Ingo Schulze Buenos Aires - Escape

Goethe-Institut Buenos Aires, 2009.
Goethe-Institut Buenos Aires, 2009. | Foto: Sol Arrese

Nach zwölfstündigem Nachtflug steuere ich, meinen Koffer im Schlepptau, auf einen Hünen zu, in dessen Händen das Schild mit dem Aufdruck: GOETHE (steht da noch mehr?) klein wirkt. In meinem Stammhirn singt Udo Jürgens: "Buenos Dias, Argentina". Freddy schlenkert mit dem Koffer zum Wagen. "Ja, ja, hier ist schon bisschen Herbst", sagt er. " Ende April ist schon Herbst." Nebel steht über den Wiesen am Flughafen. Auf einer Hochstraße gleiten wir ins frühmorgendliche Buenos Aires. Beim Anblick meines Planes für die nächsten Tage (Lesung Buchmesse, Diskussionsrunde Buchmesse, Lesung deutsche Schule, Gespräch ...) finden sich zwei freie Nachmittage, rot mit Filzstift markiert.

Im Goethe-Institut in der Avenida Corrientes (es gibt sie tatsächlich) frage ich den bärtigen Chef nach der Bedeutung meiner rot markierten Nachmittage. "Da können Sie Ihre Leute treffen", sagt er und stimmt ein kräftiges Lachen an. "Die treffen Sie morgen sowieso alle auf der Messe." Wieder Lachen. Das verstehe ich nicht, aber ich fühle mich so piepsig gegen diese Stimme, dass ich nicht frage.

Die Lesung auf der Messe bestreite ich mit einer deutschen Fahne im Rücken. Der Moderator und ich machen ein paar Witze darüber, nicht alle lachen. Sind das meine Leute? Als es vorbei ist, schüttele ich am deutschen Stand Hände, wunderbare Namen rauschen vorbei. Plötzlich sagt eine junge schöne Frau: "Ich bin Danny." "Das trifft sich ja", sage ich. "Ich hab ja gerade was von einer Danny vorgelesen." Sie nickt. "Ich bin Martin", sagt ein Lockenkopf und schüttelt meine Hand. "Ach, noch ein Name aus deinem Buch." "Ich bin Barbara Holitzschek", sagt die nächste. "Wie heißen Sie?" Auch dieser Name steht im Buch.

Beim nächsten Händedruck frage ich: "Und Sie sind Lydia?" "Nein", sagt sie, "die Lydia kommt erst morgen. Ich bin Renate und Ernst Meurer."
Ich brauche noch ein Weilchen, bis ich kapiere, dass ich gerade meinen Übersetzern die Hand geschüttelt habe. "Wieso wissen Sie denn das nicht?", fragt der Institutschef. "Wir haben Ihnen doch schon Übersetzungen geschickt?" Lachen. "Die haben den Zuschlag bekommen, für beide Bücher! Die waren die besten!" Lachen. "Verlag in Barcelona, Übersetzung Buenos Aires, made by Goethe." Donnerndes Lachen. An den beiden freien Nachmittagen sitze ich mit der "Übersetzergruppe des Goethe-Institutes" zusammen. Sie stellen Fragen, ich versuche zu antworten. Was ist ein Toffifee? Wieso fuhr man im Februar 90 noch illegal nach Italien? Sie erzählen von ihrer Arbeit, der zum Geldverdienen und der anderen, wenn sie abends zum Übersetzen zusammenkommen. Als ich bezahlen will, finde ich mein Portemonnaie nicht. "Ich weiß, dass ich es in den Rucksack gesteckt habe." "Im Rucksack ...", stöhnen sie im Chor auf. Schweiß tropft mir von der Stirn auf meine fahrigen Hände ... Ich will es nicht wahrhaben, es war doch immer hier.
 
Meine Übersetzer müssen mich freikaufen.
Ich renne, Panik im Blick und den Knien, die Avenida Corrientes entlang Richtung Goethe-Institut, ohne an Onetti oder Borges zu denken. "Bleiben Sie mal ganz ruhig, ha, ha. Das ist hier schon jedem passiert." Die Kreditkarten-Notaufnahme - ich stelle sie mir in einem Apolloraumschiff vor - will viel wissen. "Please spell it." Ich buchstabiere B-U-E-N-O-S A-I-R-E-S. Die freundliche Männerstimme braucht es genauer: GOETHE-INSTITUT.

"Göthie? - Please spell it." "G like grammy, 0 like octopus, E like embassy, T like … like… like tiger?" "Yes, like tiger!" "H like ..." "Mr. Schulze (Shullzie)", unterbricht er mich. "Do you like tigers?" Darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht - und will es jetzt auch nicht. "Do you like Goethes (Göhties)?", frage ich. Schweigen. Nein, es tut mir nicht Leid, nicht in diesem Augenblick. Plötzlich aber blüht mir vom anderen Ende der Leitung her ein unendliches "Yeah" entgegen. "I like it, Göthie-tigers, yeah!" Nach einer kurzen Pause beantworte ich dann mit "H like Homer" und "E like escape" den Rest seiner Frage.


Dieser Artikel ist in der Festschrift zur gleichnamigen Ausstellung erschienen: Murnau Manila Minsk.
50 Jahre Goethe-Institut. Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums und des Goethe-Instituts Inter Nations e.V. vom 5. Juli bis 25. September 2001. Erschienen im C.H. Beck Verlag.