Waldorfschulen in China Das Waldorfschul-Fieber und die Suche nach Bildungsalternativen in China

Schüler der Waldorfschule Chengdu beim Jäten im Gemüsegarten
Schüler der Waldorfschule Chengdu beim Jäten im Gemüsegarten | Foto: © Waldorfschule Chengdu

Seit 2005 hat die Waldorf-Pädagogik in China von Chengdu ausgehend die Metropolen Peking, Shanghai und Kanton im Sturm erobert. Können die Waldorfschulen, die den wach gewordenen Eltern wie ein Retter in der Not erscheinen, eine historische Rolle in Chinas „Bildungs-Selbsthilfe“-Bewegung übernehmen?

Das explosive Wachstum der Waldorfschulen

Am 30.Oktober 2012 veranstaltete das „Canghaitian-Bündnis für gegenseitige Hilfe im Erziehungswesen“ am Fuß des Cang-Berges bei Dali mit wenig Aufwand einen Schuleröffnungs-Festakt. Die aus dem ganzen Land auf der Suche nach der „Neuen Bildung“ nach Dali gekommenen Eltern hatten mit vielerlei Mitteln, wie Spenden und Kreditaufnahme, gemeinsam diese Grundschule finanziert, die nicht den Namen Waldorf trägt. Der Hauptfach-Lehrer des Canghaitian-Bündnisses, Xu Gang, hatte die Fortbildung an der Waldorfschule Chengdu durchlaufen, und seine Schule verlangt von den Erziehungsberechtigten, dass sie den anthroposophischen Gedanken verstehen und sich mit ihm identifizieren. Die anwesenden Eltern musizierten gemeinsam mit den Kindern, führten Drachentänze auf, rezitierten Gedichte und hielten Reden, und danach begann Xu Gang mit der ersten Unterrichtsstunde. Auf diese erste Waldorf-Grundschule in Dali setzen die Eltern große Erwartungen. 

Seit der Gründung der ersten Waldorfschule in Chengdu 2004 haben die Waldorfschulen Chinas Metropolen wie Peking, Shanghai, Kanton, Zhuhai, Shenzhen und Zhengzhou im Sturm genommen, selbst Städte der zweiten Reihe sind dabei. Im Juli 2012 gab es landesweit bereits über 200 Waldorf-Kindergärten und mehr als 20 Waldorf-Grundschulen. Die Entwicklung in den letzten zwei Jahren war besonders vehement. Nach Wang Shoumao, Lehrer an der Chunzhigu-Schule in Peking, hat sich die Waldorf-Bewegung in China in sieben Jahren schneller entwickelt als in den USA in siebzig Jahren. Nana Göbel, Vorstandsvorsitzende der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland und Mitbegründerin der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V sagt: „Seit den 1980er Jahren entwickelt sich die Bewegung der Waldorf-Pädagogik weltweit rapide, jedoch nirgendwo so schnell wie in China.”

Seit der Gründung der weltweit ersten Waldorfschule in Stuttgart 1919 entstanden in über 50 Ländern in Amerika, Afrika, Europa und Asien mehr als 1200 Waldorfschulen, über 2000 Waldorf-Kindergärten und mehr als 60 Fortbildungseinrichtungen. Deutschlands Altkanzler Kohl, der ehemalige Aussenminister Genscher, die frühere bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier, der ehemalige Innenminister Schily, Italiens Ex-Ministerpräsident Berlusconi und Norwegens Ministerpräsident Stoltenberg – sie alle sind Waldorf-Alumni bzw. “Waldorf-Eltern”.

Auf der dritten Konferenz der Waldorflehrer im chinesischsprachigen Raum am 4. Mai 2012 in Xindu in der Provinz Sichuan richtete Li Zewu, Rektor der Waldorfschule Chengdu, an alle anwesenden Waldorf-Praktiker und die Teilnehmer aus der ganzen Welt drei Fragen: Wie kommt es zu dem Waldorf-Fieber in China? Wie hoch ist das Fieber bereits? Wo wird dieses Fieber uns hinführen?

Initialzündung für die „Bildungs-Selbsthilfe“

In China hat sich nach einer anfänglichen Durststrecke von mehreren Jahren die Waldorfschule Chengdu bereits zu einem zwei Hektar großen Campus entwickelt, der über einen Kindergarten mit 120 Kindern, fünf Gruppen gemischten Alters und zwei Eltern-Kinder-Gruppen verfügt, dazu über eine staatlich anerkannte, reguläre Grundschule mit über 100 Schülern und sieben Klassen für das 1. bis 8. Schuljahr. Schon ist es in China nicht mehr einfach, in eine Waldorfschule aufgenommen zu werden. Für die Kindergärten muss man sich Jahre im voraus anmelden, und für die Grundschulen ist oft selbst das nicht möglich, weil die Plätze schon durch Schüler aus den eigenen Kindergärten belegt sind. Das gilt nicht nur für die schon gut etablierte Waldorfschule Chengdu, auch viele erst zwei oder drei Jahre bestehende Kindergärten müssen schon Kinder abweisen.

Eine ebenso stürmische Entwicklung weist die Lehrerfortbildung an der Waldorfschule Chengdu auf. Landesweit gibt es heute fünf Zentren für die Fortbildung zum Waldorf-Vorschullehrer und vier Zentren für die Fortbildung zum Grundschullehrer, und die Fortbildung zum Lehrer für die Gymnasial-Oberstufe beginnt gerade. Jedes Zentrum kann etwa 120 Lehrkräfte fortbilden, und sie sind alle ausgebucht. In Waldorf-Kreisen kursiert der Spruch: „In der Waldorf-Welt muß man um alles kämpfen, beim Lernen muss man kämpfen, um die Fortbildung muss man kämpfen, und um Praktikumsplätze muss man kämpfen.“ „Im Kern steckt ein Bedarf hinter dieser Entwicklung,“ meint dazu Li Zewu, der Rektor der Waldorfschule Chengdu.

Dieser Bedarf wird von dem Vizevorsitzenden des Zentralkomitees der Chinesischen Gesellschaft für die Förderung der Demokratie und Vorkämpfer der Bewegung für Neue Bildung, Zhu Yongxin, als „Bildungs-Selbsthilfe“ umschrieben. Und so wie Dali schnell zu einem Mekka für die Exploration  „Neuer Bildung“ in China wurde, so wurde die Waldorf-Pädagogik für die bedrängten Eltern zu einem rettenden Strohhalm im Sinne der „Bildungs-Selbsthilfe“.

In der Nähe der Waldorfschule Chengdu ist sogar ein kleines Dorf entstanden, in dem die „studienbegleitenden“ Schülereltern ihren Wohnsitz genommen haben. Diese aus Städten kommenden Angestellten und Selbstständigen wachsen mit der Zeit in die Lebensweise des organischen Landbaus hinein, und die Waldorfschule Chengdu organisiert regelmäßig Bauernmärkte und propagiert den Anbau und Verkauf von organischen Lebensmitteln. Dieser Lifestyle strahlt über die Gründung von Waldorfschulen auch auf weit entfernte Metropolen wie Peking, Shanghai und Kanton aus.

Doch die rapide Entwicklung der Waldorfschulen in China hat auch Unterschiede bei ihrer Qualität mit sich gebracht.Genau wie bei Homeschooling, den konfuzianisch geprägten Sishu Schulen, und kirchlichenSchulen, so steht auch hinter der Waldorf-Begeisterung eine immense Nachfrage nach Bildung. Xia Lan, Dozentin am Umweltinstitut der Sichuan Universität, hat lange mit sich gerungen, bevor sie ihr Kind aus dem staatlichen Kindergarten nahm und bei einem Waldorf-Kindergarten anmeldete. Sie sagt: „Mit vier Jahren waren schon fast alle Kinder in Talentgruppen, wie für Kunst oder Englisch. 'Die Kinder dürfen nicht schon an der Startlinie zu Verlierern werden,' diese utilitaristische Bildungsauffassung hat die ganze Gesellschaft erfasst.“
  
Zhu Yongxin meint: „Unser Bildungssystem steht vor enormen Problemen.  Unsere Vorstellung von Bildung, Inhalte, Methoden, Evaluierung, alles hinkt inzwischen der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung hinterher. Insbesonders auf dem chinesischen Festland hat sich in der Mentalität zwischen prüfungsorientierter Bildung und der Entfaltung der Persönlichkeit eine tiefe Kluft aufgetan.“

Mit ihrem wachsenden Verständnis der Waldorf-Idee wuchs auch die Dankbarkeit Xia Lans gegenüber ihrem Kind: „Ich kann mit ihm zusammen erwachsen werden und anfangen, wirklich über das Leben nachzudenken. Was für ein Mensch bin ich, was sollte meine Haltung gegenüber dem Leben sein?“

Während die älteren Kinder in anderen Kindergärten mühselig die Zahlen 1, 2, 3 in ihre Übungshefte abschreiben, spielen die Waldorf-Kinder mit Sand und Knetmasse, oder stricken, helfen den Kindergärtnerinnen „im Haushalt“ oder kümmern sich um die kleineren Kinder. Xia Lan wird jetzt klar, „dass gute Erziehung keine reine Wissensvermittlung  ist, es geht auch nicht darum, die Kinder einfach bei der Schule abzugeben, sondern es muss mit einem Heranwachsen der Eltern das Heranwachsen der Kinder beeinflusst werden. Besser als 'Aus meinem Kind soll ein Drache werden!' ist 'Aus meinem Kind soll ein Mensch werden!'. Wenn man sein Kind zu seinem besten Selbst finden lassen will, dann müssen erst die Eltern zu ihrem besten Selbst finden.“