22. Oktober 2020
Der Kolonialismus hatte weltweit unterschiedliche Gesichter

Gastbeitrag der Präsidentin des Goethe-Instituts Prof. Dr. Carola Lentz im Magazin des Deutschlandfunks

Als ich 1987 zum ersten Mal in Nordghana bei der Familie zu Besuch war, die mich bald als deutsche Tochter aufnahm, saß ich jeden Abend mit meinem Gastgeber Anselmy Bemile zusammen. Damals Mitte 70, genoss er nach vielen Jahren Arbeit als katholischer Katechet, Arbeitsmigrant und Bauer seinen Ruhestand. Allabendlich erteilte er mir Lektionen über die Geschichte seiner Familie und der Region, seinen Lebensweg und die Kultur der Dagara, zu denen die Familie gehört. Erinnerungen an die Kolonialzeit spielten kaum eine Rolle. Erst als ich später gezielt fragte, erwähnte er etwa Zwangsarbeit beim Straßenbau oder erklärte lokale Spitznamen für britische Kolonialbeamte. Viel wichtiger war ihm die Ankunft der katholischen Missionare in den 1930er-Jahren. Im benachbarten Burkina Faso dagegen sprachen die Dagara-Ältesten häufiger spontan über die Härten des Kolonialregimes. Besonders ein von den Franzosen eingesetzter Dagara-Chief habe die Bevölkerung tyrannisiert, und viele seien vor Zwangsarbeit, Steuereintreibung oder Militärdienst in die britische Kolonie geflüchtet. Für die aktuellen Existenznöte sei aber nicht diese ferne Vergangenheit, sondern die amtierende Regierung verantwortlich. Unterschiedlich sind nicht nur die bäuerlichen Erinnerungen an die Kolonialzeit, sondern auch die offiziellen erinnerungspolitischen Diskurse, wie sich zum Beispiel bei den afrikanischen Unabhängigkeitsjubiläen im Jahr 2010 beobachten ließ. In der Côte d’Ivoire etwa proklamierte der Präsident, das Land sei nicht 1960, sondern erst mit seinem Amtsantritt wirklich unabhängig geworden. In Madagaskar betonte man die jahrhundertelange Kontinuität eines souveränen Nationalstaats, des Merina-Königreichs; der blutig niedergeschlagene antikoloniale Aufstand von 1947 spielte im offiziellen Erinnern keine Rolle. Die Reihe der Beispiele ließe sich fortsetzen.

Hinter diesen Erinnerungen stehen zum einen verschiedene koloniale Regime und Geschichten der Dekolonisierung. Zum anderen wird deutlich, wie unterschiedlich die Erfahrungen verschiedener Akteure waren. Und dass sich Erinnerungen verändern, wenn es neue Herausforderungen zu bewältigen und andere Zukünfte zu entwerfen gilt. Darum nehmen auch in der deutschen Öffentlichkeit derzeit Debatten um das koloniale Erbe an Fahrt auf. Auf der Suche nach historischen Anknüpfungspunkten für das wiedervereinigte und diverse Deutschland stößt man jenseits der Weimarer Republik auf seine koloniale Vergangenheit, einschließlich kolonialer Verbrechen, die bisher eher nur von Historikern und Ethnologinnen erforscht wurden. Zugleich wird „Kolonialismus“ für Migranten, Schwarze Deutsche und People of Colour zum Topos, der ihre Erfahrungen von Ausgrenzung und Diskriminierung geschichtlich verortet; bei der Forderung nach Dekolonisierung geht es auch um ihre gesellschaftliche Anerkennung.

Wie kommen wir weiter? Als Ethnologin plädiere ich für genaues Hinschauen und geduldiges Zuhören. Außereuropäische Gesellschaften hatten und haben eine Geschichte auch jenseits ihrer Interaktion mit Europa, für die wir uns interessieren sollten. Die Kolonisierung war keineswegs allumfassend; es wäre paradox, jetzt nachträglich gedanklich das koloniale Projekt zu vollenden, das die Kolonialherren selbst nicht bewerkstelligt haben. Das heißt keinesfalls, Kolonialverbrechen und durch den Kolonialismus verursachtes Leid zu relativieren. Aber wir sollten uns für die Vielfalt von Erfahrungen und Erinnerungen in den ehemaligen Kolonien und in den kolonialen Metropolen interessieren. Diesen Stimmen zuzuhören und sie miteinander ins Gespräch zu bringen, kann Wege in eine gerechtere Zukunft aufzeigen.
 

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