Porträt Susanne Messmer & George Lindt

Susanne Messmer & George Lindt
Susanne Messmer & George Lindt | © Susanne Messmer

Sie haben Peking für sich entdeckt. Ideenreich setzen sie das dort Gesehene und Gehörte um: Mal im Buch (Susanne Messmer: Peking. Ein Reisebegleiter, Juni 2008), mal im Film (Beijing Bubbles - Punk und Rock in Chinas Hauptstadt, gedreht 2005) oder demnächst auf CD: Poptastic Conversation China.

Susanne Messmer und George Lindt, beide 1971 geboren, sind in Marburg aufgewachsen und leben jetzt in Berlin. George Lindt ist Romanautor (Provinzglück) und Betreiber eines Plattenlabels (Lieblingslied Records). Susanne Messmer ist Journalistin und war zeitweilig Kulturredakteurin bei der TAZ. 2007 lief ihr gemeinsamer Dokumentarfilm Beijing Bubbles in den deutschen Kinos. Nach Gründung des Plattenlabels Fly Fast Records, das sich auf Punk, Rock und Folkmusik aus Asien spezialisiert hat, engagieren sich Susanne Messmer und George Lindt in einem weiteren gemeinsamen Unternehmen: Fly Fast Concepts, ein „Vermittlungsbüro für den europäisch-asiatischen Kulturtransfer“.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

George Lindt: Wir bereiten gerade ein Projekt mit dem Namen Poptastic Conversation China vor. Es wird sich um eine CD handeln, auf der Bands aus dem deutschsprachigen Raum ihre Songs auf Chinesisch singen und chinesische Bands ihre Songs auf Deutsch. Außerdem wird ein kostenloser Sprachkurs Chinesisch für die deutschen und ein kostenloser Sprachkurs Deutsch für die chinesischen Käufer beiliegen.

Susanne Messmer: Ich habe einen literarischen Reisebegleiter über Peking geschrieben, der im Juni 2008 im Insel Verlag erscheint.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Susanne Messmer: Ich interessiere mich schon lange für China. Als ich ein kleines Kind war, wollte meine Mutter über Maos Kulturrevolution (1966-1976) promovieren, ist aber daran gescheitert. Daher habe ich schon als Teenager Bücher wie Edgar Snows „Roter Stern über China“ gelesen. Später begann ich, mich für den jungen chinesischen Film zu interessieren.

George Lindt: 2004 fuhren wir dann zum ersten Mal nach China, als Rucksacktouristen. Eine Freundin stellte uns eine Rockband vor, deren Elan und Selbstbewusstsein uns schwer beeindruckte: Hang On The Box.

Susanne Messmer: Kurz nach unserer Rückkehr nach Deutschland fand ich im Briefkasten eine Nachricht vom International Journalist Programme. Ich hatte ein Stipendium für einen zweimonatigen Aufenthalt in China bekommen und durfte im Mai wieder nach China fliegen. Dort begann ich dann gleich, für unseren Dokumentarfilm Beijing Bubbles über fünf Pekinger Punk-, Folk- und Rockbands zu recherchieren. Als George nachgekommen war, haben wir den Film im Großen und Ganzen binnen zwei Wochen abgedreht.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Wir beschäftigen uns seit damals fast nur noch mit China und werden wohl eines Tages dorthin auswandern.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Die Dreharbeiten zu Beijing Bubbles. Uns wurde von Anfang unglaublich großes Vertrauen entgegen gebracht, wir wurden aufgenommen wie Familienmitglieder. Wahrscheinlich ist es diese Sympathie, die man sofort spürt und die Beijing Bubbles zu einem recht erfolgreichen Film gemacht hat. Wir sind bis heute mit den Protagonisten des Films eng befreundet.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Das ist schwer zu sagen. Eigentlich haben wir noch wenig Unerfreuliches erlebt. Man sollte versuchen zu vermeiden, in Peking Italienisch essen zu gehen.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Das ist noch schwerer zu sagen. Die chinesische Küche ist neben der französischen die raffinierteste und vielfältigste der Welt. Es ist unmöglich, sich auf ein Gericht festzulegen.

7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?

Vor allem die Energie, diese ungeheure Vitalität, die einem Tag für Tag schon im Alltag, auf den Straßen, entgegen schlägt.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Ach, da gibt es tausende. Die Schrift, die Philosophie, die Literatur, die traditionelle wie moderne bildende Kunst, die traditionelle wie zeitgenössische Musik, das Musiktheater, die Architektur, die Astronomie, die Traditionelle Chinesische Medizin, das Essen, die Teekultur. Diese Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen.

9) Mit wem in China würden Sie gerne für einen Tag tauschen?

Susanne Messmer: Vielleicht mit einem Darsteller der Pekingoper, allerdings müsste ich dann auch seine Fähigkeiten haben. Oder mit einem Drehtag von Jia Zhangke, dem chinesischen Regisseur der sechsten Generation, der 2006 den Goldenen Löwen für seinen Film „Still Life“ in Venedig gewonnen hat.

George Lindt: Ich würde gern einen Tag lang in der Haut von Jackie Chan stecken.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Vielleicht die Idee von Laozi, dass der weise Herrscher so weich wie das Wasser wirken soll, nämlich durch Nicht-Tun. Das heißt nicht, dass er nichts tun soll, sondern dass er nicht unnötig in das natürliche Geschehen eingreifen soll. „Wessen Regierung still und unaufdringlich ist, dessen Volk ist unaufdringlich und ehrlich. Wessen Regierung scharfsinnig und stramm ist, dessen Volk ist hinterlistig und unzuverlässig.“