Interview mit Monika Maron „Eigentlich fängt alles, was ich schreibe, mit einer Frage an.“

Interview mit Monika Maron
Interview mit Monika Maron | Foto: Alice Ho

Monika Maron spricht über ihre Erfahrungen in China, ihre erste Reise nach Hongkong und darüber, wie sie den Fall der Berliner Mauer erlebte.
 

Guten Tag Frau Maron! Sie haben jetzt eine lange Reise durch China gemacht, in verschiedenen Städten aus Ihren Werken gelesen, Gespräche mit Studenten geführt, auch mit einem allgemeinen Publikum. Wie geht es Ihnen jetzt und mit welchen Eindrücken sind Sie nach Hongkong gekommen?

Ja, wie geht es mir? Es geht mir gut. Die Anstrengung gleicht man offenbar durch ausreichende Adrenalinausschüttungen wieder aus. Ich habe so viele Eindrücke, ein bisschen zu viele eigentlich, so dass die nächste Station die vorige immer ein wenig verschüttet – das muss ich erst langsam verarbeiten und aus der Erinnerung wieder rausholen. Ich habe in Shanghai angefangen und ende eben in Hongkong, ich war insgesamt dann in sieben Städten – das ist schon viel für drei Wochen. Die Eindrücke, die ich habe, sind natürlich sehr verschieden und kann man so in einer Frage oder in einer Antwort gar nicht unterbringen. Wenn jemand aus Europa oder aus Deutschland hierher kommt, dann gerät er ja in Dimensionen, die er sonst nicht kennt. Und das betrifft alles, das betrifft die Größe von Bahnhöfen, die Menschenansammlungen und alles ist groß und die Häuser sind hoch. Allein der Anblick von Städten, die nicht über Jahrhunderte gewachsen, sondern irgendwie innerhalb von Jahrzehnten aus dem Boden geschossen sind, ist fremd, diese Hochhausbatterien, die einem wie eine Armee gegenüberstehen. Da kann man nur staunen, was in diesen dreißig Jahren geschaffen wurde.

Das ist sowieso von Europa her gesehen eine zwiespältige Angelegenheit: Man bewundert China und fürchtet es ein bisschen, wahrscheinlich beides zu Recht - und das sind so die ersten visuellen Eindrücke, die ich hatte. Und dann habe ich natürlich viele Menschen getroffen, auch sehr verschiedene. Ich habe sehr, sehr schöne Begegnungen mit Studenten gehabt – wirklich ganz rührende und liebevolle und interessierte. Ich habe bei einigen Veranstaltungen aus meinem Roman Flugasche gelesen, der schon 1981 in Deutschland erschienen ist, was wirklich interessante Diskussionen ergeben hat. Die Studenten sagten, ich hätte das Buch ja schon vor fast vierzig Jahren geschrieben und für sie sei es heute ganz aktuell. Es ist natürlich für einen Autor schön, wenn ein Buch nach so vielen Jahren für Menschen, zumal in einem sehr anderen Land, von Bedeutung sein kann. Umso enttäuschender ist es, dasses nur mit der Übersetzung von Animal triste geklappt hat, nicht aber von Flugasche. Aber wer weiß, vielleicht wird es ja noch.

Die letzten Tage waren Sie hier in Hongkong. Wie nehmen Sie die Situation hier wahr?

Ich bin ja das erste Mal in Hongkong und bin ganz glücklich, dass ich ausgerechnet jetzt da bin, zu dieser Zeit, da die Protestbewegung hier durch die Stadt tobt. Ja, wie soll man das schon wahrnehmen? Also wenn man aus der DDR kommt wie ich, nimmt man das natürlich noch mit ganz besonderer Anteilnahme wahr weil man sich erinnert an '89, als bei uns die Demonstrationen monatelang durch das ganze Land gingen und am Ende die Mauer fiel - natürlich nicht nur, weil die Leute um die Nikolaikirche herumgelaufen sind, sondern weil ganz Europa die Bewegung war. Alle waren glücklich und stolz, allein schon, weil sie es endlich wagten, für ihre Freiheit zu kämpfen.

Ich bin voller Bewunderung für die Hongkonger Jugend. Wir sind hier durch die Zentren der Bewegung gelaufen und ich habe die Jungen und Mädchen gesehen, die den Passanten Wasserflaschen angeboten und ihren Dreck weggeräumt haben. Und ein Bild, das ich nicht vergessen werde, wie ein junger Mann sehr elegant und leichtfüßig vor zwei riesengroßen Müllautos herlief und sie zum Platz lotste, damit sie dort den Müll abholen sollten. Eine ruhige und disziplinierte Entschlossenheit, mir gefällt das sehr und ich kann nur hoffen, dass sie irgendetwas erreichen. Sicher nicht alles, was sie wollen, das kann man sich ja fast nicht vorstellen – obwohl auch das wünscht man ihnen natürlich. Ich hoffe sehr, dass dieser Protest nicht brutal niedergeschlagen wird oder, was auch deprimierend wäre, einfach nur verpufft oder abgewürgt wird. Aber diese Generation hat etwas über sich selbst erfahren, was sie nicht vergessen wird: auch sie haben eine Stimme. Die ganze Welt hat über Hongkong gesprochen, weil sie für ihre Rechte auf die Straße gegangen sind.

Sie haben eben gesagt, dass sie zum ersten Mal in Hongkong sind. Sie waren aber auch schon früher einmal in China, in Peking. Können Sie Veränderungen erkennen von damals zu der Reise jetzt?

Ich war dieses Mal nicht in Peking und kann darum keinen Vergleich anstellen. Damals war ich mit bestimmten Erwartungen angereist, die sich aus meiner DDR-Erfahrung speisten, aus Zeitungslektüre und einem Japan-Besuch. Ich dachte, irgendwo darin muss auch China verpackt sein. Und dann war alles anders. Das kann natürlich auch daran gelegen haben, dass ich von der Peking-Universität eingeladen war und es vorwiegend mit Leuten zu tun hatte, die Deutschland kannten und auch schon in Deutschland waren. Ich habe damals sehr offene Gespräche geführt und war sehr überrascht von dem, was alles möglich war. Zumal ich wusste, dass alles, was ich vorher erfahren hatte, auch stimmte – es saßen Menschen wegen ihrer politischen Meinungen in Gefängnissen oder standen unter Hausarrest, es gibt eine strenge Zensur – alle diese Dinge sind ja auch wahr. Aber darum konnte ich mir nicht vorstellen, dass es diese freie Atmosphäre, die ich erlebt habe, auch gab.

Ich habe bei meiner Reise auch eine Gruppe freier Künstler getroffen, die von ganz erheblichen Schwierigkeiten für die Arbeit von Künstlern berichtet haben. Für die Literatur ist das katastrophal. Bildende Künstler können ausweichen, sie sind nicht an die Sprache gebunden. Eine Skulptur oder ein Bild muss nicht übersetzt werden. Nach dem was ich gehört habe, auch über Verhaftungen, gerade auch von Schriftstellern, haben sich wohl seit damals die Dinge nicht verbessert, sondern verschlechtert.

Trotzdem ist China, verglichen mit meinen Erinnerungen an die DDR, vollkommen anders. Wenn man in die DDR kam, war es trist und grau, die Leute hatten schlechte Laune und jeder merkte, was in diesem Land los war. Das merkt man in China nicht. Es ist ein unheimlich lebendiges Treiben und nun weiß ich nicht, ob die Leute so beschäftigt sind mit ihrem Alltag, ihrem Überleben, mit dem Kaufen und Verkaufen - das scheint ja die hauptsächliche Betätigung zu sein. Fast jeder, mit dem ich gesprochen habe, klagte darüber, dass es den Chinesen nur noch um Geld und Reichtum gehe.

Die Frage ist, ob es auf Dauer möglich ist, Menschen in die wirtschaftliche Freiheit zu entlassen und sie als Bürger aber in Unmündigkeit zu halten. Ich kann mir das nicht vorstellen. Wenn die Menschen aus dem Kaufrausch einmal erwachen, merken sie doch, dass dieses Leben sie nicht glücklich gemacht hat und dass sie andere Freiheiten brauchen, als nur die des Kaufens und Verkaufens. Vielleicht erwacht in ihnen dann etwas von dem Bürgersinn der Hongkonger Studenten, die ihre Freiheit selbstbewusst einklagen.

Ich muss sagen, dass ich nach meinem zweiten China-Besuch eigentlich ganz ähnliche Fragen habe wie nach dem ersten. Die wirklichen Antworten findet man so schnell eben doch nicht, falls man sie überhaupt findet.

Wofür interessiert sich das chinesische Publikum bei Ihren Lesungen?

Das kommt darauf an, was ich gelesen habe. Sie haben sich vor allem wirklich für Flugasche interessiert und ebenso für die Parallelen mit dem DDR-Leben. In Animal triste gibt es ja auch Verbindungen zu dieser seltsamen Zeit, als die sie im Buch beschrieben ist. Wenn sie ihre Themen finden konnten in meinen Texten, die zerstörte Umwelt, die Zensur und den autoritären Staat, da haben sie das Gespräch gesucht.

Wie sehen Sie sich heute als Schriftstellerin? Hat es an diesem Bild während Ihrer 40-jährigen Schriftstellerkarriere Veränderungen gegeben?

Also das mit dem Selbstbild als Schriftstellerin – ich habe so keins. Ich gucke nicht in den Spiegel und sage: „Monika, Du bist ja Schriftstellerin!“. Ich kann nur sagen, wie sich mein Verhältnis zur Arbeit, mein Gefühl bei der Arbeit oder das, was mich drängt zu schreiben, verändert hat. Das hat sich natürlich sehr verändert, seit es die DDR nicht mehr gibt. Ich schreibe immer nur über die Dinge, die mich am meisten interessieren. Ich sitze vor dem weißen Blatt Papier und denke: Und was will ich jetzt wissen? Eigentlich fängt alles, was ich schreibe, mit irgendeiner Frage an. Das war am Anfang eben Flugasche, es war ja nicht nur die Umwelt, das war ja eher Zufall. Mich interessierte meine Position als Journalistin oder was passiert, wenn ich die Wahrheit schreiben will, was passiert dann? Und was passiert einem Menschen in diesem System, der sich damit durchsetzen will? Und das habe ich geschrieben, und weil ich über die Stadt Bitterfeld gut Bescheid wusste, habe ich die zerstörerischen Arbeitsbedingungen und den industriellen Dreck in dieser Stadt zum Thema gemacht. Das war mein Glück, denn das hat dem Buch zu einigem Erfolg verholfen. Darum wurde es immer als Umweltbuch gehandelt, was es in meinen Augen gar nicht war.

Sie haben nun bereits mehrfach über die frühere DDR und Ihr Leben dort gesprochen. Wie haben Sie 1989 den Mauerfall erlebt und wie betrachten Sie diese Ereignisse von damals heute, 25 Jahre später?

Erlebt habe ich es in Hamburg auf dem Sofa. Ich war ja schon weg und lebte schon anderthalb Jahre in Hamburg. Ich war allerdings zu der großen Demonstration am 4. November und auch vorher, ich konnte ja hin und her. Also ich war auch in Berlin, aber in dieser Nacht, als die Mauer aufging, war ich in Hamburg. Das war natürlich alles furchtbar aufregend, es riefen Leute aus New York und sonstwoher an und fragten ob es stimmt und überhaupt saß man die ganze Nacht vor dem Fernseher und konnte nicht fassen, was man sah. Seit dem Herbst 1989 glaube ich an Wunder.