Deutscher Künstler in Shanghai Rolf A. Klünter Ein Wanderer zwischen den Welten

Rolf Klünter
Rolf Klünter | © Rolf Klünter

Das Atelier von Rolf Klünter liegt im Erdgeschoss eines Hinterhauses an der Taikang Road in der ehemaligen französischen Konzession. Innen zeugt alles vom intensiven Schaffen des Künstlers: überall an den Wänden hängen und stapeln sich Leinwände in verschiedenen Größen und die für ihn typischen schwarzen Nepalbütten.

Das Atelier von Rolf Klünter liegt im Erdgeschoss eines Hinterhauses an der Taikang Road in der ehemaligen französischen Konzession. Innen zeugt alles vom intensiven Schaffen des Künstlers: überall an den Wänden hängen und stapeln sich Leinwände in verschiedenen Größen und die für ihn typischen schwarzen Nepalbütten. "Ich arbeite viel und gerne, allerdings in Schüben. Heute ist seit zwei Monaten mein erster Tag im Atelier", sagt Klünter, ein großer, freundlicher Mann mit weichem Akzent. Damit sind wir schon mitten im Thema, denn wenige Tage zuvor ist die Ausstellung "EurasiaOne" zu Ende gegangen, eine Ausstellung von 18 chinesischen und deutschen Künstlern im "ISLAND6 Arts Center" im Shanghai'er Künstlerviertel Moganshan. Hier war Rolf Klünter nicht nur als Künstler dabei, sondern auch als Initiator und Organisator. Wie kam es dazu?

Der Künstler als Kurator

"Ich wurde gefragt, ob ich etwas zum Besuch von Bundespräsident Köhler in Shanghai machen könnte. Dann hatte ich vor zwei Monaten im Taxi plötzlich die Idee zu dieser Ausstellung und stellte fest, dass dieses Thema ganz viel mit mir zu tun hatte, weil es meine persönliche Lebensgeschichte abschließen würde." Seine Motivation, vor 27 Jahren statt nach New York nach Asien zu gehen, sei nämlich der Auseinandersetzung mit Josef Beuys' Werk "Eurasia" entsprungen, das dieser 1967 zur Zeit des Kalten Krieges als Manifest für einen europäisch-asiatischen Staat gemacht habe.

Nach dem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf ging der Eifeler "Bauernsohn" 1980 mit einem Stipendium für ein halbes Jahr nach Nepal. Er blieb 18 Jahre, lernte Nepali, Sanskrit und Tibetisch und wurde Buddhist. "Ich machte eine zweite Sozialisation durch, bin dort sehr undeutsch geworden", sagt er, fügt aber nach einer kurzen Pause hinzu: "Obwohl man das wohl nie ganz ablegen kann."

Viele Jahre war Klünter als Dozent am Campus of Fine Arts der Tribhuvan University in Katmandu tätig, bevor er 1994 die Zwänge des Entwicklungsdienstes hinter sich ließ und wieder als freier Künstler arbeitete. 1998 kam die Einladung aus Shanghai, die 1999 zu einer großen Ausstellung im Liu Hai Su Museum führte. Der Entschluss, nach Shanghai umzuziehen, fiel schnell und spontan. "Der Umzug hat mir sehr gut getan. Nepal wurde immer enger, und für mich ging es dort nicht weiter, auch künstlerisch nicht." Über die Entscheidung für China war der Künstler selber erstaunt: Nach so vielen Jahren mit enger Berührung zur tibetischen Kultur - Klünter praktiziert tibetischen Buddhismus – "bestanden doch einige Vorbehalte gegenüber den Chinesen", gibt er offen zu. Kaum in Shanghai, lösten sich diese aber im Nu auf. "Ich wurde in Shanghai mit einer derartigen Freundschaftlichkeit empfangen, erlebte so eine Herzlichkeit von allen Seiten", berichtet Klünter, "das hält bis heute an."

Neue Impulse für die Kunst

Mit dem Umzug veränderte sich auch seine Kunst: von südasiatisch beeinflussten, eher farbenfrohen Werken wandte er sich unter dem Einfluss der chinesischen Tuschemalerei der "Farbe" schwarz zu. Es ist vielleicht auch kein Zufall, dass Rolf Klünter in der chinesischen Metropole mit dem Fotografieren und Filmen begonnen hat – moderne Medien, ohne die es kaum möglich wäre, mit dem Tempo der Veränderungen im "urbanen Wust" mitzuhalten. Seit Jahren dokumentiert er seine Umgebung, seinen Arbeitsweg von der Wohnung im 32. Stock zum Atelier mit der Kamera, oder fotografiert des Nachts aus dem Fenster in die dunkle Tiefe.

Ganz neu für ihn ist die Verwendung von Leinwand. 25 Jahre lang verweigerte Klünter sich diesem traditionellen Material. Auch heute darf sie kein eigenständiges Werk sein, sondern nur Teil von Gesamtkunstwerken, die Medien mischen und Grenzen überschreiten. In seinem Beitrag für "EurasiaOne" mit dem Titel "Behind the Veil" hat Klünter sein bevorzugtes Material, geschwärztes nepalesisches Papier, mit 108 kleinen Lichtern und einer Kollage von Fotos verbunden. Die Fotos zeigen Fenster von außen, sind allerdings selber vor einem Fenster angebracht. Der Betrachter, der eigentlich erwartet, nach draußen zu sehen, schaut stattdessen wieder nach innen. Es entsteht ein Gefühl der Orientierungslosigkeit.

Künstler "on the road" - eine neue Generation

Rolf Klünter kennt alle Künstler, die bei "EurasiaOne" versammelt waren, persönlich. Gemeinsam ist ihnen das Element des "Unterwegsseins" zwischen Asien und Europa, die Auseinandersetzung mit dem "Fremden". Dieses "Unterwegssein" ist für ihn eine relativ neue Erscheinung, die erst Ende der 90er Jahre in größerem Ausmaß auftrat. "Viele Arbeiten junger Künstler entstehen heute weniger im Atelier als auf der Reise. Das ist ein Phänomen, das noch gar nicht näher bearbeitet wurde." Der Name der Ausstellung deutet bereits daraufhin, dass das es sich nicht um eine Einzelveranstaltung handeln soll, der Grundstein für eine Weiterentwicklung der spontanen Idee ist gelegt.

Shanghai - immer ein paar Takte schneller

Jedes Jahr kehrt der Künstler mindestens einmal nach Nepal und in die Eifel zurück, wo er auch Ateliers hat und arbeitet. Sein Lebensmittelpunkt ist heute aber in Shanghai, wo er mit seiner chinesischen Frau und dem gemeinsamen Sohn lebt. Sein Aktionsradius im Alltag erstreckt sich dabei auf die Distanz zwischen Wohnung und Atelier – ein Fußweg von zehn Minuten. Klünter reist nicht um des Reisen Willens. Seine Ausstellungen bestimmen das Wann und Wo. Außer Shanghai, Peking, Shenzhen und Lhasa kennt er nichts von China. Sein Gefühl zu seiner Wahlheimat beschreibt Klünter so: "Shanghai macht mich nach sieben Jahren immer noch an, es ist eine interessante und dynamische Stadt, und wir leben mittendrin." Das Unterwegssein in der Millionenmetropole, deren Herz immer ein paar Takte schneller schlägt als der Rest der Welt, ruft bei ihm fortwährend Adrenalinstöße, Assoziationensketten und neue Ideen hervor. "Shanghai – das ist eine gewisse Leichtigkeit, manche nennen es oberflächlich. Dinge entwickeln sich, werden intensiv wahrgenommen und gelebt, dann sind sie plötzlich wieder weg und es ist etwas anderes da." Diese Leichtigkeit gefällt Rolf Klünter sehr, ebenso wie der ausgeprägte Individualismus unter den Shanghaier Künstlern.

Der Preis der Fremde: Sprachlosigkeit

Bei aller Begeisterung für Shanghai vermisst Rolf Klünter manchmal den intellektuellen Austausch. Mit seinen chinesischen Künstlerfreunden und –kollegen gibt es Sprachbarrieren, die Kommunikation funktioniert oft nur über Dritte. Vielen deutschsprachigen Bekannten aus der Expat-Gemeinde wiederum fehlt der kreative Hintergrund. Außerdem ist ihr Aufenthalt in Shanghai fast immer auf zwei, drei Jahre begrenzt. "Es gibt mir hier zu wenige Menschen, mit denen man über einen langen Zeitraum tiefe Gespräche führen und gemeinsam etwas entwickeln kann. Manchmal kommt Besuch aus Deutschland, dann ist das ("die Intensität", Anm. d. Autors) für kurze Zeit präsent, und dann wieder weg. Das ist schmerzhaft." Ist die Unbeständigkeit menschlicher Beziehungen der Preis, den der "Wanderer" zahlt?

Und noch etwas fällt Klünter ein, das die Leidenschaft für seine Wahlheimat dämpft: zu kurze Ampelphasen für Fußgänger. Das habe er schon in vielen Interviews mit chinesischen Journalisten bemängelt; aber scheinbar lesen die Shanghaier Verkehrsplaner den Kulturteil nicht. Er muss sich immer noch beeilen, um auf die andere Straßenseite zu kommen.