Private chinesische Kunstmuseen Gut gerüstet für die Zukunft?

Sanchuan Modern Art Museum, Nanjing
Sanchuan Modern Art Museum, Nanjing | Foto: Sanchuan Modern Art Museum

Der aktuelle „Kunstmuseumsboom“ in China hat jetzt auch Nanjing erfasst. Allein im Mai 2012 starteten in Nanjing das Sanchuan Modern Art Museum und das Yishan Art Museum mit feierlichen Eröffnungsausstellungen. Dabei ist beiden Häusern gemein, dass es sich um privat geführte Museen handelt, die sich im Spektrum der zeitgenössischen Kunst positioniert haben. Es ist wohl das erste Mal, dass in Nanjing so viel zeitgenössische Kunst auf Initiative von Privatmuseen ausgestellt wird, und viele reden schon ganz beeindruckt von einem „Zeitalter privater Kunstmuseen“.

Lässt man die Entwicklung privater Kunstmuseen in China Revue passieren, wird klar, dass deren Bauboom keine ganz neue Erscheinung ist. Nachdem bereits im Jahr 1991 in Peking das Yanhuang Art Museum als erstes privat geführtes und öffentlich bezuschusstes Kunstmuseum eröffnet hatte, war die Anfangssaat privater Kunstmuseen ausgebracht. 2002 kam es zur zweiten Bauwelle privater Kunstmuseen. Es entstanden neben dem Today Art Museum in Peking, dem Zendai Museum of Modern Art in Shanghai und dem Sifang Art Museum in Nanjing noch zehn weitere. Gleichzeitig erkundete man auch die Betriebsmodelle westlicher Kunstmuseen. Ab 2008 kamen mit dem Ullens Center for Contemporary Art und dem Iberia Center for Contemporary Art zwei durch ausländische Gelder finanzierte Institutionen nach China und entfalteten dort eine enorme Wirkung. Die neuen Modelle des Museumsbetriebs und die Impulse, die diese Stiftungen mit auf das chinesische Festland gebracht hatten, lösten eine weitere Eröffnungswelle aus. Nach und nach entstanden in dieser Phase das Rockbound Art Museum, das Si Shang Art Museum, das Minsheng Art Museum und das YI Shanghai Art Museum.

Führt man sich heute allerdings den Entwicklungsstand dieser Privatmuseen vor Augen, muss man feststellen, dass, abgesehen von einer Handvoll gut laufender und recht einflussreicher Museen wie dem Pekinger Today Art Museum oder dem Rockbound Art Museum in Shanghai, viele dieser Museen mittlerweile ganz oder teilweise geschlossen sind. Insbesondere das 1998 gegründete Dongyu Art Museum in Shenyang und die Upriver Gallery in Chengdu mussten schon in den ersten zwei Jahren nach ihrer Gründung Konkurs anmelden.

Dem Bau von immer neuen privaten Kunstmuseen steht also ein stetiger Niedergang bereits bestehender Häuser gegenüber. Der Spruch „Museen bauen ist nicht schwer, sie betreiben aber sehr“ ist in China bereits zum geflügelten Wort geworden. Woran liegt es, dass bei den privaten Kunstmuseen Boom und Pleite so nah beieinanderliegen?

Die Achillesferse privater Kunstmuseen

Im ersten Absatz des Geleitworts zur Eröffnung des Sanchuan Modern Art Museums in Nanjing ist Folgendes zu lesen: „Bis zum 31.12.2011 kamen bei Auktionen chinesische Kunstwerke im Wert von 93,4 Milliarden unter den Hammer. Dieser Umsatz schlägt alle Rekorde und liegt um 63% höher als die 57,3 Milliarden von 2010.“ Die Intervention des Kapitals ist angesichts des Hypes auf dem Kunstmarkt ganz ohne Frage die Hauptursache für die Entstehung privater Kunstmuseen. Was aber tun, wenn der „Goldrausch“ wieder abklingt? Das ist die entscheidende Frage, über die sich private Kunstmuseen derzeit den Kopf zerbrechen müssen.

Auch wenn Liu Jing (刘菁), Direktor des Sanchuan Modern Art Museums in Nanjing, nicht müde wird, zu betonen, dass es sich bei seinem Haus um eine bei der Zivilverwaltung registrierte, nicht-staatliche und nicht-kommerzielle Kunstinstitution handelt, dass die Investoren hohe künstlerische Ideale und soziales Verantwortungsgefühl hätten, und man außerdem über einen großen finanziellen Rückhalt verfüge, stehen doch alle privaten Kunstmuseen vor sehr ernsten und ganz realen Problemen: Finanzielle Sicherheit, Kontinuität der wissenschaftlichen Arbeit, professionelles Management.

Anfangs stützte sich der Bau privater Kunstmuseen in China überwiegend auf die Investitionen von Bauträgern aus der Immobilienbranche. Das lag einerseits daran, dass die Hobbys und Interessen der beteiligten Immobilienbosse tatsächlich im Bereich der Kunst lagen, andererseits aber setzten sie mit Hilfe der Kunstmuseen auf „die kulturelle Karte“, ganz nach dem altbekannten Motto „die Kultur bereitet die Bühne, die Wirtschaft inszeniert die Show“. Im Kern geht es dabei um ein verschleiertes Werbe- und Marketingmodell und letztlich doch nur um die Abwägung entsprechender Eigeninteressen. Sprechen wir einmal nicht von der Gemeinnützigkeit von Kunstmuseen, so ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich dieses Modell als auslösendes und austestendes Moment um die frühe Entwicklungsphase privater Kunstmuseen in China verdient gemacht hat. Anderseits aber stößt das Modell auch an seine lokal bedingten Grenzen. In Peking lässt sich mit Privatmuseen vielleicht ein guter Effekt erzielen, doch in anderen Regionen lässt ihreWirkung stark zu wünschen übrig. Darüber hinaus hat die Vergangenheit bereits gezeigt, dass es sich hier um kein Erfolgsmodell handelt. Obwohl das Today Art Museum dem Pekinger Wohnbezirk Jindian Huayuan den Ruf als „kulturträchtigster Wohnbezirk Pekings“ eingebracht hat und den Absatz bei diesem Bauprojekt beflügelt hat, waren anschließend die jährlichen Fixkosten in Millionenhöhe für die Investoren kaum mehr zu schultern.

Den Kunstmuseen, die einem Unternehmen untergeordnet sind, sind nicht nur hinsichtlich Organisationsstruktur und Kapitaleinsatz die Hände gebunden, sie bringen auch das gemeinnützige Image und den Non-Proftit-Charakter der Museen stark in Verruf. Viele der privaten Kunstmuseen tragen als Teil des Mutterkonzerns sogar dessen Namen. Wenn man solchen Privatmuseen Geld spendet, dann könnte man gleich dem Mutterkonzern Geld zustecken. Wer möchte schon Geld für solche Privatmuseen locker machen? So gestaltet sich der Kapitalfluss bei den betriebseigenen Kunstmuseen als Einbahnstraße, Museumskosten und Unternehmensgewinne sind auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden. Wenn die privaten Kunstmuseen sich also wirklich langfristig orientieren wollen, müssen sie sich an die Vorgaben halten, die für Kunstmuseen gelten. Vor allem müssen sich die betriebseigenen Museen in nichtkommerzielle, gemeinnützige Kunstmuseen verwandeln. Denn nur wenn sie sich ganz derGesellschaft öffnen, bekommen sie von der Gesellschaft auch etwas zurück.

Viel schwerer als die finanziellen Defizite chinesischer Privatmuseen wiegen allerdings deren akademische Mankos. Da gegenwärtig viele der Privatmuseen in erster Linie zu Einrichtungen geworden sind, die Kunst im Auftrag der Unternehmen sammeln, sind auch die Ausstellungen eng mit der Sammlung verknüpft. Bei dieser Sammlertätigkeit geht es jedoch keineswegs um eine geordnete Dokumentation, sondern eher um das Kalkül der Wertsteigerung. Wo es an langfristiger wissenschaftlicher Planung fehlt und keine wissenschaftlich fundierte theoretische Positionierung stattfindet, kann von akademischer Forschung erst gar nicht die Rede sein.

Zudem ist die schlechte Vernetzung und Kommunikation der Kunstmuseen untereinander eine der Schwachstellen bei der Entwicklung der Privatmuseen im heutigen China. Vor dem Hintergrund einer Inflation an Ausstellungen, würde es sich positiv auf die Verringerung der Betriebskosten und die Erhöhung des akademischen Gewichts auswirken, wenn sich die Sammlungen zusammentun und ihre Ausstellungsressourcen bündeln würden. Solange allerdings jeder der „König im Revier“ sein will und sich als Einzelkämpfer durchschlägt, werden die Privatmuseen in dieser Pionierphase nur noch mehr Problemen begegnen.

Auf der Suche nach einem Entwicklungsmodell für chinesische Privatmuseen 

Nachdem die Privatmuseen in China mehrere Baubooms erlebt haben, kommen sie allmählich zur Vernunft. Langsam entwickeln sie sich weg von ihrem früheren „Universalanspruch“ hin zu kleineren und spezialisierteren Formaten. Beispielsweise konzentriert sich das 2008 gegründete Minsheng Art Museum darauf, die zeitgenössische chinesische Kunst zu sichten, und hat auf seine die Kunstgeschichte nachzeichnenden Ausstellungsformate ein positives Echo bekommen; das 2011 in Peking gegründete Si Shang Art Museum dokumentierte unter dem Titel „Start from the Horizon“ chinesische Skulptur- und Installationskunst seit der Reform- und Öffnungspolitik und erregte in Akademikerkreisen beachtliche Resonanz. Die Methoden, Ausstellungen durch Publikationen zu ergänzen und mit der ein Stück Kunstgeschichte zu schreiben, stellen hinsichtlich der akademischen Aufbauarbeit einen neuen Ansatz der privaten Kunstmuseen dar.

Da das Ullens Center for Contemporary Art und das Rockbound Art Museum in Shanghai räumlich eingeschränkt sind, finden hier jährlich nur wenige Ausstellungen statt. Doch ihr innovativer Ansatz sowie die Kombination von einzigartiger Ausstellungskomposition mit offenen akademischen Denkansätzen verschaffen dem Publikum ein völlig neues Ausstellungserlebnis. Die didaktischen Veranstaltungen für die Öffentlichkeit, die wissenschaftlichen Vorträge, die Projektion von Independent-Filmen und die künstlerischen Interaktionen, die zeitgleich mit den Ausstellungen stattfinden, gehen weit über die Frequenz der Ausstellungen hinaus. Diese Events wirken nicht nur als Publikumsmagnet, sie verschaffen dem Kunstmuseum Popularität, lassen es zu einem Treffpunkt für Kunstinteressierte und besonders für junge Künstler werden und steigern den kulturellen Mehrwert der Kunstmuseen erheblich. Wer über Popularität und Einfluss verfügt, kann leichter Spenden aus der Bevölkerung anwerben und steigert die Einnahmen durch originelle Souvenirs aus dem Museumsshop, durch Tickets und durch Kunstbücher. Und damit kommt schließlich auch der Museumsbetrieb immer mehr in Schwung.