Porträt Wang Xinpeng (王新鹏)

Xin Peng Wang
Xin Peng Wang | Foto: © Maria-Helena Buckley

Wang Xinpeng (王新鹏) ist seit 2003 Ballettdirektor am Theater Dortmund. Er wurde in Dalian (大连) geboren und erhielt seine tänzerische Ausbildung an der dortigen Kunsthochschule, der sich ein Choreographiestudium an der Peking Dance Academy und ein Zusatzstudium für Modernen Tanz an der Essener Folkwang Hochschule anschlossen.

Als Tänzer war Wang Xinpeng als Solist in der Peking Central Dance Company und am Aalto Ballett Theater Essen engagiert, für das er auch zahlreiche Choreographien schuf. Seit 1996 ist er weltweit als freier Choreograph tätig, u.a. für das Hong Kong Ballet, das National Ballet of China Beijing, das Contemporary Dance Festival in New York, das Ballett der Semperoper Dresden, Het Nationale Ballet Amsterdam und das Royal Ballet van Vlaanderen Antwerpen. 2000 arbeitete er mit dem bekannten Regisseur Zhang Yimou zusammen. Von 2001 bis 2003 war Wang Ballettdirektor am südthüringischen Staatstheater in Meiningen.

Was hat Sie dazu bewogen, eine tänzerische Ausbildung zu machen und Choreograf zu werden?

Eigentlich hatte ich als Kind eine Kung-Fu-Ausbildung begonnen und wurde dann von einem Lehrer an die Ballettschule nach Peking geholt. In der Zeit der Kulturrevolution war das ein großes Glück: Ich bekam eine wattierte Jacke und drei Mal täglich warmes Essen.

Meine Tanzausbildung hat sich im Grunde also aus einem glücklichen Zufall ergeben. Ich war einfach ein bewegungsfreudiges Kind. Bewegung war damals und ist noch heute für mich sehr wichtig, ein körperliches Ventil. Bewegung hilft mir beim Denken.

Die Schönheit des Tanzes, die Faszination des Balletts brachte mir erstmals ein Film nahe, den ich als Kind gesehen habe. Es war ein Propagandafilm über Lenin, und darin war ein Zusammenschnitt aus Schwanensee zu sehen. Da hat es mich gepackt.

Der Lehrer lud mich also ein, die Aufnahmeprüfung an der Ballettschule zu machen. Als ich die Prüfung bestanden hatte, war ich neugierig auf diese neue Welt. Später während meiner Tänzerkarriere hatte ich den Wunsch, auch selbst kreativ Neues zu schöpfen. Ich wollte meine eigenen Bilder auf die Bühne bringen. So habe ich mich für das Studium der Choreografie entschieden.

Das Kulturleben Chinas war durch die ideologische Nähe stark russisch geprägt. Die großartigen Choreografien von Marius Petipa und somit die klassische Linie des Balletts waren der Standard. Es entwickelte sich auch eine eigenen chinesische Choreografen-Szene, die einerseits die klassische Tradition fortführte, andererseits auch eigene Bewegungssprachen kreierten, sofern dies unter unter staatlicher Aufsicht möglich war. Natürlich wussten wir, welche neuen Trends sich in Europa und Amerika entwickelten. Unser Lehrer zeigte uns zum Beispiel Pina Bauschs Sacre du Printemps auf Video. Und wir versuchten, zu verstehen. Mich inspiriert Musik. Ich höre sie, und mir kommen Bilder. Meine allererste Choreografie gestaltete ich zur Musik eines Kollegen von mir, Zheng Bin. Er zählt heute zu den ganz wichtigen Komponisten Chinas.

Was kann der Tanz, was andere Künste nicht können?

Bewegungssprache, und damit Tanz, ist die älteste und ursprünglichste Ausdrucksweise. Er berührt unmittelbar auf einer emotionalen Ebene und kann Gefühle ausdrücken, die man in Worten nicht beschreiben kann. Tanz ist also eine sehr körperliche und authentische Kunstform. Der Körper des Tänzers ist sein Instrument. Er kann sich nicht hinter seiner Kunst verstecken, das ist sehr besonders.

Was verbinden Sie mit Deutschland?

Im Allgemeinen klare Absprachen, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Im Besonderen schätze ich die weltweit einmalige Theater- und Kulturlandschaft und die große Freiheit der Kunst, den innovativen Nährboden, den ich für meine Arbeit vorfinde. Die deutsche Ballettszene ist sehr gut aufgestellt und verfügt über eine kreative Vielfalt. So ist die Tanzlandschaft in ständiger Bewegung, und Veränderung tut dem Tanz gut.

Grundsätzlich lernt man über jedes Volk nur etwas, wenn man mit ihm lebt. Alles andere ist Klischee und Vorurteil. An Deutschland fasziniert mich, welchen hohen Stellenwert nach wie vor Kunst und Kultur haben. Das kenne ich von nirgendwo sonst. Wird die künstlerische Freiheit beschnitten, gibt es einen Aufschrei in den Medien. Freiheit überhaupt ist hierzulande sehr wichtig. Freiheit und die damit verbundene Verantwortung jedes einzelnen, diese Freiheit zu schützen und zu wahren.