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Demokratische Republik Kongo

Ngozi Surface – die Haut als visuelles Gedächtnis

Primo Mauridi ist aktuell Stipendiat im Programm „Line 2 Fast-Track“ (Notfall-Relokationsstipendium) der Martin-Roth-Initiative – ein Unterstützungsprogramm für Künstler*innen und Kulturschaffende in akuten Gefährdungssituationen.

Primo Mauridi ist in Goma in der Demokratischen Republik Kongo geboren. Er ist bildender Künstler und Fotograf. Seine Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Film, Fotografie und zeitgenössischer Kunst. In seinen Videos und Installationen beschäftigt er sich mit Fragen der Erinnerungen, Erfahrungen, kulturellem Wissen und deren Weitergabe. In diesem Zusammenhang beschäftigt er sich mit kolonialer Geschichte, bewaffneten Konflikten und zeitgenössischen afrikanischen Ritualen.

Im Rahmen seines Stipendiums arbeitet Primo Mauridi an seinem neuen Projekt „Ngozi Surface“. Auf Swahili bedeutet „Ngozi“ Haut, Oberfläche. In diesem Projekt wird die Haut zum Träger von Erinnerungen, zum Speicher der Spuren des Lebens. Der Künstler interessiert sich für sichtbare und unsichtbare Narben, die sich im Laufe der Zeit in das Leben der Menschen einschreiben. Der Körper wird zur Metapher einer fragilen Oberfläche, auf der Erinnerungen gespeichert sind. Seine Bilder speisen sich aus eigenen Erinnerungen, aber auch aus denen anderer Menschen. Durch zahlreiche Gespräche mit Menschen unterschiedlichen Alters erforscht er die Spuren des Lebens, Falten ebenso wie Spuren von Gewalt, die sich in Form von Narben in die Haut einschreiben.
Primo Mauridi, Ngozi Surface, 2026

Primo Mauridi, Ngozi Surface, 2026 | ©Primo Mauridi

Gleichzeitig hinterfragt der Künstler die Möglichkeit, Erinnerungen auszulöschen. In diesem Zusammenhang beschäftigt er sich derzeit mit Reinigungsritualen und der Natur als reinigendem Element. Auf der Suche nach Heilung inszeniert Primo Mauridi seine Protagonist*innen in natürlichen Umgebungen und schafft so Räume, in denen persönliche Dialoge zwischen Erinnerung, Körper und Landschaft geführt werden.
Recherche, Ngozi Surface, 2026

Recherche, Ngozi Surface, 2026 | ©Primo Mauridi

Primo Mauridi arbeitet mit der Technik des Layering. Als Fotograf legt er mehrere Bildebenen übereinander und schafft so neue visuelle Verbindungen. Die Überlagerung von Motiven, Zeiten oder Perspektiven bricht lineare Erzählungen auf und verdichtet sie. Daraus entsteht ein Bildraum, in dem Erinnerung, Wahrnehmung und Realität miteinander verschmelzen. So wie sich die Spuren des Lebens auf der Haut überlagern, überlagert Primo Mauridi Bilder, die sich zu einem neuen visuellen Gedächtnis verdichten.
Primo Mauridi hat eine hybride Ausbildung durchlaufen – zwischen autodidaktischer Praxis, künstlerischen Workshops und Residenzen – und dabei eine eigenständige, sensible und experimentelle filmische Handschrift entwickelt. Sein Ansatz bevorzugt eine intime Beziehung zu den gefilmten Personen sowie eine kontemplative Ästhetik, in der Bild und Ton zu Räumen der Reflexion und symbolischen Heilung werden.
Layering, Ngozi Surface, Primo Mauridi, 2026

Layering, Ngozi Surface, Primo Mauridi, 2026 | ©Primo Mauridi

Seine Werke wurden auf zahlreichen internationalen Festivals und Biennalen präsentiert. Sein Film Mawe, der sich mit Ritualen rund um die Vulkane im Osten der Demokratischen Republik Kongo beschäftigt, wurde unter anderem auf der Biennale von Lubumbashi, der Biennale von Bamako, den Rencontres Internationales Paris/Berlin sowie beim Festival Court Derrière in Saint-Denis gezeigt. Außerdem ist er Regisseur von Bila Mask, präsentiert beim Congo Festival in Harlem – ein Film, der Identitäten und kulturelle Vermächtnisse durch zeitgenössische Ausdrucksformen hinterfragt. Seine Arbeiten wurden in der Maison Africaine de la Photographie ausgestellt, neben bedeutenden Persönlichkeiten wie Malick Sidibé und Seydou Keïta – ein wichtiger Meilenstein in seinem künstlerischen Werdegang.
Primo Mauridi, Recherche Ngozi Surface, 2026

Primo Mauridi, Recherche Ngozi Surface, 2026 | ©Primo Mauridi

Die Martin-Roth-Initiative wird vom Institut für Auslandsbeziehungen e. V. (ifa) getragen, das sich als Partner des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland weltweit für ein friedliches und bereicherndes Zusammenleben von Menschen und Kulturen einsetzt. Die Initiative richtet sich an Künstlerinnen, Künstler und Kulturschaffende in Risikosituationen. Sie wird vom Auswärtigen Amt finanziert und vom ifa und dem Goethe-Institut umgesetzt. Die Unterstützung erfolgt in Form eines Notfallstipendiums und ist auf drei Monate begrenzt.
 

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