Chinesischer Unterricht in Hamburg Konfuzius auf dem Sparkonto

Traditioneller Gruß
Traditioneller Gruß | Foto: Martina Bölck

In der Zhiqian-Schule in Hamburg wird die klassische chinesische Erziehung wiederbelebt – mit großer Resonanz.

  Ein kalter Sonntagvormittag, kurz nach neun. Nach und nach füllt sich der Schulhof des Emil-Krause-Gymnasiums in Hamburg mit chinesischen Kindern, die von ihren Eltern zum wöchentlichen Unterricht in die Zhiqian-Schule (致谦学堂) gebracht werden. Das Besondere: Hier wird Chinesisch nicht nur anhand der klassischen Literatur, sondern auch ausschließlich nach der traditionellen Lehrmethode unterrichtet.

Die meisten Chinesen im Ausland wünschen sich, dass ihre Kinder die Muttersprache beherrschen und in chinesischer Kultur bewandert sind. Viele Kinder drücken also am Wochenende zusätzlich die Schulbank. Doch der Unterricht in den konventionellen Sonntagsschulen, die es mittlerweile in jeder größeren deutschen Stadt gibt, sei bei weitem nicht ausreichend, erklärt Yang Mei (杨嵋), die Leiterin der Zhiqian-Schule. Selbst nach zehn Jahren könnten die meisten Kinder nicht genug Schriftzeichen, um eine Zeitung zu lesen. Als sie selbst Mutter wurde, suchte Yang Mei nach einem effektiveren Weg, ihre Kinder mit chinesischer Sprache und Kultur vertraut zu machen. Der Vortrag eines Professors aus Taiwan, Wang Tsai-Kuei (王财贵), wurde für sie zu einem Schlüsselerlebnis. Dieser wirbt seit über 20 Jahren dafür, die traditionelle Erziehung wieder zu pflegen. Sie besteht vor allem aus dem Rezitieren und Auswendiglernen der konfuzianischen und daoistischen Literatur in klassischem Chinesisch. Das soll das Lernen der Schriftzeichen erleichtern, die Sprachkompetenz erhöhen und den Kindern eine moralische Richtlinie fürs Leben geben. Denn Charakterbildung ist ein integraler Bestandteil der traditionellen Erziehung.

Yang Mei nahm Kontakt mit Professor Wang auf und gründete im September 2009 die Zhiqian-Schule als erste ihrer Art in Europa. Sie begann mit drei Schülern, inzwischen sind es über 70, im Alter zwischen zwei und siebzehn. Die Eltern bezahlen 450 Euro Gebühren im Jahr und nehmen teilweise weite Wege auf sich, um ihre Kinder hier unterrichten zu lassen. Etwa Zhang Yunxia (张运霞), die jeden Sonntag aus Schwerin, 110 km östlich von Hamburg, kommt. Sie selbst habe in ihrer Kindheit immer nur die Sprüche von Mao Zedong gehört, erzählt sie. Jetzt freut sie sich, dass ihre Tochter mit klassischer Literatur in Berührung kommt – und lernt mit ihr gemeinsam.

„Lernen und fortwährend üben“ (Konfuzius)

Die jüngsten Schüler beginnen mit dem San Zi Jing („Drei-Zeichen-Klassiker”, 三字经), das seit dem 13. Jahrhundert eingesetzt wird, um Kindern Schriftzeichen, historisches Wissen und Moral beizubringen, etwa die Liebe zu den Eltern und zum Lernen. Nach einem halben Jahr gehen sie über zu den Gesprächen (论语) und den anderen konfuzianischen Klassikern, Mengzi (孟子), Das große Wissen (大学) und Maß und Mitte (中庸). Hinzu kommen Laozi und Zhuangzi, das Yijing („Buch der Wandlungen“, 易经) und klassische Gedichte, die singend rezitiert werden. Natürlich verstehen kleine Kinder den Inhalt der Texte noch nicht wirklich. Das sei wie ein Sparkonto bei einer Bank, erklärt Yang Mei. Später könnten sie darauf zurückgreifen. Man müsse Kindern zwar auch „Bargeld“ in die Hand geben, mit dem sie direkt etwas anfangen können. Aber das allein sei nicht genug.

Die Methode ist einfach: vorsprechen, nachsprechen, laut lesen und sehr oft wiederholen. Drei Stunden am Sonntag in der Schule und möglichst jeden Tag zu Hause. Das laute Rezitieren festige das Sprachgefühl. Das sei gerade im Ausland wichtig, denn die Kommunikation mit den Eltern beschränke sich meist auf alltägliche Themen. Nebenbei erlernen die Kinder fast automatisch die Schriftzeichen. Sie deuten während des Lesens mit dem Finger darauf – und irgendwann erkennen sie sie wieder. Das Schreiben kommt später. Diese Methode habe sich als wesentlich effektiver erwiesen als andere, versichert Yang Mei. Ob die Kinder die klassischen Schriftzeichen lernen oder die vereinfachten, wie sie in der Volksrepublik benutzt werden, können die Eltern entscheiden. Im Idealfall erlernen sie beide Formen.

Erziehung dieser Art wurde in China jahrhundertelang praktiziert. Erst im Zuge der Umwälzungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es auch im Bildungsbereich zu tiefgreifenden Reformen: Konfuzius galt als veraltetet, „vom Ausland lernen“ war das neue Motto. Führende Intellektuelle, wie der Schriftsteller Lu Xun (鲁迅), sahen das klassische Chinesisch als elitär an und machten die gesprochene Sprache literaturfähig. Schon 1912, im ersten Jahr der Republik, wurde das Rezitieren der Klassiker in den Schulen abgeschafft. Heute besinnt man sich wieder auf alte Traditionen. Die Erziehung zu den alten Werten und der alten Kultur Chinas, in deren Mittelpunkt die Wiederbelebung konfuzianischen Gedankenguts steht, hat – unter dem Namen guoxue (国学) – Konjunktur. Professor Wang, der mittlerweile in Peking eine Schule leitet, und das Rezitieren der Klassiker „zur größten kulturellen Bewegung seit der 4. Mai Bewegung“ machen möchte, stößt mit seinen Ideen auf offene Ohren. In manchen Kreisen ist es Mode, die Kinder in konfuzianische Kurse zu schicken.

Trauben und Wein 

Yang Mei führt mich durch die Klassenräume. Die älteren Kinder leiern in unglaublichem Tempo den Text im Chor herunter. Manche haben den Faden verloren, ein Junge fläzt gelangweilt in der Bank, einige Mädchen haben ihre Kuscheltiere mitgebracht. Die Textbücher machen ihrem Namen alle Ehre: Bilder gibt es keine. Die Kleineren (vier bis sieben Jahre) haben gerade Pause und toben im Klassenzimmer. Später lernen sie, mit Yang Mei ein Gedicht zu singen. Das macht ihnen offensichtlich Spaß. Kommen die Kinder gern in die Schule? Nun ja. Lernen sei nun einmal mit Anstrengung verbunden, meint Yang Mei. Am Anfang sei es manchmal etwas schwierig, aber mit der Zeit würden die Kinder den Unterricht akzeptieren. 

Auswendiglernen hat in der westlichen Pädagogik einen schlechten Ruf, auch wenn neuere Forschungsergebnisse nahelegen, dass es durchaus eine effektive Lernstrategie sein kann. Yang Mei ist überzeugt, dass die klassische Erziehung ein gutes Training für das Gehirn ist. Kinder, die sie durchlaufen, könnten auch alles andere schneller und besser lernen. Aber gehören zur Bildung nicht auch Fähigkeiten wie das Hinterfragen und Interpretieren? Sie stimmt zu. Die Methode orientiere sich am Alter. Kinder unter zehn könnten noch nicht gut analysieren, aber sie hätten ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Also sollte man diese Fähigkeit fördern. Danach könne man allmählich mit der Analyse beginnen und mit 15 oder 16 Jahren wären Kinder in der Lage, tiefer zu verstehen. Dann könnten sie aus den Trauben, die man ihnen in der Kindheit gegeben hat, Wein keltern.

Diese Methode ist im Prinzip auch auf andere Sprachen übertragbar. Yang Mei hat selbst Indologie studiert und ist mit einem amerikanischen Professor für Sanskrit verheiratet. Nach dem regulären Unterricht werden deshalb nicht nur zusätzliche Kurse in Kalligraphie oder Tai Ji angeboten, sondern auch in klassischem Englisch und einem traditionellen indischen Tanz. Außerdem ist sie im Gespräch mit deutschen Sinologieprofessoren, die überlegen, ob die Methode auch für ihre Studierenden hilfreich sein könnte.

Aber im Augenblick hat Yang Mei genug mit den Anfragen von chinesischen Gemeinden zu tun. Die Zhiqian-Schule ist inzwischen weit über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt. Viermal im Jahr bietet sie einwöchige Intensivkurse an, zu denen Chinesen aus ganz Deutschland und sogar aus dem europäischen Ausland kommen. Yang Mei betreibt außerdem ein Blog, in dem sie für ihre Idee wirbt. Im Herbst 2014 reiste sie mit Professor Wang einen Monat lang durch Europa und hielt Vorträge. Auch aus den USA gibt es erste Anfragen. Überall werden neue Schulen gegründet, die sich an der Zhiqian-Schule orientieren. Was als private Suche nach einer guten Erziehung für die eigenen Kinder begann, ist zu einer Mission geworden.