22. Mai 2019
Verleihung der Ehrenmitgliedschaft an Herrn Bundespräsidenten a. D. Gauck

Rede des Präsidenten des Goethe-Instituts Prof. Dr. h.c. Klaus-Dieter Lehmann bei der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft an Herrn Bundespräsidenten a. D. Gauck im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

Anrede,
 
Das Germanische Nationalmuseum ist in seiner Gründung eng verbunden mit der deutschen Demokratiebewegung und der Versammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848. 4 Jahre danach – 1852 – wurde es gegründet, unter anderem als Reaktion auf das Scheitern des so viel versprechenden demokratischen Ansatzes.

So ist der sperrige Namen „Germanisches Nationalmuseum" genau das Gegenteil von Nationalismus. Es war und ist die Antwort gegen Geschichtsfeindlichkeit und für Offenheit und Dialogfähigkeit. Der Reichtum des Germanischen Nationalmuseums ist gerade deshalb so überwältigend, weil er alle Quellen des deutschsprachigen Raums, die der Kunst und die des Alltags, durch die Sammlungen vermittelt und ein Bild des deutschsprachigen Kulturraums bereitstellt, von der Frühzeit bis zur unmittelbaren Gegenwart.

Dieser Gegenwart und jüngsten Vergangenheit widmet sich die heutige Ausstellung zu Franz Marc. Das Germanische Nationalmuseum besitzt den umfangreichsten Bestand aus Marcs zeichnerischem Oeuvre. Die Ausstellung konzentriert sich auf die künstlerische Entwicklung von 1904 bis 1914 und dokumentiert den stilistischen Umbruch von der Naturform zu Reduktion und Abstraktion. Die Kunst Franz Marcs wurde von den Nationalsozialisten als entartet geächtet. Kunst hat nicht nur eine ästhetische Kategorie sondern auch eine politische Wirkung.

Wir sind gerade wegen dieser Gründungsgeschichte, aber auch wegen der wieder gewonnenen Bedeutung in unserer Zeit als Anschauungsort für eine freiheitliche Gesellschaft, die sich ohne Geschichte und Wissen nicht zusammengehörig finden kann, dankbar, dass Sie, Herr Bundespräsident Gauck, die Ehrenmitgliedschaft des Germanischen Nationalmuseums annehmen. Es hat für das Museum eine große Bedeutung, denn Sie stehen für die Wiedervereinigung Deutschlands als eine kulturelle Leistung. Ohne die gemeinsame Sprache und Kultur wäre sie nicht gelungen. Aber auch dann bleibt es ein andauernder Prozess, der durch Begegnungen, Gespräche und kulturelle Ereignisse befördert werden muss. Nur so gelangen wir zu einem verbindenden Selbstverständnis.

Das haben nicht nur die Gründer frühzeitig erkannt. Es zeigt sich auch in einer erstaunlich kontinuierlichen Verbindung von Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland mit dem Germanischen Nationalmuseum. Diese lange Tradition setzen Sie heute bewusst fort.

Sie beginnt mit Theodor Heuss, damals noch Mitglied des Parlamentarischen Rats, der das Grundgesetz ausgearbeitet hat, und ehemaliger Kultusminister von Baden-Württemberg, der 1948 zum Vorsitz des Verwaltungsrates des Germanischen Nationalmuseums gewählt wurde. Er blieb in diesem Ehrenamt auch während seiner Amtszeit als Bundespräsident und danach bis zu seinem Tode 1963. Er förderte engagiert den Wiederaufbau des Museums und setzte die Akzente für eine publikumswirksame Vermittlung und eine Wertschätzung von Bildung zur Stärkung der jungen Demokratie. Auch die Gründung des Fördererkreises geht wesentlich auf seine Initiative zurück. Drei Jahre nach Heuss‘ Tod gestaltete der Bildhauer Karl Knappe eine Theodor Heuss-Medaille, die seit 1966 an Persönlichkeiten verliehen wird, die sich um das Museum verdient gemacht haben.

In der Folgezeit zeigten immer wieder Bundespräsidenten ihre Verbundenheit mit dem Museum. Im Jahr 1971 besuchte Bundespräsident Gustav Heinemann als Ehrengast die Eröffnung der großen Dürer-Ausstellung zum 500. Geburtstag des Künstlers. Die Ausstellung hatte eine weit über Deutschland hinaus greifende Wirkung.

Das 125-jährige Bestehen des Germanischen Nationalmuseums im Jahr 1977 wurde in Anwesenheit von Bundespräsident Walter Scheel im Opernhaus der Stadt Nürnberg begangen. Er würdigte die Bedeutung des Museums für die deutsche Einheit und in seiner europäischen Verantwortung. Ein Jahr später übernimmt Walter Scheel den Vorsitz des Verwaltungsrates, bis er 1993 aus gesundheitlichen Gründen ausscheidet.

Und auch ein weiterer Bundespräsident, Johannes Rau, ließ es sich nicht nehmen, im Jahr 2002, anlässlich 150 Jahre Germanisches Nationalmuseum, eine Festrede vorzubereiten. Krankheitsbedingt musste er kurzfristig absagen. Die Rede wurde öffentlich verbreitet. Er stellte wieder die Beziehungen Nürnbergs als eine Stadt mit einer selbstbewussten städtischen Bürgergesinnung her, mit Erfindergeist und Liebe zur Kunst, ohne die Schrecknisse der nationalsozialistischen Zeit zu verdrängen. Im Gegenteil: Nürnberg als Sitz des Germanischen Nationalmuseums sah er als Chance und Voraussetzung, Interesse zu wecken und wach zu halten für Zusammenhänge, Wechselwirkungen auch in bedrängten Zeiten.

2006 besuchte Bundespräsident Horst Köhler die Sonderausstellung „Was ist deutsch", dessen Schirmherrschaft er übernommen hatte.

Nun setzen Sie, sehr geehrter Herr Bundespräsident Gauck, diese gute Tradition fort. Wir sind Ihnen sehr dankbar, dass Sie sich für das Germanische Nationalmuseum engagieren und freuen uns auf einen regen Austausch und viele Anregungen durch Ihre Erfahrungen. Wir beide kennen uns aus früheren Zeiten und ich durfte Sie auf verschiedenen Bundespräsidentenreisen begleiten und erleben, wie entscheidend für Sie die verbindende Kraft der Kultur ist, wie sinnstiftend Sie Museen mit ihren Sammlungen für die Gesellschaften sehen – als Lern- und Bildungsort, der Generationen verbinden kann. Herzlichen Dank für Ihre Bereitschaft und Unterstützung!

Es gilt das gesprochene Wort!

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