Porträt Christian Y. Schmidt

Christian Y. Schmidt
Christian Y. Schmidt | Foto: Gong Yingxin (龚迎新)

Was wird das Drachenjahr 2012 bringen? Christian Y. Schmidt, freier Autor in Peking und Berlin, wird seinen Lesern für 2012 „alles ganz genau vorhersagen“. Der Senior Consultant der Berliner Zentralen Intelligenz Agentur arbeitet von China und Deutschland aus für Zeitungen und Magazine wie die taz, Geo special und die Süddeutsche Zeitung

Ein Interview mit Schriftsteller Eckhard Henscheid für das Legendäre Dreck-Magazin, gegründet 1979 in Bielefeld, führte zur langjährigen Redakteurstätigkeit beim Satire-Magazin Titanic. Der 1956 in Bielefeld geborene Schriftsteller arbeitete dort unter anderem an der Comic-Serie Genschman (erschienen 1990), die dem damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher zu seinem Spitznamen verhalf.

In den letzten Jahren setzte sich der Autor in seinen Kolumnen und Büchern vor allem mit seinem Leben in China auseinander. Verheiratet mit der aus Peking stammenden Übersetzerin und Leiterin des Deutschen Buchinformationszentrums Peking Gong Yingxin (龚迎新), erlangte er durch deren Übertragung seines Werks Allein unter 1,3 Milliarden (2008) ins Chinesische auch in seiner Wahlheimat Bekanntheit. Von „Shanghai bis Kathmandu“ reiste Christian Y. Schmidt, um, wie er es formulierte, „China und die Chinesen zu verstehen“. Reisen und der Umzug nach Ostasien haben die spitze Feder des Satire-Autors in ein nachdenklicheres, wenngleich weiterhin humorvolles Werkzeug verwandelt, wie seine Bücher Bliefe von dlüben (2010) und Im Jahr des Tigerochsen. Zwei chinesische Jahre (2011), eine Sammlung der taz-Kolumnen, zeigen. Seine Stimme gilt als eine der wenigen in Deutschland, welche die aktuelle deutschsprachige China-Berichterstattung einer kritischen Betrachtung unterziehen.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Gerade habe ich meine taz-Kolumne abgeliefert, in der es um den Smog in Peking geht.Die WHO hat im September 2011 eine Statistik zur Luftverschmutzung in den Großstädten dieser Welt veröffentlicht. Da schneidet Peking nicht so wahnsinnig schlecht ab. Die Luft in Peking ist also tatsächlich oft ziemlich ungesund, aber es geht auf jeden Fall noch schlimmer. Die Pekinger ärgern sich natürlich trotzdem über die schlechte Luft. Ich nicht. Der Smog riecht ja nach Kohle und das erinnert mich an meine Jugend, da roch es in ganz Deutschland im Winter genauso, weil ja früher auch dort nur mit Kohle geheizt wurde. Deshalb mein Vorschlag an die Pekinger Stadtregierung und die Umweltbehörden: Geht das Luftverschmutzungsding offensiver an. Ältere Menschen aus dem Westen erinnert der Smog an ihre Jugend und beschwört schöne Erinnerungen herauf. Macht Euch das zunutze! Verkauft Peking als den etwas anderen Luftkurort. So sollte in der Touristenwerbung die Stadt auf Deutsch nur noch Bad Peking heißen.

Als nächstes steht die erste Drachenjahr-Kolumne an. Das wird ein Ausblick auf 2012, in dem ich alles, was passieren wird, ganz genau voraussagen werde. Wie ich das mache, verrate ich aber noch nicht. Sonst könnte ja jeder damit kommen.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Ich schätze, das muss 1971 oder 1972 gewesen sein. Da habe ich im Bielefelder Karstadt ein großes Mao-Poster gekauft. Das hing dann über meinem Bett. Dass ich Mao und das politische China gut fand, das hatte verschiedene Gründe. Den Hauptgrund schildere ich ja auch in Allein unter 1,3 Milliarden. Ich hatte gelesen, dass während der Kulturrevolution die Lehrer geächtet wurden und die Schüler ihnen große Schandhüte aus Papier aufgesetzt haben. Das wollte ich mit meinen Lehrern auch machen.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Ich habe mich dann tatsächlich zu einem Maoisten entwickelt. Der entscheidende Auslöser war die Besetzung eines Jugendzentrums 1973 in Bielefeld, bei der ich mitgemacht habe. Da waren auch etliche Maoisten unter den Besetzern. Ich dachte, dass man irgendetwas Radikales machen müsste, um die Gesellschaft zu verändern, und die Maoisten schienen mir die Radikalsten zu sein. Außerdem hatten sie einen ganzen Staat hinter sich, in dem nicht nur alles total super sein sollte, sondern auch die meisten Leute wohnten. Das hat mich überzeugt.

Im September 1976 starb dann Mao. Da war es dann auch ganz schnell mit dem Maoismus bei mir vorbei; auch weil ich peu à peu erfuhr, dass im China Maos nicht wirklich alles total super war. Ich hatte dann eigentlich gar nichts mehr mit China zu tun, bis ich im August 2002 meine heutige Frau kennengelernt habe. Und die hat mich ruckzuck zunächst nach Singapur und dann nach Peking verschleppt. Da hatte mich China dann wieder. Oder ich China, wie man's nimmt.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Anfang 2010 ist Allein unter 1,3 Milliarden auf Chinesisch erschienen, das war schon die Erfüllung eines Traumes. Also wenn ich an den jungen sechzehnjährigen Maoisten zurückdenke, der hätte sich kaum träumen lassen, dass jemals ein Buch von ihm auf Chinesisch rauskommen würde. Und dass das Buch dann auch noch gut ankommt.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Wahrscheinlich, dass ich mehrmals in Hotels nicht übernachten durfte, weil ich Ausländer bin. Das ist mir sowohl in Ordos passiert, in der Inneren Mongolei, als auch in Dalian, in der Provinz Liaoning. Zum Leidwesen meiner Frau habe ich jedes Mal einen Riesenaufstand gemacht und in meinem schlechten Chinesisch protestiert, mit falschen Sätzen und Beleidigungen. Ich begreife aber bis heute nicht, dass es immer noch Hotels in China gibt, in denen Ausländer nicht absteigen dürfen.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Meine absolute Lieblingsspeise ist Cendol. Die gibt es aber in Peking praktisch nicht, weil Cendol zur Peranakan-Küche gehört, also der Küche der sogenannten „Straits Chinese“. Die leben hauptsächlich in Singapur, Indonesien und Malaysia, und sind ethnisch halbe Malayen - die Malayen kennen Cendol auch. Es ist eine Süßigkeit mit Kokosmilch, Gula Melaka – also Palmzucker – und Eis.

Wenn ich aber was Originalchinesisches wählen müsste, würde ich dieses fette Schweinefleisch nehmen, also wu hua rou bzw. hong shao rou. Das muss aber so gut zubereitet sein, dass es einem im Mund zwischen Gaumen und Zunge praktisch zerschmilzt.

7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?

Das ist eine Quatschfrage. Wenn man nach China kommt, glaubt man schnell, man wüsste, was typisch chinesisch ist. Aber später stellt man fest, dass es das letztendlich genauso wenig gibt wie „typisch Deutsches“. Alle Menschen sind ziemlich unterschiedliche Individuen. Wenn ich aber etwas sagen müsste, dann das: Von allem, was man über China und die Chinesen behaupten kann, ist auch das komplette Gegenteil richtig. Das ist, glaube ich, typisch chinesisch.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Der Segelwagen. Das ist ein Landgefährt, das mit Windkraft angetrieben wird. In China ist dieser Wagen so um 500 nach Christus erfunden worden. Damals hat man mit den Wagen Spitzengeschwindigkeiten von 50 bis 60 km/h erreicht. In Zeiten, wo es keine Verbrennungsmotoren, keine Motoren, keine dampfgetriebenen Fahrzeuge gab, war das sensationell. Als erklärter Autogegner bin ich dafür, sämtliche Privatautos mit Verbrennungsmotoren abzuschaffen. Auch Elektroautos kommen als Alternative nicht in Frage. Wer unbedingt noch individuell durch die Gegend düsen will, der muss sich einen Segelwagen besorgen. Wenn dann kein Wind geht, steht man eben da, wo einen der Wind hingetragen hat. Dann muss man sehen, wie man damit klarkommt. Oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln weiterfahren.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit Stanley Ho bzw. Ho Hung Sun, dem Glücksspielmogul von Macao, einem der reichsten Männer Chinas. Sein ganzes Geld bräuchte ich nicht unbedingt, aber ich hätte gerne ein Haus von ihm. Das steht auf Hong Kong Island in dem Fischerdorf Shek O, und zwar in der Shek O Headland Road. Ich habe dieses Haus 2008 fotografiert: ein zweistöckiger Bungalow, der die schöne Bucht von Shek O überblickt, mit einem kleinen Pool und einem hübschen Garten. Das Haus stand damals leer und war ziemlich verfallen. Durch googeln habe ich dann herausgefunden, dass es Stanley Ho gehört. Der hat offenbar so viel Geld, dass er das Haus völlig vergessen hat. Wenn ich also einen Tag Stanley Ho wäre, dann würde ich das Haus auf den Namen Christian Y. Schmidt überschreiben. So würde es mir auch nach dem Tauschtag gehören. Ich würde dann in das Haus ziehen und dort tagsüber schreiben, abends in der Bucht von Shek O schwimmen und später auf der Terrasse Cocktails schlürfen oder Opium rauchen.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Ich würde das Pekinger U-Bahn-System übertragen wollen. Man muss nur umgerechnet 25 Eurocent pro Fahrt zahlen und darf so lange fahren, wie man will. Und Zugang gibt’s per Smart Cards. Ansonsten würde ich versuchsweise mal die ganzen Banken verstaatlichen und die Schlüsselindustrien, um diese durch die Politik kontrollieren zu lassen. Wenn das nicht geht, dann eben erst mal nur das U-Bahn-System.