Schreiben lernen in Deutschland Druckschrift vs. Schreibschrift

Schreibschriften, von oben nach unten: die Lateinische Ausgangsschrift, Vereinfachte Ausgangsschrift und Schulausgangsschrift waren bisher die drei möglichen Schreibschrift-Varianten, die an deutschen Grundschulen nach der Druckschrift gelernt wurden. Der Grundschulverband schlägt nun stattdessen eine erweiterte Grundschrift vor (letztes Beispiel)
Schreibschriften, von oben nach unten: die Lateinische Ausgangsschrift, Vereinfachte Ausgangsschrift und Schulausgangsschrift waren bisher die drei möglichen Schreibschrift-Varianten, die an deutschen Grundschulen nach der Druckschrift gelernt wurden. Der Grundschulverband schlägt nun stattdessen eine erweiterte Grundschrift vor (letztes Beispiel) | Illustration: Anna Burck

Im Deutschen unterscheidet man zwischen zwei Schriftarten: Druckschrift und Schreibschrift. Die Kinder lernen beide nacheinander in der Schule. Eine neue Schrift könnte das ändern.

  Die ersten Schritte im Schreiben bewältigen deutsche Kinder in der Schule in Druckschrift, in der jeder Buchstabe einzeln steht, und lernen somit Buchstaben, die sie in ihren Büchern sehen und auch von Tastaturen jeglicher Art kennen. In der zweiten Klasse kommt noch eine Schreibschrift hinzu. Dann müssen sie alle Buchstaben, von denen einige anders als in Druckschrift aussehen, miteinander verbinden und ein Wort im Ganzen schreiben, ohne den Stift vom Papier zu heben.

Schreiben lernen in Deutschland

Es gibt drei verschiedene Schreibschriften, die in deutschen Grundschulen unterrichtet werden können: die Lateinische Ausgangsschrift, die Vereinfachte Ausgangsschrift und die Schulausgangsschrift. Welche Schrift die Kinder lernen, ist von Schule zu Schule verschieden, da jedes Bundesland selbst über Fragen der Bildung bestimmt. Allgemein vorgeschrieben ist nur, dass die Schüler nach der Grundschule eine gut lesbare Handschrift flüssig und schnell schreiben können sollen. Wie dieses Ziel erreicht wird, bleibt den Bundesländern überlassen. Einige Kultusministerien der Länder geben genau vor, welche Schrift im ganzen Bundesland unterrichtet wird, andere lassen die Schulen selbst entscheiden.

Eine neue Schrift

Aber warum müssen Kinder nach der Druckschrift überhaupt zusätzlich Schreibschrift lernen? Eine Schrift, die sie nur in der Schule sehen, aber nirgendwo in ihrer Umgebung. Das fragten sich die Mitglieder des Grundschulverbandes, einer Interessenvertretung von Lehrern, Wissenschaftlern und Pädagogen. Um den Schreiblernprozess zu vereinfachen, entwarfen sie eine neue Schrift: die Grundschrift. Sie ist an die Druckschrift angelehnt, doch viele Buchstaben besitzen wie in Schreibschrift Häkchen, so dass die Kinder sie mit anderen Buchstaben verbinden können – es aber nicht müssen. Welche Buchstabengruppen sie verbinden möchten, sollen sie beim Schreiben selbst herausfinden. Viele Grundschulen vor allem in Hamburg, Thüringen, Hessen und Nordrhein-Westfahlen unterrichten die Grundschrift bereits.

Die Deutschstunden besser nutzen

Eine dieser Schulen ist die Regenbogenschule in Moers. Auf Schreibschrift wird hier verzichtet. Den Kindern ein Jahr lang Druckschrift beizubringen und dann auf Schreibschrift umzusteigen, fand Schulleiter Ulrich Hecker immer abwegig. „Das führt zu einem Bruch in der Schreibentwicklung“, sagt Hecker, der auch stellvertretender Vorsitzender des Grundschulverbandes ist. Er verwende die Unterrichtszeit lieber für andere Dinge. Bei vier bis sechs Deutschstunden pro Woche blieb früher sowieso kaum Zeit zum Vertiefen der neu erlernten Schreibschrift. „Das führte bei vielen Kindern zu Verwirrung und einem schlechten Schriftbild.“ Auch viele andere Lehrer bemängeln schon lange, dass die Handschriften vieler Schüler in den oberen Klassen nicht zu entziffern seien. Auch dieses Problem könne die Grundschrift lösen, meinen sie, denn die aus der Grundschrift entwickelte Handschrift sei besser lesbar.

Die schöne, geschwungene Schrift

Die Gegner der Grundschrift setzen dem gern ästhetische Argumente von einem geschwungenen, schönen Schriftbild entgegen und sprechen von einer Kulturtechnik, die mit der Schreibschrift verlorenginge. Außerdem solle den Kindern nicht auch noch das Schreiben erleichtert werden, schließlich mussten Generationen vor ihnen sich auch im Schönschreiben üben. Ihr Hauptargument für die Schreibschrift und gegen die Grundschrift ist aber, dass die Gedanken nur beim flüssigen, ununterbrochenen Schreiben wirklich fließen können.

Marginale Unterschiede

„Das ist wissenschaftlich überhaupt nicht belegt“, sagt Guido Nottbusch, Professor für Grundschulpädagogik Deutsch an der Universität Potsdam. Er beschäftigt sich seit 15 Jahren damit, wie Kinder schreiben lernen, und zählt Studien aus den USA, der Schweiz oder Kanada auf, in denen Druck- und Schreibschrift verglichen wurden. „In der Regel schrieben die Kinder in den Schriften, die nahe an der Druckschrift sind, ein wenig leserlicher und schneller“, sagt er. „Doch die Unterschiede sind so marginal, dass es sich kaum lohnt, darüber zu streiten.“ Ob Druck- oder Schreibschrift, das sei völlig egal, meint er, wichtig sei lediglich, dass die Kinder bei einer Schrift blieben. Denn: „Diejenigen Kinder in den Studien, die zuerst Druck- und dann Schreibschrift gelernt haben, machen durch das zweimaligen Erlernen einer Schrift mehr orthographische Fehler“, sagt er.

Druck rausnehmen

Und auch er sieht gute Argumente für die Grundschrift. „Im Gegensatz zur Schreibschrift sehen die Buchstaben so aus wie die in den Büchern“, sagt er. Das helfe den Kindern. Außerdem stimmt er der Auffassung nicht zu, dass der Stift immer auf dem Papier bleiben und ein Wort in einem Zug geschrieben werden muss. „Der Druck auf dem Papier wird am Ende eines Wortes immer größer“, sagt er. „Physiologisch ist es besser, kurz abzuheben und die Muskeln zu entspannen.“ Das täten Erwachsene ja auch. „Sie verbinden bestimmte Buchstabenkombinationen wie e-l, finden es aber ökonomischer, den Stift bei anderen wie zum Beispiel s-k abzuheben“, sagt er. Genau so, wie es die Grundschrift ermöglicht.

Noch keine Reform in Sicht

Die Festlegung auf die Grundschrift als einzige verbindliche Schrift bundesweit lehnen die Kultusministerien der Länder aber ab. Die meisten Bundesländer lassen den Schulen die Wahl: Es steht den Schulleitern frei, ob sie allein die unverbundene Schrift unterrichten und somit auf die Schreibschrift komplett verzichten. Viele Lehrer befürworten zwar die Grundschrift, doch eine Tendenz zu ihrer massiven Einführung zeichnet sich noch nicht ab. Die Meinungen gehen weiterhin auseinander. Über eines sind sich Befürworter und Kritiker aber einig: Auch im Zeitalter der Computer und Tablets ist es noch wichtig, dass Kinder mit der Hand schreiben. Denn nur so prägt sich das Geschriebene wirklich ein. Ob sie dafür nur die Grundschrift oder auch eine Schreibschrift lernen sollten, darüber wird auch weiterhin diskutiert werden.