Musik Bach und Beethoven auf der "Sheng"

Wu Wei mit der Sheng
Wu Wei mit der Sheng |

Berlin ist eine Drehscheibe zwischen Ost und West. Ein Gemeinplatz freilich, doch wenn man dem chinesischen Musiker und Komponisten Wu Wei zuhört, offenbart sich die tiefe humanistische Bedeutung dieser so inflationär gebrauchten Formel.

Wu Wei, 1970 in China geboren, studierte die traditionelle chinesische Mundorgel Sheng. Er spielte zunächst im chinesischen Nationalorchester, siedelte aber 1995 in die deutsche Hauptstadt um, wo er seine Berufung in der europäischen Klassik und im Jazz fand.

Wu Wei ist stolz darauf, dass sich sein Instrument seit 3000 Jahren kaum verändert hat. Welche europäischen Instrumente können schon auf eine derartig lange Tradition zurückblicken? Erst in den jüngsten Jahren hat die Sheng ein paar Modifikationen erfahren, um den Einsatz im Orchester zu erleichtern. Für Wu Wei ist die Sheng Ausdruck des chinesischen Bedürfnisses nach Harmonie. Der volle, räumliche Klang der Mundorgel, der an ein Akkordeon erinnert, aber auch Klarinette, einzelne Streichinstrumente oder ganze Streichergruppen imitieren kann, gibt dem Wahl-Berliner die Möglichkeit „durch das Instrument zu projizieren, was ich über China in der Vergangenheit und Zukunft denke."

Verbindung von Ost und West...

Mit europäischer Musik kam Wu Wei schon am Konservatorium in Shanghai in Berührung. Die Ausbildung erfolgte zweigleisig. Er studierte traditionelle Musik auf der Sheng, lernte aber auch Klavier sowie Harmonielehre, Tonsatz und Gehörbildung des Westens. Aber das war ihm nicht genug. „Früher dachte ich, die Musik von Beethoven und Mozart klingt einfach nur so. Aber als ich nach Europa kam, verstand ich, dass die Landschaft wirklich so aussieht, wie auf den alten Ölgemälden. In Europa muss ich über die Musik nicht so viel nachdenken, denn sie kommt ganz natürlich zu mir. In einer Kirche fühlt man zum Beispiel, dass diese Musik und Architektur zusammengehören. Früher habe ich nur von Partituren gespielt, aber das Leben ist viel wichtiger, um diese Musik zu begreifen."

Integration und Assimilation sind für Wu Wei keine Fremdwörter. Er greift die europäische Kultur mit beiden Händen und vertieft sich sowohl in ihre Vergangenheit wie auch in ihre Gegenwart. Wenn er auf der Sheng Bach oder Vivaldi spielt, so klingt seine Intonation wie ein magischer Spiegel, der unsere tradierte Klangerfahrung auf wundersame Weise bricht. Doch bei allen Brückenschlägen ist sich Wu Wei seiner Herkunft stets bewusst. „Ich kann nie vergessen, dass meine Wurzeln tief in China liegen, selbst wenn sich meine Musik anders entwickelt. Aber auch wenn ich Bach mit meinem traditionellen chinesischen Instrument spiele, muss ich mich auf die europäische Klangvorstellung einlassen, um die Sprache der Musik zu verstehen. Würde Bach heute leben, hätte er bestimmt Lust, für mich Musik zu schreiben. Jedes Mal, wenn ich ihn spiele, entdecke ich etwas Neues. Ich lebe in zwei Kulturen. Der Ort spielt für mich keine Rolle mehr, doch ich beschäftige mich ebenso mit der Vergangenheit und Zukunft meiner eigenen Kultur, wie mit Klassik und Jazz."

...und Alt und Neu

Durch den Umgang mit Klassik und Jazz veränderte sich auch Wu Weis Verhältnis zu seiner eigenen Kultur. Aus der Distanz lernte er viele Dinge zu verstehen, die ihm früher selbstverständlich erschienen. Das Wissen um die Schönheit der eigenen Kultur ist ihm ein unverzichtbares Gut, das ihm bei der Entdeckung der Fremde Sicherheit gibt. Erste Erfahrungen mit dem Jazz sammelte er bereits in China. „1994 spielte ich zum ersten Mal mit deutschen Musikern auf dem Peking Jazz Festival. Das war für mich eine überwältigende Erfahrung. In der chinesischen Musik hat Improvisation eine ganz andere Bedeutung. Man hat eine feste Melodie, die eine gewisse Freiheit der Artikulation gewährt. Europäische Improvisation ist ganz anders. Ich habe an nichts gedacht, einfach nur improvisiert und war überrascht, dass dabei auch Musik entsteht. Im Orchester musste ich immer warten, bis der Komponist etwas für mich geschrieben hat. Aber durch die Improvisation konnte ich mir ein ganz anderes Terrain erschließen."

Obwohl sich Wu Wei die europäische Kultur als Komplex erschließen musste, weiß er die Feinheiten von Jazz und Klassik doch sehr genau zu trennen. Dabei greift er auf einen kulinarischen Vergleich zurück. „Wenn ich französisch oder italienisch esse, sind das zwei verschiedene Konzepte. Wenn ich eine Mahlzeit zubereite, verwende ich dafür, was das jeweilige Essen braucht. Von jeder musikalischen Stilistik kann man etwas Wertvolles bekommen. Ich versuche jedoch zunächst, das jeweilige Original zu lernen."

Aus verschiedenen Traditionen Neues schaffen

Musik ist für Wu Wei auch Tanz. Jede Bewegung versteht er als Sprache, mit der er den interkulturellen Dialog entfacht. Zur Musik gehört es, seinen Körper kennen zu lernen. Mit Tönen und Bewegung lassen sich Haltungen zum Ausdruck bringen, für die die lineare Fassbarkeit des Wortes einfach zu begrenzt ist. In diesem Sinne versteht sich Wu Wei auch als Botschafter. „Jeder Mensch hat eine Verantwortung für den Frieden, egal, ob er aus Deutschland oder China kommt. Die Menschheit gibt ihre Vorurteile an die nächsten Generationen, und Konflikte, die Jahrhunderte zurückliegen, werden immer weiter geschürt. Erst wenn wir die anderen Kulturen aus sich selbst heraus verstehen lernen, werden wir diese vererbten Vorurteile überwinden."