Richard Wilhelm und sein Sehnsuchtsland China

Richard Wilhelm
Richard Wilhelm | © Bettina Wilhelm

Er wollte China zum Christentum bekehren. Doch stattdessen bekehrte China ihn: Aus dem evangelischen Missionar wurde ein glühender Bewunderer der chinesischen Kultur.

Richard Wilhelm war zweifellos einer der bedeutendsten Vermittler chinesischer Kultur in Deutschland. Sein 1926 erschienenes Buch Die Seele Chinas traf den Nerv eines deutschen Lesepublikums, das nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs nach neuen Sinnangeboten aus dem Fernen Osten suchte, denn Wilhelm empfahl darin „die chinesische Lebensweisheit“ als „Heilmittel und Rettung für das moderne Europa“. Dass Wilhelm jedoch auch heute noch nahezu allen deutschen China-Interessierten bekannt ist, verdankt sich seiner Leistung als Übersetzer zentraler Werke der chinesischen Philosophie. Die kanonischen Schriften des Konfuzianismus, wie etwa das Lunyu (Gespräche) und die Texte des Mengzi wurden ebenso von ihm ins Deutsche übersetzt, wie die daoistischen Klassiker (Daodejing, Zhuangzi), das alte Orakelbuch Yijing und die Schriften des Mo Di: Übersetzungen in insgesamt acht Bänden, die immer wieder neu aufgelegt werden. Dass eine moderne Sinologie die Übertragungen Richard Wilhelms längst als veraltet betrachtet, interessiert das deutsche Lesepublikum wenig. Richard Wilhelms Versionen der chinesischen Philosophie-Klassiker sind bis zum heutigen Tage allgemein beliebt.

Von Schwaben nach Qingdao

Dabei deutete zunächst nichts darauf hin, dass Richard Wilhelm sich zum Fürsprecher der chinesischen Kultur entwickeln würde. Der 1873 als Sohn eines Glasmalers in Stuttgart geborene Theologe hatte im berühmten Tübinger Stift studiert: an demselben Ort, wo einst auch die Philosophen Hegel und Schelling, sowie Dichter wie Hölderlin und Mörike ihre Studienzeit verbracht hatten. Dieses vom schwäbischen Protestantismus und seiner grüblerischen Denktradition geprägte Milieu hatte einen wichtigen Teil der deutschen Philosophie- und Literaturtradition hervorgebracht. Und es war sicherlich dieses Erbe, das Richard Wilhelm später befähigte, China mit anderen Augen zu sehen als viele seiner Landsleute.

Als junger Pfarrer und Missionar reiste Richard Wilhelm 1899 im Auftrag der Ostasienmission nach Qingdao, in die vom Deutschen Reich neu gegründete Kolonie Jiaozhou im Süden der Shandong-Halbinsel. Wie alle dort lebenden Deutschen gehörte er dort einer Kolonialgesellschaft an, die mit ihren Dienstboten weitgehend abgeschottet vom Alltag der chinesischen Bevölkerung lebte. Doch Richard Wilhelm begnügte sich nicht mit dieser Rolle. Er lernte Chinesisch und suchte bald den Kontakt zu Chinesen. Die koloniale Überheblichkeit seiner Landsleute stieß ihn ab. Als im Jahre 1900 der Boxeraufstand ausbrach und deutsche Soldaten auf der Suche nach den Aufständischen chinesische Dorfbewohner drangsalierten, schritt er ein, verhandelte mit den Dorfältesten und hinderte die deutschen Truppen daran, weitere Ausschreitungen zu begehen. Den festgefügten Vorurteilen westlicher Kaufleute, Verwaltungsangestellter und Militärs setzte er seine eigene Wahrnehmung entgegen. So beispielsweise schreibt er rückblickend in seinem Buch Die Seele Chinas über die allgemein verachteten Kulis: „Was ich nun entdeckte, war nichts weiter, als dass es gar keine Kulis gab: das waren alles Menschen (...)“.

Mittler zwischen Ost und West

In der Folgezeit gründete Wilhelm eine deutsch-chinesische Schule und ein Krankenhaus. Durch seine Kontakte zu traditionell gebildeten chinesischen Beamten, lernte er die chinesische Literatur und Philosophie kennen. Je intensiver er die Schriften des klassischen Altertums studierte, desto größer wurde seine Hochachtung der chinesischen Kultur gegenüber. Die Mission der westlichen Kirchen in China beurteilte er zunehmend skeptisch. Es sei ihm ein Trost, so äußerte er einmal in späteren Jahren, dass er als Missionar keinen einzigen Chinesen bekehrt habe.

Seine Tätigkeit als Lehrer und Schulleiter brachte ihm nicht nur den Respekt seiner chinesischen Freunde ein, sondern auch einen Ehrenrang, den ihm das chinesische Kaiserhaus für seine Verdienste um das Erziehungswesen verlieh.

Als Richard Wilhelm mit seiner Familie im Jahre 1920 nach Deutschland zurückkehrte, war China Republik geworden und Jiaozhou, das im Ersten Weltkrieg von den Japanern besetzt wurde, längst nicht mehr deutsche Kolonie. Eine neue Generation chinesischer Intellektueller suchte nach neuen Konzepten für ein modernes China. Richard Wilhelm reiste 1922 noch einmal nach China: dieses Mal als wissenschaftlicher Berater der deutschen Gesandtschaft in Beijing. Daneben lehrte er an der Beijing Universität deutsche Literatur und Philosophie, verfasste gemeinsam mit einem deutsch-chinesischen Team, dem unter anderen auch Carson Chang angehörte, ein deutsch-englisch-chinesisches Wörterbuch der Philosophie. Eine enge Freundschaft verband ihn mit dem Rektor der „Beida“, Cai Yuanpei, der in Deutschland studiert hatte und sich ebenfalls als Mittler zwischen Deutschland und China betätigte.

Die letzten Jahre

An der Universität in Frankfurt am Main war inzwischen ein sinologischer Lehrstuhl eingerichtet worden, auf den Richard Wilhelm berufen wurde. Er lehrte dort ab 1924 bis zu seinem frühen Tod im Jahre 1930. In diese sechs Jahre fiel die Gründung des Frankfurter „China-Instituts“, das sich – in Zusammenarbeit mit der „Beida“ - zur Aufgabe gemacht hatte, das Verständnis für die chinesische Kultur zu fördern. Freilich war dieses Verständnis nicht zuletzt durch den esoterischen Zeitgeist jener Epoche geprägt. Richard Wilhelm selbst und seine Freunde, zu denen unter anderen Hermann Hesse, Hermann Graf Keyserling und der Psychologe C.G. Jung zählten, pflegten eine eher mystische Vorstellung von „chinesischer Lebensweisheit“, die ihnen als Gegenentwurf zum westlichen Rationalismus diente. Auch die Übersetzungen Wilhelms sind nicht frei von derartigen Projektionen. Doch den Verdiensten Wilhelms um den deutsch-chinesischen Dialog tut dies keinen Abbruch. Sie wirken nach bis in unsere Gegenwart: auf deutscher und chinesischer Seite.