Macht der Reichweite
Mit einem Klick aufbauen oder zerstören

Humboldt Online - Poder - Claudia Casarino
Foto: Claudia Casarino

Über Kanäle in sozialen Netzwerken mit Tausenden Followerinnen gelingt es Influencerinnen, Themen zu setzen, die sonst regelmäßig unbeachtet bleiben. Sie zeigen auch Missstände auf, die zuvor als normal angesehen oder schlicht unter der Oberfläche gehalten wurden.

Von Luísa Lombardi

Die sprunghafte Zunahme der Nutzung von Smartphones und sozialer Netzwerke gipfelte im Aufkommen der mittlerweile als Influencerinnen bezeichneten Meinungsbildnerinnen und -verbreiterinnen. Mit der Popularisierung des Internets gewannen auch sie an Bedeutung und trugen damit dazu bei, frauenspezifischen Themen mehr Sichtbarkeit (und mehr Macht) zu verleihen. Die alten, zuvor überwiegend von weißen, heterosexuellen cis-Männern besetzten Sessel in Fernsehen, Zeitungen, Zeitschriften, Kino und jeder Art von Produktion audiovisueller Inhalte wurden nach und nach von einem Teil der Bevölkerung eingenommen, dem bis dahin kein Raum zur Formulierung eines eigenen Narrativs zur Verfügung stand. Mit dem Smartphone in der Hand und einer Idee im Kopf entstanden in den letzten Jahren im Netz vielfältigere, inklusivere und repräsentativere Diskurse.

Wie aber kam es zu diesem Phänomen? Laut Vertreterinnen des brasilianischen Kollektivs „Blogueiras Negras“ (Schwarze Bloggerinnen, mit 34.000 Followerinnen und Followern auf Instagram), mag „diese Bewegung begonnen haben, als Blogs noch die Hauptmöglichkeit waren, Meinungen und Inhalte auszutauschen. Bloggerinnen schrieben und interagierten über die Kommentarfunktion und schufen damit durch unterschiedliche Strategien – Bloggen, Kampagnen, Labels, Kommentare – Relevanzmechanismen und Reichweite. Von da aus verfestigte sich die Bedeutung von ‚Userinnen‘, gesponsorten Posts und eines immer differenzierteren Brandings. Doch wenn Influencerinnen die Weiterentwicklung von Bloggerinnen sind, werden auch sie sich vermutlich irgendwann in Richtung einer gewissen Irrelevanz weiterentwickeln.“

Eigenständige und massenwirksame Inhalte

Laut Maristela Rosa, Forscherin im Bereich Kommunikationswissenschaft der Universidade Federal de Juiz de Fora sowie Administratorin des Instagram-Accounts @papodepreta mit annähernd 46.000 Followerinnen und Followern, „haben zum ersten Mal in der Geschichte der audiovisuellen Medien in Brasilien auch wir schwarzen Frauen die Möglichkeit, tatsächlich eigenständige und massenwirksame Inhalte zu produzieren. Wir sehen Frauen wie Camilla de Lucas, die mit dem Aufbau eines eigenen Narrativs Millionen von Followerinnen und Followern erreicht. Bis noch vor ein paar Jahren lag so etwas fest in den Händen von weißen Männern. Selbst schwarze Figuren entstanden aus einer weißen und männlichen Sicht. Heute ist es uns möglich, eine Repräsentation des Weiblichen und Schwarzen zu konsumieren, die von schwarzen Frauen selbst produziert wird“, sagt sie und fügt hinzu: „Genauso wie weiße Männer sich im Internet mit Fußball, Videospielen, Filmen und Serien beschäftigen, haben auch wir dieses Recht. Inzwischen haben wir sehr starke schwarze Influencerinnen.“

Der Informationsaustausch im Bereich des Digitalen schafft einen neuen Raum zur Entstehung von neuen Narrativen. Dies wiederum führt zu neuen Machtausprägungen und über kurz oder lang substanziellen Veränderungen in Verhaltensmustern und -vorbildern. Luiza Junqueira aus São Paulo ist nach einer Ausbildung im Bereich Radio und Fernsehen an der Universidade Federal Rio de Janeiro seit 2015 als Youtuberin aktiv. „Ich glaube, die Macht besteht tatsächlich darin, Einfluss auf Lebensstil, Konsum, Ästhetik, was auch immer, zu nehmen. Für mich haben Influencerinnen die sehr wichtige Rolle, ihren Followerinnen Möglichkeiten aufzuzeigen. Das kann sowohl positiv als auch negativ eingesetzt werden. Es gibt auch viele, die Einfluss in Richtung schlechter Gewohnheiten nehmen“, sagt sie.

Im Kontext des Empowerments von LGBTQIAP+-Frauen betont Junqueira, mit mehr als 220.000 Followerinnen und Followern auf Instagram: „Indem ich mein Leben zeige mit seinen Schwierigkeiten als übergewichtige LGBTQIAP+-Frau, aber auch deren Überwindung, inspiriere ich Personen, die sich damit identifizieren, dazu, selbst Veränderungen anzustoßen. Es ist so gewaltig, Frauen zu sehen, die sich vorher nicht angenommen haben, wie sie sich nun anerkennen und von dieser Warte aus Instrumente für eine Veränderung schaffen! Bewusstseinsbildung ist ein Schritt, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.“
Digitale Influencerinnen Blogueiras Negras | Maristela Rosa | Luiza Junqueira | Janaína Costa | Maco Muskus | Georgia Rothe | Fotos: Privatarchiv

Stimme der Hausangestellten

Die Einflüsse des Digitalen beschränken sich allerdings nicht auf die Bereiche Gender und Verhaltensnormen, sondern werfen auch Fragen auf, die Rassismus und Klasse betreffen. Die in der Quilombola-Gemeinschaft Macuco in Minas Gerais geborene Janaína Costa ist Historikerin, Kindermädchen, Feministin und Aktivistin. Auf ihrer Seite „Ela é só a babá“ (Sie ist nur das Kindermädchen), mit mehr als 15.000 Followerinnen und Followern, beschäftigt sie sich ausgehend von ihrer eigenen Erfahrung mit der Geschichte der Hausarbeit in Brasilien.

„Ich glaube, die sozialen Netzwerke sind ein guter Weg, diese Diskussionen zu demokratisieren, auch unter dem Vorbehalt, dass ein großer Teil der Bevölkerung überhaupt keinen Zugang dazu hat. In den sozialen Netzwerken zu sein und diese Perspektive einzunehmen ist eine Herausforderung. Täglich muss ich mit Angriffen unterschiedlicher Art umgehen, die letztlich immer von Rassismus getrieben sind.“ Costa betont, dass die Hausangestellte als Kategorie in der gesellschaftlichen Debatte so gut wie keinerlei Sichtbarkeit hat, aber wenn, dann über die Berichte von Frauen, „die die Wirklichkeit der Unterdrückung von innen heraus kennen, was also bedeutet, dass diese Erfahrungen jeden Tag mehr gehört und gewürdigt werden müssen“, betont sie.

Migrantinnen und ihre Rechte

Ein anderes Thema, das über den von Influencerinnen eroberten Raum sichtbar wird, ist die Situation von Migrantinnen – in unterschiedlichen Ländern und Kontexten. Die Venezolanerin María Corina (Maco) Muskuz ist Rechtsanwältin, Feministin, Migrantin (zur Zeit in Mexiko) sowie Mitbegründerin und Leiterin des Netzwerks „Rede Venezolanas Globales“, das venezolanische Frauen im Ausland vertritt. Auf Instagram beschäftigt sich Maco über @mcmuskuz mit Fragen des Empowerments dieser Frauen. „Aufsässig zu sein ist nicht einfach, vor allem nicht in der Welt der sozialen Netzwerke. Aber ich lade die Frauen und Mädchen ein, sich zu trauen. Die Welt muss uns hören. Wir sind nicht allein und werden als unbequeme Frauen immer mehr“, sagt sie.

Georgia Rothe, ebenfalls Venezolanerin, lebt derzeit in Buenos Aires und ist wie Muskuz bei Venezolanas Globales. „Für mich sind die sozialen Netzwerke ein Fenster, von dem aus ich Forderungen stellen, Ungleichheiten sichtbar machen und mich über Strukturen des Systems beklagen kann, aber genauso ein Raum, in dem ich mich ausdrücken kann. Persönlich nutze ich das Internet und die sozialen Netzwerke als Instrument, mein Recht auf Genuss einzufordern, auf Vergnügen und Selbstachtung, wobei es auch ein Kanal ist, der es mir gestattet, mich in den Frauennetzwerken zu organisieren, an denen ich mich beteilige, um gemeinsam etwas aufzubauen und die Realität von Debatten auf den Tisch zu bringen, die sonst unbeachtet bleiben, normalisiert oder verdeckt werden“, erzählt sie.

Austausch von Aktivismen aus unterschiedlichen Ländern

Rothe betont außerdem, wie sehr digitaler Aktivismus den gemeinsamen Widerstand von Frauen unterschiedlicher Herkunft stärkt. „Das Internet bringt uns dazu, die politischen Verteidigungsstrategien unterschiedlicher Netzwerke von Frauen in Lateinamerika kennenzulernen, und zeigt uns, wie das sie in die Lage versetzt, sich auf der politischen Agenda zu positionieren. Wir haben von der Kampagne für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in Argentinien gelernt oder von Las Tesis in Chile, und beginnen nun damit, dies auch in unseren Ländern und Städten zu reproduzieren. Das ist der große Schatz, den uns der digitale feministische Aktivismus gegeben hat.“

Völlig offen ist allerdings, wie lang dieses Phänomen noch anhält, und welche Veränderungen daraus tatsächlich erwachsen werden. Die Macht der Stimmen und Instrumente der sozialen Netzwerke ist eine symbolische. Sie besteht auch „in der Vergänglichkeit einer Reputation, die mit einem Klick wieder zerstört werden kann“, mahnen die Blogueiras Negras. Bleibt also nur, auf die Kraft der Veränderung zu setzen, die dieser – erst kürzlich eroberte – Raum im Moment besitzt.

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