des eigenen Landes. Der Tatort ist die Begleiterzählung der Bundesrepublik auf ihrem Weg in der Demokratie. Und deshalb sind die Tatort-Filme zwar nicht exportierbar ins Ausland; dafür eignen sich klassische Serien mit dem immer gleichen Personal besser. Aber die Form zu übernehmen und mit eigenen Geschichten zu füllen, ist eine reizvolle Idee – beispielsweise in einem Land wie Nigeria mit einer relativ jungen Demokratie, einer föderalen Struktur und vielen lokalen Eigenheiten. Hier könnte der Tatort Vermittlungsarbeit leisten – weil er regionale Besonderheiten aufgreift, um sie national aufzubereiten – und darüber womöglich zur Institution werden.
ist Kulturredakteur bei der Wochenzeitung „Der Freitag“ und veröffentlicht jeden Sonntag im Anschluss an die jeweilige Tatort-Folge eine Kritik auf freitag.de, über die dann diskutiert wird. Im Sommer erscheint von ihm bei Bertz + Fischer das Buch: „Herrlich inkorrekt. Die Thiel-Boerne-Tatorte“
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2012
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de











