Porträt Liu Sola (刘索拉)

Liu Sola
Liu Sola | © Liu Sola

Sie komponiert, singt und schreibt mit großem Erfolg. Seit 2002 ist Liu Sola künstlerische Beraterin für das HKW in Berlin. Im November 2008 wurde ihre Kammeroper Fantasy of the Red Queen in Hongkong aufgeführt. In deutschen Musikkreisen fühlt sie sich wie „ein Fisch im Wasser“.

Liu Sola stammt aus Peking und hat dort am Central Conservatory of Music Komposition studiert. Zwischen 1988 und 2002 lebte sie zunächst in London und später in New York, wo sie 1997 das Ensemble Liu Sola & Friends gründete. Ihr musikalisches Werk wird durch Alben wie Blues in the East, China Collage, Haunts, June Snow, Spring Snow und Apparitions repräsentiert. Auch die erste chinesische Rockoper Blue Sky - Green Seas stammt aus ihrer Feder. Die Kammeroper in sechs Szenen Fantasy of the Red Queen über Maos Ehefrau Jiang Qing entstand in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Ensemble Modern und hatte im Mai 2006 in Frankfurt Premiere. In diesem Stück war Liu Sola auch in der Hauptrolle zu hören.

Liu Sola ist nicht nur Komponisten sondern singt und schreibt auch erfolgreich. Ihr 1985 verfasster Roman You have no Choice sorgte in ganz China für Aufsehen und wurde mit dem National Novel Award ausgezeichnet. Auch ihre Romane Liu Sola on the Move, Language, Music and Art, Chaos and All That sowie Female Purity Soup erhielten verschiedene Literaturpreise und wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Gegenwärtig komponiert Liu Sola für das Theatre of Voice des britischen Dirigenten Paul Hillier die Kammeroper The After Life of LJT. Uraufführung soll im Mai 2009 in London sein.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Gerade habe ich gemeinsam mit dem Ensemble Modern in Hongkong Fantasy of the Red Queen aufgeführt. Diese Zusammenarbeit begann 2006, die Oper wurde in Deutschland bereits gezeigt. Jetzt war sie noch einmal in Hongkong zu sehen. Nach den Vorstellungen habe ich nun angefangen, eine kurze Oper zu schreiben, in der es um ein Zwiegespräch mit den Geistern der Verstorbenen geht: The After Life of LJT. Diesmal ist das eine Kooperation mit dem des britischen Dirigenten Paul Hillier und dem dänischen Theatre of Voice. Uraufführung soll im Mai 2009 in London sein.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

2002 wurde ich durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gebeten, für das Haus der Kulturen der Welt (HKW) über fünf Jahre als künstlerische Beraterin tätig zu sein. Deshalb mache ich seit 2002 jedes Jahr Projekte in Berlin.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Ich schätze mich glücklich, denn die Leute, mit denen ich zu tun habe, gehören allesamt zur kulturellen und geistigen Elite Deutschlands. Im HKW, in dem ich arbeite, sind alle – vom leitenden Mitarbeiter bis zum normalen Angestellten – ehrlich und unkompliziert. Sie nehmen ihre Arbeit sehr ernst. Ich empfinde bei der Zusammenarbeit mit ihnen eine große Sicherheit, und möchte selbst auch noch mehr dazu zu lernen, denn Deutschland verfügt über sehr fundierte Methoden der Analyse. Aufgrund ihrer philosophischen und theoretischen Tradition legen die Deutschen großen Wert auf Theorie und Analyse. Dadurch haben die Künstler den Anspruch, ihre Werke einer sorgfältigen theoretischen Prüfung zu unterziehen. Man arbeitet substanziell und kreiert nicht einfach etwas, was sich für den Zuhörer originell anhören könnte. Auf mein Privatleben hat sich Deutschland weniger ausgewirkt.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Schwer zu sagen, was am schönsten war. Ich genieße es jedes Mal sehr, dort ein Projekt zu machen. Das liegt aber nicht nur an den Deutschen, sondern auch an den Künstlern und Fachleuten aus aller Welt, die das HKW einlädt. Diese ganze Situation empfinde ich als sehr bereichernd. Mit dem Ensemble Modern zusammenzuarbeiten, war auch sehr schön. Sie gehen die Dinge sehr direkt an, agieren nicht hintenherum und suchen keine Probleme. Die Kooperation mit ihnen war sehr angenehm.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Mir ist nichts besonders Unerfreuliches widerfahren. Wenn ich etwas Unschönes erlebe, vergesse ich das auch ganz schnell wieder. Sicherlich gibt es immer Dinge, die besser oder weniger gut laufen, aber wenn etwas schief geht, hat das auch seine Gründe. Was hätte es für einen Sinn, sich das alles zu merken und auch noch einzeln aufzuzählen.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Das deutsche Sauerkraut schmeckt mir eigentlich sehr gut, aber jeden Tag kann ich das auch nicht essen.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Ich persönlich empfinde es als sehr angenehm, mich mit Deutschen aus der Musikbranche zu unterhalten, denn sie haben ein sehr klares Verständnis von Musiktheorie. Das finde ich typisch für Deutschland. Ich selbst bin sehr an Musiktheorie und Musikästhetik interessiert, aber an vielen anderen Orten schenkt man diesen Dingen keine Aufmerksamkeit. Die klassische und die moderne Musik haben gleichermaßen ihre Ursprünge in Deutschland. So gibt es in Deutschland ein äußerst solides theoretisches Fundament und man spürt, dass die musikalische Grundausbildung sehr gut ist. Daher fühle ich mich hier wie ein Fisch im Wasser. Beispielsweise stoßen manche Arbeiten in anderen Ländern auf Erstaunen oder Befremden, keiner versteht recht, was man da gerade macht, aber für die deutschen Musiker, und oft sogar für das deutsche Publikum, ist alles ganz klar. Sie sind geistig sehr offen, das Publikum bringt sehr gute Vorbildung mit.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Ich mache Musik und kann das nur aus meinem begrenzten Erfahrungsschatz heraus beurteilen. Ich finde die zeitgenössische Musik in Deutschland sehr weit entwickelt. Die Musikausbildung an den Hochschulen ist ausgezeichnet. Und vor den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts war Deutschland bei der klassischen und der modernen Musik weltweit führend.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Ich möchte mit gar niemandem tauschen (lacht).

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Da ich in Deutschland nur arbeite, würde ich deren gewissenhafte und sorgfältige, dabei ungekünstelte, ehrliche Art zu arbeiten in China übernehmen.