28. August 2025
Rede anlässlich der Verleihung der Goethe-Medaille 2025
– Es gilt das gesprochene Wort –
3. August. Der Regen hört nicht auf. Seit dem Morgen trommelt er auf das Dachfenster – das war gestern doch auch schon so, und vorgestern. Aber der Regen hat auch etwas Gutes. Man stöbert im Bücherregal. Man hat endlich Zeit für Lektüre. Ich greife zu einem alten Bekannten, 1195 Seiten: Die Ästhetik des Widerstands. Peter Weiss. Die drei Bände erschienen zwischen 1975 und 1982.
Was ist eine Ästhetik des Widerstands? Welche Rolle kann sie heute spielen?
Gleich zu Beginn ein Zitat des Autors:
„Ich gehöre nicht zu den Autoren, die ihre Kunst von ihrem gesellschaftlichen Leben trennen, und die der Kunst eine autonome Existenz zusprechen. Auch ich bin [...] davon überzeugt, daß die größte Qualität der Kunst in ihrer Fähigkeit liegt, in die Wirklichkeit einzugreifen, um diese zu verändern.“
Weiss schlägt uns einen politischen Kunstbegriff vor. Kunst verändert die Wirklichkeit, sie hat eine politische Kraft und ist in das gesellschaftliche Leben eingebettet. In diesem großen Roman Die Ästhetik des Widerstands bildet sich durch die gemeinsame Kunstbetrachtung der Protagonisten eine gemeinsame Weltsicht und ein Blick auf die Möglichkeit, wie es anders sein könnte – und sollte. Beim Anblick des Pergamonaltars durchleben die drei Freunde die Unterdrückung des Menschen, seine Ausbeutung, sie erleben das Wesen von Gewalt und Macht. Die Protagonisten „starrten verstohlen in die aufgerissenen Rachen, spürten den Schlag der Pranke im eigenen Fleisch.“
Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie das letzte Mal vor dem Pergamonaltar gestanden haben – das mag nun schon einige Zeit her sein … der Blick auf diese Schmerzensbilder, auf die Szene des Kampfes zwischen den Giganten und den griechischen Göttern? Wenn wir Glück haben, können wir 2027 die Szenen wiedersehen – so nicht die eine oder andere bauliche Verzögerung, für die wir in Berlin ja durchaus bekannt sind, dazwischenkommt.
Der Fries des Pergamonaltars wird im Buch zum Gleichnis eines gemeinsamen Ziels: die Aufhebung des Unrechts, die Beendigung der Verarmung. Die „Monumentalität des Geformten“ dieses Frieses wird dabei zum Sinnbild der Überwindung des Unrechts. Die Ästhetik zeigt sich hier ganz im Sinne ihres griechischen Ursprungs – Aisthesis – als Wahrnehmung, als sinnliches Erkennen, das die drei jungen Männer miteinander vereint – und eine gemeinsame Weltsicht manifestiert. Eine Ästhetik vereint sie hinter einer politischen Idee des Widerstands; die Kunst wird zu einer Möglichkeit, die Welt zu sehen, sie anders zu sehen, ihr Wesen zu ergründen. Dieser Beginn des Romans hat mich sehr beeindruckt, berührt – was für eine kraftvolle Szene. Eine Ästhetik des Widerstands – brauchen wir sie nicht genau heute wieder, um gemeinsame Weltsichten zu ermöglichen? Um Unrecht und Krisen zu überwinden? Um zu spüren, was die Möglichkeiten einer anderen Welt sind, die es ästhetisch wahrzunehmen gilt, um aus der Abstumpfung durch information overload und doomscrolling zu entkommen?
Das Motiv der Ästhetik des Widerstands hat kürzlich auch die Akademie der Künste, Berlin, für eine Gesprächsreihe aufgenommen, in der sie fragt, wie ein solcher Widerstand heute gelingen kann – wenn angesichts der aktuellen Weltlage eine widerständige, letztlich aufklärende Ästhetik zur Pflicht wird. „Doch oft entfaltet [die Kunst] ihre Kraft gerade dann, wenn sie sich nicht vordergründig politisch gibt“, heißt es in der Ankündigung. Also eine Abkehr von Peter Weiss’ Konzept einer politischen Kunst? Daher kehrt die Akademie ihren Titel um – und spricht vom „Widerstand der Ästhetik“. Kunst hat in dieser Sichtweise auch ein autonomes Existenzrecht – das Peter Weiss in seiner Definition negiert hat – und besitzt trotzdem ihre Widerständigkeit.
Ein Widerstand der Ästhetik ruft dazu auf, die Kunst an sich, in all ihrer Freiheit, ihrem Experiment und ihrer Unbeugsamkeit, als per se widerständig zu begreifen. Sie muss sich nicht vordergründig in einen politischen Dienst stellen, hat keine Agenda – sondern durch ihren genuinen Charakter widersteht sie dem Normalen, dem Gefälligen, sie gibt sich nicht dem Lauf der Dinge hin, sondern bürstet gegen den Strich.
Die Ästhetik des Widerstands und der Widerstand der Ästhetik: Das Widerständige hat in beiden Konzepten ein aufklärerisches Moment, eine Positionierung und einen Zugriff auf den Stand unserer Gegenwart. Und das scheint mir – vor dem derzeitigen weltpolitischen Panorama – dringend notwendig.
Auch wir als Goethe-Institut leben den Widerstand der Ästhetik. Durch unsere Kunst- und Kulturprogramme, durch Sprache, durch Information fördern wir eine gemeinsame Wahrnehmung, vielleicht sogar ein gemeinsames Sichten auf die Welt, wie es Peter Weiss beschreibt. Dabei nehmen wir einander in der Vielfalt der Gesellschaften wahr, nehmen auch Differenzen, auch Strittiges und Konflikte wahr, über die wir im Austausch bleiben – und bleiben müssen! Das ist heute eine so wichtige Aufgabe unseres Netzwerks. Dies über die Ästhetik von Kunst, Kultur und Sprache zu tun, wie es bereits im Gründungsgedanken vor bald 75 Jahren angelegt wurde, ist gut! Gut im Sinne von: weitsichtig, nachhaltig, zeitgemäß, auf Augenhöhe mit unseren Partnern weltweit. Diese Möglichkeit der gemeinsamen Sicht auf die Welt, die Möglichkeit, durch die Ästhetik Gemeinsames zu schaffen, ist auch ein Beitrag zu einer Sicherheitspolitik, die heute so dringlich geworden ist. So tragen wir zu einem erweiterten Begriff von Sicherheit bei, der nicht nur um Verteidigungsfähigkeit kreist, sondern die zivilgesellschaftlichen Verbindungen und Verständigung befördert.
Für diese Verständigung und gemeinsamen Weltsichten setzen sich auch unsere drei Preisträger*innen ein, sie möchten wir heute für ihr Engagement, ihren Mut und ihre Widerständigkeit mit der Goethe-Medaille ehren:
Osman Kavala, David Van Reybrouck und Li Yuan.
Sie alle entwerfen eine neue, eine eigene Ästhetik des Widerstands, leben das Widerständige durch ihre Werke, durch ihr Schaffen, in dem sie Wahrnehmungen verändern und Sichtweisen eröffnen. Und in dem sie Menschen – wie es bei den drei Freunden aus Peter Weiss’ Roman der Fall ist – eine andere Weltsicht vorschlagen, einen Blick auf eine andere Welt ermöglichen.
Osman Kavala ist eine der prägendsten Figuren der türkischen Kunstszene und setzt sich immer wieder für deren Öffnung und Internationalisierung ein. Mit der Gründung und Förderung zahlreicher Initiativen wie Anadolu Kültür, dem Diyarbakır Arts Center oder Programmen wie TANDEM schafft er Räume für ein zivilgesellschaftliches Engagement zur Stärkung der Menschenrechte, für eine freie, unabhängige und vielfältige Kunstszene, für einen Austausch mit Armenien und anderen unmittelbaren Nachbarregionen der Türkei. Mit seinen vielfältigen Kooperationen mit deutschen und europäischen Kultureinrichtungen stärkt er deutsch-türkische Netzwerke, schafft Verständigung zwischen Menschen und eine Kultur des friedlichen Miteinanders. Sein Widerstand der Ästhetik zeigt sich in seinem Verständnis der Freiheit und Unabhängigkeit von Kunst und in seiner Art und Weise zu arbeiten – die in sich selbst widerständig ist. Sein Widerstand wird politisch gelesen – und führte 2017 zu seiner Inhaftierung. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat bereits 2019 seine Freilassung gefordert – viele Kulturschaffende und Personen des öffentlichen Lebens haben sich dieser Forderung angeschlossen. Auch das Goethe-Institut und wir alle heute hier versammelten hoffen sehr auf seine baldige Freilassung. Gegen alle Widerstände setzt er sich durch, seine Stimme ist deutlich, seine Netzwerke bleiben stark – hoffentlich bald in Freiheit.
David Van Reybrouck sieht es als seine Verantwortung, Wahrnehmungen im Sinne der Aisthesis zu verändern – zu drei maßgeblich prägenden Themen unserer Zeit: Decolonize, Democratize, Decarbonize. In diesen drei Begriffen kondensieren sich die massiven Herausforderungen und die Sprengkraft für unsere Gesellschaft: Die Dekolonisierung und die Überwindung kolonialer Denk- und Handlungsmuster, der Druck auf Demokratien weltweit und wie wir demokratische Strukturen wieder stärken – und vielleicht auch ganz neu denken müssen. Der massive Einfluss des Klimawandels – gerade auf vulnerable Gesellschaften in Ländern des afrikanischen Kontinents und in anderen Teilen der südlichen Hemisphäre. Als guter Kenner Deutschlands prägt David Van Reybrouck mit seinen Impulsen auch die aktuellen Debatten hier bei uns in Deutschland. Durch seine enge Zusammenarbeit mit deutschen Institutionen wie dem Goethe-Institut wird seine Arbeit zur Dekolonisierung und seine Ideen zu deliberativer Demokratie europaweit und insbesondere in Deutschland aufgegriffen – wie etwa beim Bürgerrat Ernährung 2024. David Van Reybrouck öffnet ganz unterschiedliche Wege für eine Ästhetik des Widerstands, und hat dabei eine klare politische Haltung. Mit seinem besonderen Zugang beim Erzählen von Geschichten, aber auch in seiner aktivistischen Arbeit wirkt er auf seine Leser*innen ein, eröffnet neue Perspektiven, schafft es, dass wir anders auf die Welt schauen, in der wir leben.
Li Yuan setzt sich mit beeindruckendem Engagement für die deutsche Sprache in China ein. Sprache ist Trägerin unserer Kultur, sie ist das Medium unseres Denkens und verkörpert unsere Wahrnehmung der Welt. Das Sprachsystem der chinesischen Kultur unterscheidet sich so grundlegend von unserem in so vielen Aspekten – etwa im logografischen Schriftsystem Chinas gegenüber dem auf dem lateinischen Alphabet beruhenden. Darin drücken sich ganz unterschiedliche Zugriffe auf die Welt und ihre Wahrnehmung aus – und Li Yuan setzt sich dafür ein, diese so unterschiedlichen Wahrnehmungen zu verbinden, indem sie mit ihrer wegweisenden Forschung die deutsche Sprache in China fördert, Menschen zum Lernen einlädt, sie vernetzt, Archive des Wissens anlegt und so seit vielen Jahren Brücken zwischen den Kulturen baut. In der heutigen politischen Situation, die auch zwischen China und Deutschland von Dissonanzen geprägt ist, von unterschiedlichen Weltvorstellungen und Werten, ist die Sprache ein essenzieller Weg der Verständigung, des gegenseitigen Verstehens und Blickens auf die Welt.
Ich freue mich sehr, dass wir diese wunderbaren und wichtigen Personen heute hier auszeichnen können. Ihre Haltung ist beeindruckend; sie beziehen – auf ganz unterschiedliche Weisen – Stellung zur Welt, prägen neue Sichtweisen, ringen um Verständigung da, wo Konflikte herrschen, wo das Gespräch verstummt ist, an den Bruchlinien.
Widerstand bedeutet auch, der Versuchung zu widerstehen, die Entwicklungen einfach hinzunehmen. Ein Hinnehmen – etwa des Rechtsrucks oder des Klimawandels – führt zu einer schleichenden Erosion dessen, was wir in Deutschland als offene und sich immer weiter öffnende Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten erleben durften. Der Widerstand der Ästhetik ist eine politische Agenda, die nicht vordergründig sein muss, die aber eine klare Haltung hat: für Freiheit, für Offenheit, für Verständigung und für die Entfaltungsmöglichkeiten des Menschlichen. Dafür stehen unsere Preisträger*innen – und wir als Goethe-Institut fühlen uns geehrt, sie auszeichnen zu dürfen, ihre Arbeit zu würdigen als wichtigen Beitrag in stürmischen Zeiten. Sie sind unsere Vorbilder.
Ich möchte mich ganz herzlich bedanken bei der Stadt Weimar und der Klassik Stiftung Weimar für die Unterstützung hier vor Ort, dem Kunstfest Weimar und Rolf Hemke für die Mitwirkung am Kulturprogramm, Herrn Tiago de Oliveira Pinto und den Musiker*innen der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar für das tolle musikalische Geschenk an unsere Preisträger*innen, der Deutschen Welle für die schönen Portraits und ganz besonders der Holtzbrinck Publishing Group für die Unterstützung des Kulturprogramms zur Goethe-Medaille in Weimar und Berlin. Ich danke außerdem dem Auswärtigen Amt für die vertrauensvolle Zusammenarbeit und den Kolleg*innen des Besucherprogramms, der Kommunikation und ganz besonders des Veranstaltungsmanagements Berlin für die wunderbare Vorbereitung und Organisation der Netzwerkreisen, der Festtage und der Verleihung.
Übrigens - Der Regen auf meinem Dachfenster hatte dann bald aufgehört und wich sommerlicher Hitze, wunderbarem Licht bis in den späten Abend und einem nächtlichen Sternenhimmel, den ich sehr genossen habe. Das er uns heute als Motiv wieder begleitet, sehe ich als positives Zeichen – nehmen wir ihn an als Geschenk des Himmels.