Porträt Gong Linna (龚琳娜)

Gong Linna
Gong Linna | © Gong Linna

Gong Linna gilt als Pionierin der neuen chinesischen Kunstmusik. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Komponisten Robert Zollitsch in Bayern. 2009 tritt sie bei mehreren großen Musikfestivals in Europa auf.

Gong Linna gilt als Pionierin der neuen chinesischen Kunstmusik. Sie wurde 1975 in Guiyang geboren. Mit 17 begann sie ihr Studium als Sängerin am China Conservatory of Music in Peking. Ihre Karriere als Solistin erreichte 2000 einen Höhepunkt, als sie bei der Chinese National Singing Competition mit dem Titel „Beste Sängerin“ ausgezeichnet wurde und auch den „Speziellen Publikumspreis“ erhielt.

2001 nahm Gong Linna ihr erstes Soloalbum Kongque fei lai auf. 2002 folgten Feldstudien zur chinesischen Volksmusik, deren unterschiedliche Stile und Techniken seitdem in ihre eigenen Interpretationen eingeflossen sind. 2006 erreichte ihre CD Zou Shengming De Lu - Walking The Path Of Life, welche vor allem eigene Stücke enthält, auf den vorderen Plätzen der europäischen World Music Charts. Von Kritikern wird Gong Linna als diejenige chinesische Sängerin bezeichnet, die die größte stilistische Vielseitigkeit besitzt. In letzter Zeit singt Gong Linna vor allem Lieder zur chinesischen Zither, Qin, begleitet von Lin Chen (林晨)an der Qin und Wang Hua (王华)an der Langflöte aus Bambus (Xiao). Gong Linna lebt mit ihrem Mann, dem Komponisten für neue chinesische Kunstmusik, Robert Zollitsch und ihren 2 kleinen Kindern am Chiemsee in Bayern. 2009 wird Gong Linna bei mehreren Festivals in Europa und China zu hören sein. Ein Auftritt ganz besonderer Art ist im Dezember in Peking zu erwarten.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

In letzter Zeit hatte ich in China mehrere Vorträge und Konzerte, vor allem klassische Lieder zur Qin, an Universitäten und Hochschulen. Außerdem forsche ich auch über die Musik der chinesischen Literaten, über ihre Ausdrucksmittel und Vortragsweise, um herauszufinden, wie man die traditionellen Gedichtformen shi und ci begreifen und musikalisch vermitteln kann.

2009 werde ich an einigen Musikfestivals in Europa teilnehmen. Vom 3.–5. Juli bin ich beim Folk-Roots-Weltmusik-Festival TFF Rudolstadt, Deutschlands größtem Festival der internationalen Folkmusik, eingeladen, außerdem werde ich am Kaustinen Folk Music Festival in Finnland teilnehmen. Im Herbst werde ich auch sehr wahrscheinlich beim internationalen Kulturfest Europalia in Belgien auftreten, da ist China dieses Jahr Gastland.

Und dann freue ich mich ganz besonders darauf, im Dezember in Peking mit einem Pionier unter den modernen Komponisten in China, Herrn Luo Zhongrong (罗忠镕), zusammenzuarbeiten. Wir bereiten ein Konzert vor, mit neuer Musik zu alten Gedichten. Herr Luo hat in den 1980er Jahren in Deutschland studiert, seine Kompositionstechnik wird heute überall gelehrt, aber niemand singt seine Lieder, denn die Sänger verstehen nicht, wie sie zu singen sind. Herr Luo wird im Dezember 85 Jahre und hat seine eigenen Werke noch nie im Konzert gehört. Ich fühle mich nahezu verpflichtet, seine Lieder zu interpretieren, damit dieser verdiente alte Herr wenigsten einmal die Aufführung seiner Werke genießen kann.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

2002 habe ich meinen heutigen Ehemann Robert Zollitsch kennengelernt, so bin ich zum ersten Mal mit Deutschland in Berührung gekommen. Im Juli 2002 hat er mich nach Deutschland eingeladen, damit ich das Musikfestival TFF Rudolstadt besuchen konnte. Da tat sich mir eine völlig neue Welt auf, Musiker aus allen Ecken der Welt mit ganz verschiedenen Stilen kamen da auf die Bühne, die meisten sehr ursprünglich, ohne große Bühnendekoration oder aufwändige Kostüme, und aus der Vermischung der unterschiedlichsten Folkklänge entstand etwas Neues. Das hat mich an einen verbreiteten Spruch in China erinnert, der – sinngemäß übertragen – in etwa besagt, dass „nur eine ausgeprägte eigene kulturelle Identität in der Welt bestehen kann“. Aber ein Volk, das nicht offen genug ist, ist auch für die Welt nicht offen, es schaut nur immer auf sich selbst und nicht nach außen. Auf diesem internationalen Musikfestival in Deutschland habe ich die Vitalität einer offenen Folkmusik erlebt, und ich habe damals gespürt, dass ich in dieser Richtung arbeiten will. Deshalb bin ich sehr glücklich, dass ich 2009, also sieben Jahre später, in Rudolstadt auftreten werde.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Der Einfluss ist sehr groß. Robert hat meine Haltung zu Musik verändert, er hat mich angeregt, mehr auf die „Wurzeln“ der chinesischen Kultur zu achten. Ich habe begonnen, die Gesangstechnik von Volksliedern zu studieren und in meine neuen Arbeiten einzubauen, und dabei eine spezifisch chinesische Klangfarbe, Technik und Ästhetik mit moderner Kompositionstechnik zu verschmelzen, um einen „Ton“ zu finden, der von der gesamten Stimmung her sehr viel von der Tradition in China verkörpert. In Deutschland habe ich auf der Bühne einen großen Freiraum und kann meinen Auftritt je nach den Erwartungen des Publikums selbst arrangieren. Die Geschmäcker des Publikums im Westen und in China sind unterschiedlich, und so passe ich das ganze Programm und die Art meines Auftritts entsprechend an. Ich kombiniere eher schrille traditionelle Klänge mit sanften, tiefen Klangfarben, so wird das Konzert insgesamt zu einem vielfältigen Erlebnis, erfreut die Zuhörer und vermittelt ihnen zugleich eine Art des Gesangs, die sie von anderen chinesischen Konzerten her nicht kennen.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Meine schönste Erfahrung ist der Kontakt mit der Natur. Ich bin in der Stadt groß geworden und hatte keinen Bezug zu Natur. Jetzt lebe ich am Chiemsee und gehe jeden Tag im Wald spazieren. Im Winter kann es in Deutschland sehr kalt und nebelig sein, das hat mir anfangs Angst gemacht. Im Angesicht dieser Natur fühlte ich mich sehr schwach, mein „Qi“ war nicht im Gleichgewicht mit dem „Qi“ der Natur, ich stellte fest, dass ich da einen klassischen Mangel hatte, wie man ihn in der chinesischen Medizin kennt. Nachdem ich das erkannt hatte, begann ich jeden Tag barfuß im Wald zu gehen, so konnte ich das Qi direkt spüren und mit der Natur in Kontakt treten, als wäre ich selbst ein Baum, oder ein kleines Tier. Und dann spürte ich plötzlich meine eigene Kraft, nach zehn Tagen wurde mein „Qi“ stärker und stärker, bis es einen Zustand des Gleichgewichts mit dem „Qi“ der Natur erreichte, und da hatte ich keine Angst mehr. In der Natur habe ich gelernt, wie sich der Mensch mit der Kraft des Himmels und der Erde verbünden kann, und erst da habe ich verstanden, was ich von klein auf über die Harmonie mit der Natur gehört hatte.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Ich hatte in Deutschland kein richtig unerfreuliches Erlebnis, aber einige Schwierigkeiten gab es schon. Als ich nach Deutschland kam, musste ich wie ein Kind vieles von Anfang an neu lernen, die deutsche Sprache, das Autofahren, auch das Radfahren, und außerdem musste ich mich um meine Kinder kümmern. Manchmal war das wirklich nicht leicht.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Ich lebe hauptsächlich in Bayern, und so esse ich am liebsten die dortigen traditionellen Gerichte wie Schweinebraten mit Sauerkraut.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Ich finde, die Deutschen haben eine gewisse „Härte“. Wegen dieser „Härte“ erlebe ich die Deutschen als besonders aufrichtig und gewissenhaft. Aber manchmal sind sie infolge dieser „Härte“ in gewisser Hinsicht allzu steif und nicht flexibel genug. Aber ich mag diese ernsthafte und sorgfältige Einstellung unter den Deutschen sehr.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Natürlich die deutsche Musik! Ich liebe Bach und Schubert, in der Musik hat mich Deutschland ganz unmittelbar beeinflusst.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Ich möchte mit keinem Künstler tauschen, weil ich mich ja sowieso schon in diesen Kreisen bewege. Wenn es möglich wäre, möchte ich ein ganz anderes Leben kennenlernen, zum Beispiel das eines Bergsteigers, der mit einem Zelt in die Berge geht, und einmal 24 Stunden ohne Kontakt zur heutigen modernen Gesellschaft sein.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Die deutschen Putzgewohnheiten. Beim Kochen chinesischer Speisen wird sehr viel Öl benutzt, das Geschirr wird nie richtig sauber und die Küchen sind oft sehr schmierig. Die Deutschen sind beim Putzen sehr effizient, den Boden kehren, aufwischen, Geschirr abwaschen, den Tisch decken, es geht ganz schnell und alles ist rein, das wäre für jeden Haushalt sehr praktisch.