Porträt Mayke Wagner

Mayke Wagner
Mayke Wagner | Foto: Tokita

Mayke Wagner studierte von 1982 bis 1988 Sinologie und Orientalische Archäologie an der Humboldt-Universität Berlin, der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Shandong-Universität in Jinan. 1993 folgte die Promotion zum Thema neolithische Keramik Chinas, 2002 die Habilitation für das Fach Chinesische Archäologie der Universität Würzburg

 
Mayke Wagner ist seit 2000 Wissenschaftliche Direktorin der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin und leitet gleichzeitig die 2009 gegründete Außenstelle Peking. Seit April 2010 ist Mayke Wagner auch Honorarprofessorin im Fach Ostasiatische Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin.

In ihren Forschungen hat sie sich unter anderem mit traditionellen Bauweisen der Salaren, Wehrdörfern der Qiang in West-Sichuan, mit der frühen Besiedlung des Qaidam-Beckens, der frühen Metallurgie in Xinjiang und mit dem Handelsnetzwerk der Sogder befasst. Aktuell arbeitet sie an einem 3000 Jahre alten proto-skythischen Gräberfeld in Liushui im Kunlun-Gebirge in Xinjiang.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Ich bin jetzt für einen Monat in Peking, um mit den chinesischen Kollegen die nächsten Forschungsvorhaben für die Sommermonate 2012 zu planen. Das gehört zu den üblichen alljährlichen Aufgaben im Februar und März, wenn man wegen der Kälte nicht im Feld steht.

Aktuell beschäftige ich mich dabei mit der Entstehung von Nomadismus, also mobiler Lebensweise, in Westchina. Das ist ein Dauerprojekt, an dem wir vom Deutschen Archäologischen Institut schon seit 10 Jahren mit chinesischen Kollegen arbeiten. Da gibt es eine Reihe neuer Fundplätze, die die chinesischen Kollegen an verschiedenen Orten in Xinjiang ausgraben. An den Grabungen nehmen wir vom Institut als Beobachter teil, die Funde analysieren wir gemeinsam.

Außerdem werden in dieser Zeit die Ergebnisse des vergangenen Jahres ausgewertet und Publikationen für internationale wissenschaftliche Fachzeitschriften angefertigt. Wir haben gerade einen Aufsatz bei Quaternary International eingereicht, in dem es um die Besiedlungsaktivitäten des Menschen in Zusammenhang mit der Klimaentwicklung zur selben Zeit geht. Die Frage, die uns dabei beschäftigt, ist immer: In welcher Weise bedingen sich die Vorgänge gegenseitig, wie reagiert der Mensch auf Klimaveränderungen, löst er sie aus, ist er schuld und wenn ja, seit wann. Das wird ja auch aktuell heiß diskutiert.

Eine weitere wichtige Aufgabe ist es, die Ergebnisse der chinesischen Archäologie, die eine sehr aktive Wissenschaft ist, international zugänglich zu machen, also wichtige Informationen aus chinesischen Veröffentlichungen für die internationale Wissenschaft, aber auch für das breite Publikum, zu extrahieren und zu übersetzen,. Außerdem arbeiten wir an einer Digitalisierung aller archäologischen Fundstätten in China, zusammen mit unserem Partner, der Chinesischen Akademie für Kulturerbe.

Im Moment bereiten wir auch eine Website vor, die in Deutsch und Englisch die vielen neuentstandenen Museen zur Lokalgeschichte in den chinesischen Provinzen, aktuelle Entdeckungen, neue Bücher und Filme zur Archäologie vorstellt.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Nach der Schule habe ich mich für das Studium der Orientalischen Archäologie beworben. Da meine Ausbilder aber Fachleute für chinesische Archäologie brauchten, wurde das Studium umgewandelt. Ich habe also 1982 erst zwei Jahre die chinesische Sprache studiert und dann noch drei Jahre Archäologie. 1986 war ich das erste Mal in China, zum Studium. Hier habe ich dann an der Shandong-Universität in Jinan insgesamt drei Jahre chinesische Archäologie studiert.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Dadurch, dass ich die Möglichkeit hatte, mich vom Beginn des Studiums an mit chinesischer Archäologie zu befassen und das nach dem Studium auch fortzuführen – was ja auch nicht selbstverständlich ist – hat China mein Leben bis zum heutigen Tage geprägt. So gab es immer wieder lange Phasen, in denen ich in China gelebt habe, drei Jahre zum Studium in Jinan und später regelmäßig längere Aufenthalte von über einem halben Jahr in verschiedenen Projekten. Durch die Arbeit im Gelände konnte ich viele Landesteile Chinas kennenlernen und habe großen Respekt vor den Bemühungen meiner Kollegen um den Erhalt der Kulturdenkmäler in ihrem Verantwortungsbereich.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Da gibt es eine ganze Reihe und natürlich viele lustige. Ein Erlebnis erscheint mir besonders bezeichnend dafür, wie man in China mit Beharrlichkeit oder auch Enthusiasmus viel bewerkstelligen kann: 1991 hatten wir bei einer Exkursion mit 40 Geowissenschaftlern in Lanzhou überraschend etwas Zeit, und alle wollten mit mir das Provinzmuseum besuchen. Da es nicht genug Taxen gab, schlug mir ein Taxifahrer vor, ich solle doch nach nebenan zum städtischen Busdepot gehen und einen Bus mieten. 15 Minuten später hatte ich einen Bus der Linie 1 inklusiver dreier Ticketverkäuferinnen, der uns zum Museum fuhr, dort auf uns wartete und uns dann wieder zum Depot zurückbrachte. Alle hatten einen Riesenspaß.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Wirklich schrecklich war der Moment, als wir auf Kamelen am Abend eines besonders heißen und mühseligen Tages endlich den hohen Dünenkamm erreichten, von dem aus wir ein Wasserloch sehen sollten. Was unter uns lag, war aber nur noch eine weiße Salzkruste. Wir waren seit zwei Wochen mit der Expedition unterwegs, immer noch mitten in der Badain Jaran-Wüste, und unser Wasservorrat war aufgebraucht. Am nächsten Morgen sind wir weitergeritten und fanden zum Glück gegen Mittag Wasser.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Handgeschöpfter Tofu vom Land, der viel intensiver nach Bohne schmeckt, als der, den man im Supermarkt bekommt.

7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?

Neugier.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Die enorme Fähigkeit, fremde, nicht-chinesische Kulturen aufzunehmen und zu assimilieren. Das sehen wir ja auch in den frühen Phasen der chinesischen Geschichte, die zu unserem Arbeitsbereich gehören.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit einem Keramikrestaurator. Im gebrannten Ton haben sich oft Fingerabdrücke der Töpfer erhalten; diese zu entdecken, ist eine der ganz unmittelbarsten Erfahrungen, die man als Archäologe machen kann. Man findet sonst wenig Individualität bei chinesischen Funden.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Den Mittagsschlaf. Als „power-nap“ wird der neuerdings aber auch im Westen gepriesen.