Porträt Drei Fragen an Uli Gaulke

Uli Gaulke
Uli Gaulke | Foto: © Flying Moon Filmproduktion

Der Regisseur Uli Gaulke (1968) studierte in Berlin von 1989 bis 1995 Informatik, Film- und Theaterwissenschaft an der TU Berlin und der Freien Universität. Nebenher arbeitete er als Filmvorführer in verschiedenen Berliner Kinos. Zusammen mit Freunden gründete er 1994 am Alexanderplatz das Programmkino Balasz. Ein Jahr darauf begann er ein Studium der Filmregie an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam Babelsberg. Mit seinem Abschlussfilm Havanna Mi Amor gewann er 2001 den Deutschen Filmpreis in Gold für den Besten Dokumentarfilm. Seitdem arbeitet er als Regisseur, Autor und Kameramann für Kino und Fernsehen. Dreharbeiten führten ihn nach Nordkorea, Indien, Burkina Faso (Comrades In Dreams, 2006), Kuba (Havanna Mi Amor, 2001) und Russland (Pink Taxi, 2009). Sein neuster Film, As Time Goes By In Shanghai, porträtiert die älteste Jazzband der Welt.

Herr Gaulke, wie kamen Sie zum Film?

Anfang der neunziger Jahre arbeitete ich neben dem Studium als Filmvorführer und dabei bekam ich Lust, selbst einen Film zu machen. Es wurde ein Kurzfilm. In sechs Minuten erzähle ich von einem Ehepaar, das mitten im Winter über eine Landstraße fährt und sich tierisch streitet. Plötzlich liegt auf der Straße ein russischer Soldat, der gerade noch am Leben ist. Wenig später fährt die Frau mit dem Soldaten im Auto weiter und stattdessen bleibt der Ehemann in der Soldatenuniform zurück. Mit diesem Film habe ich dann die Jury in der Filmhochschule überzeugt.

Wie war es, in China zu drehen?

Wir waren als kleines Team unterwegs und konnten uns größtenteils frei bewegen mit der Kamera. Die Musiker von der Peace Old Jazz Band allerdings hatten eine sehr eigene Vorstellung davon, wie so ein Dreh abläuft. Am Anfang dachten sie, sie setzen sich mit uns hin, es wird ein Licht eingeschaltet und sie erzählen ein Stündchen lang ihr Leben in einem Rutsch und das war's dann. Das war ihre Vorstellung von Film. Sie wollten nicht, dass wir länger mit ihnen herumhängen. Ihr Tagesablauf war immer der gleiche. Frühsport, Zeitung lesen, Mittagsschlaf, dann zwei Stunden zum Peace Hotel fahren, drei Stunden Musik machen und wieder zwei Stunden nach Hause fahren. Ein Drehteam passte da also zunächst nicht rein. Das sind alte Leute, die haben nicht mehr lange zu leben, die wollen Musik machen. Sie mussten sich erst umstellen und akzeptieren, dass wir einige Wochen mit ihnen zusammen sein wollten. Das Vertrauen kam eigentlich erst zustande, nachdem wir sie zu ihrem Auftritt in Holland begleitet haben. Danach sind wir noch einmal nach Shanghai geflogen und da haben sie sich dann geöffnet. Beim Essen konnte man diverse Probleme lösen. Und nicht zu vergessen: die junge Sängerin Jasmine Chen. Mit ihr schmolz das Eis noch mal richtig.

Welches Bild von China möchten Sie zeigen? Der Film wirkt wie ein Gegenentwurf zu vielen deutschen Medienberichten, die Smog und Verkehrskollaps zeigen und Angst machen vor Chinas Wachstum.

Kommunismus und ökonomische Explosion, dieses Spannungsfeld interessiert mich schon lange. Mittendrin diese alten Männer, die sich einfach nicht, wie der Rest von Shanghai, von Bulldozern wegpusten lassen. Für den Film haben wir daher das Shanghai von heute entschleunigt und um Mitternacht oder vier in der Früh Stadtbilder gedreht, um die Alten und die Stadt in Einklang zu bringen. Diese Musiker sind lebendige Zeitgeschichte! Ich wollte, dass man mal in diese Gesichter schaut und sie ein bisschen verstehen lernt. Und ich wollte die Vergangenheit wieder aufleben lassen, eine Vergangenheit, die von großen Umwälzungen gekennzeichnet ist. Anfangs habe ich Shanghai verflucht, diesen Stress, diese Unbarmherzigkeit draußen auf der Straße. Die störrischen Alten im Peace Hotel haben mich bis zur Weißglut getrieben. Aber Stück für Stück kamen wir uns näher, Shanghai, die Musiker und alles Unbekannte um mich herum. Einem Journalisten bei der Pressekonferenz in Rotterdam erzählten sie nicht, dass sie als Jazzspieler während der Kulturrevolution Schwierigkeiten hatten. Da waren die Herren einfach Patrioten. Ich musste schmunzeln, als ich diese Szene filmte. Das ist eben der Unterschied zwischen einem Journalisten und einem Filmemacher. Wieso sollte der Journalist in fünf Minuten das bekommen, wofür ich zwei Jahre investiert habe. Ich glaube, das alles war ein Test. Wenn ich den bestehe, bekomme ich etwas zurück. Das spüre ich jetzt. Ich werde einen zweiten Film in China drehen, diesmal über eine junge Heavy-Metal-Band. Meine Tochter habe ich in Berlin auf eine Schule geschickt, wo sie Chinesisch lernt. Ich bin gespannt auf alles, was noch kommt.