Porträt Stephan Thome

Stephan Thome
Stephan Thome | Foto: Jürgen Bauer

Stephan Thome, geboren 1972 im hessischen Biedenkopf an der Lahn, studierte Philosophie, Religionswissenschaft und Sinologie an der Freien Universität Berlin. Während dieser Zeit reiste er zu Studienzwecken in die Volksrepublik China, nach Taiwan und Japan. 2004 schloss er sein Studium mit der Dissertation Interkulturelle Hermeneutik und die Herausforderung des Fremden ab.
 

Von 2005 bis Mitte 2011 lebte Stephan Thome in Taipei und war dort unter anderem als DFG-Stipendiat am Institute of Chinese Literature and Philosophy der Academia Sinica tätig. Neben seinen Forschungen zur konfuzianischen Philosophie des 20. Jahrhunderts gab er eine Auswahl mit von ihm ins Deutsche übersetzten Arbeiten von Chun-chieh Huang (黄俊杰) heraus: Konfuzianismus: Kontinuität und Entwicklung. Studien zur chinesischen Geistesgeschichte (Bielefeld, 2009).

Im Jahre 2009 wurde Stephan Thome mit seinem ersten belletristischen Werk Grenzgang bekannt, einem in dem fiktiven Ort Bergenstadt in Thomes hessischer Heimat angesiedelten Provinzroman, der seine beiden Protagonisten beim alle sieben Jahre stattfindenden Volksfest, dem sogenannten „Grenzgang“, nach vielen Jahren erneut aufeinandertreffen lässt. Der Roman gelangte auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2009. Im gleichen Jahr wurde dem Autor der aspekte-Literaturpreis verliehen.

Im Herbst 2012 wird sein zweiter Roman Fliehkräfte erscheinen. Einen Auszug daraus stellte Thome für den Übersetzerwettbewerb „Kreuzworträtsel“, den die Abteilung Kultur und Bildung des Deutschen Generalkonsulats in Shanghai veranstaltet, zur Verfügung. Bei der Preisverleihung am 25. Mai 2012 in Shanghai wird Stephan Thome anwesend sein und mit der chinesischen Autorin Chi Zijian (迟子建) zu einer Lesung und Podiumsdiskussion zusammentreffen. Am 1. Juni 2012 ist Stephan Thome zusammen mit Huang Fan (黄梵) bei einem Autorengespräch in Nanjing zu erleben.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Vor wenigen Tagen habe ich die Arbeit an meinem zweiten Roman Fliehkräfte abgeschlossen, der im Herbst erscheinen soll. Drei Jahre habe ich daran gearbeitet, während der letzten sechs Monate fast pausenlos. Jetzt ist es geschafft, und es sieht so aus, als sollte die allererste Lesung aus dem neuen Buch Anfang Juni 2012 – also noch vor Erscheinen! – in Nanjing stattfinden. Das freut mich sehr.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

1994 habe ich mich für ein einjähriges China-Stipendium beworben, eher aus einem Bauchgefühl und bloßer Neugierde heraus, ohne einen festen Plan oder bestimmte Erwartungen. Die Stipendiengeber von der Krupp-Stiftung waren so freundlich, mir das Stipendium trotzdem zu gewähren. 1995/96 konnte ich dann für zwölf Monate in Nanjing studieren, außerdem viel reisen und viel vom Land sehen. Das war der Auftakt.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Nach dem einen Jahr in Nanjing habe ich dann noch insgesamt sieben Jahre in Taiwan verbracht, habe Chinesisch gelernt und mich intensiv mit chinesischer Kultur und Philosophie beschäftigt. Ich habe eine Doktorarbeit geschrieben, die sich mit China beschäftigt, dazu viele Aufsätze, habe ein Buch aus dem Chinesischen ins Deutsche übersetzt – meine gesamte akademische Arbeit stand also im Zeichen Chinas. Für meine Arbeit als Schriftsteller gilt das so nicht, aber ich hoffe, dass ich in künftige Bücher meine Erfahrungen in und mit China einbringen kann. Im Übrigen plane ich natürlich, das Land noch häufig zu besuchen und zu bereisen. Der nächste Aufenthalt im Mai/Juni diesen Jahres ist bereits geplant.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Dieses gesamte erste Jahr in Nanjing war ein großartiges Erlebnis. Studenten aus aller Welt haben in unserem Wohnheim gewohnt; lauter Leute, die ich anderswo nie hätte treffen können. Und in gewisser Weise haben wir gleichzeitig alle dieselbe Erfahrung gemacht, das hat ein intensives Gemeinschaftsgefühl gestiftet. Eine sehr besondere Zeit.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Auf einer Reise nach Tibet habe ich in Lhasa gesehen, wie Gefangene auf offenen Lastwagen durch die Straßen gefahren wurden, wohl zur Abschreckung. Solche Machtdemonstrationen finde ich schwer erträglich.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Unbedingt, Gongbao Jiding, also scharf gewürzte Hühnerwürfel mit Erdnüssen.

7) Was ist für Sie „typisch Chinesisch“?

In Deutschland sagt man den Chinesen gerne nach, sie seien förmlich und distanziert. Ich finde, dass meistens das Gegenteil zutrifft. Es gibt, gerade Fremden gegenüber, eine große Unbefangenheit und Direktheit. Typisch Chinesisch ist für mich, ins Taxi zu steigen und innerhalb der ersten zwei Minuten gefragt zu werden: Wo kommste her? Biste verheiratet? (Gerne mit dem Zusatz: Nein? Soll ich dir jemanden vorstellen?) Wie viel verdienste im Monat?

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Die Schrift. Nicht nur, weil sie jedem Einzelnen wiederum eine enorme Eigenleistung abverlangt, um daran zu partizipieren, sondern auch, weil sie auf der Grundlage großer Konstanz immer wieder kreativ und neuartig eingesetzt werden kann und auch eingesetzt wurde.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit dem Staatspräsidenten. Ich würde gerne wissen, wie das ist, wie einem die Leute begegnen (Mitarbeiter, Untergebene, ausländische Politiker, Journalisten). Da es sich um einen Tausch handelt, würde mich natürlich auch interessieren, wie sich Präsident Hu Jintao als deutscher Autor fühlt.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Erstens die Gewohnheit, hauptsächlich chinesisches Essen zu essen, und zweitens alles, was Chinesen (meistens ältere Menschen und Paare) frühmorgens in Parks und auf freien Plätzen tun: Taiji, Qigong, Federball, rückwärts Treppen hochlaufen usw. Diese Art von gemeinschaftlicher Aktivität zu Tagesbeginn finde ich sehr charmant.